Wolf Maahn: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – Das Interview
Wolf Maahn begeistert momentan mit zwei spektakulären Veröffentlichung Fans und Kritiker gleichermaßen. Gerade erst veröffentlichte er über sein eigenes Label das kleine Meisterwerk „Deserteure“ aus dem Jahre 82 erneut, da kommt mit „Direkt Ins Blut 2 (Un)Plugged“ eine schmucke DVD in die Läden. Beide Projekte wurden auch von Soundbase begeistert aufgenommen – Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme. Am 6.5.08 hatten wir die Möglichkeit mit Wolf Maahn trotz Krankheit und Stress ein Gespräch über die großen und kleinen Dinge dieser (Musik-)Welt zu führen.
Hallo Wolf, was macht die Gesundheit? Wie man hört warst Du aktuell ja etwas angeschlagen?
Es wird gerade besser. Ich hatte eine Mittelohrentzündung. Jetzt juckt es, das ist ja ein gutes Zeichen.
Du musstest ja leider am Wochenende ein Konzert absagen. Ein Nachholtermin wird es wohl leider nicht geben?
Nein, leider nicht. Das Konzert sollte ja im Rahmen der Kocherreiter Kulturtage stattfinden und aus diesem Grunde kann es keine Nachholtermine geben. Es wäre allerdings keinem damit gedient gewesen, wenn ich dort so angeschlagen aufgetreten wäre.
Aktuell stehen ja zwei tolle Veröffentlichungen von Dir im Fokus des Interesses. Danke, dass „Deserteure“ wieder veröffentlicht wurde. Überrascht und stolz, dass die Scheibe immer noch so gute Kritiken bekommt?
Ja, klar ist man da stolz. Die Scheibe hat ja auch einige abgedrehte Sounds und ist somit für die Trendschreiber auch wieder interessant. Im Grunde ist das Album zeitlos und somit auch heute noch aktuell.
Ja, leider aber auch textlich aktueller denn je. Ist es nicht erschreckend, dass sich die Technik, gerade im Hinblick auf die modernsten Kommunikationsmittel, seit 82 derart weiterentwickelt hat, der Mensch aber nicht? An der Aktualität des „Königsdorf-Tango“ hat sich ja wenig geändert.
Besitzstandswahrung ist da immer noch das Stichwort. Es geht vielen halt immer um mein Auto/mein Haus/mein Pferd. Das war damals schon so und daran hat sich bis heute noch nichts geändert. Der ReRelease ist vor allem für Fans gedacht. Es war kein Zustand, dass die Scheibe im offiziellen Handel nicht mehr erhältlich war. Das Album ist ja auch ein Stück Zeitgeschichte und könnte vom Sound tatsächlich von heute sein.
Wurde das Album denn noch großartig bearbeitet?
Sehr dezent und behutsam. Es ist jetzt ein bisschen lauter und ein bisschen mehr Bass ist dazugekommen.
Es stellt sich ja auch die Frage, warum die Plattenfirma das Potenzial der Scheibe nicht erkannt hat und es so lange im Keller und den Archiven geschlummert hat?
Ja, vermutlich hat das wirklich keiner erkannt und es hat auch keinen mehr interessiert. Das Album ist aber auch den großen Fusionen zum Opfer gefallen. Letztlich lagen dann die Rechte bei Universal und da wechselten ständig die Ansprechpartner und irgendwann verschwanden dann sehr viele Alben im Keller.
Und nun hast Du die Rechte komplett zurück? Auch an „Zauberstraßen“? Ist da auch eine Neuveröffentlichung geplant?
Ja, an beiden Scheiben. Für „Zauberstraßen“ ist natürlich auch eine Wiederveröffentlichung geplant. Auch dieses Album gibt es ja nun nicht mehr offiziell zu kaufen. Mal sehen, wie das bearbeitet wird, es sollen auch ein paar Bonus Tracks drauf kommen.
Hast Du eigentlich komplett die Rechte an Deinem Backkatalog?
Nur für die Universal-Alben, nicht für die EMI-Geschichten.
Die DVD „Direkt Ins Blut 2“ ruft ja auch ein großes Medienecho hervor, besonders im TV. Ist der Multiplikator Fernsehen für Dich als Künstler immer noch so wichtig?
In diesem Fall schon. Der WDR hat es als Special um 23 Uhr ausgestrahlt, eine Sendezeit wie in alten Rockpalastzeiten. Zudem hatten wir das Glück, dass es auch bei Pop Around The Clock ausgestrahlt wurde. Das Konzert spricht eine Menge Leute an. Das merkt man auch als Künstler, sofort ist man wieder im Bewusstsein der Leute und auch die Plattenverkäufe steigen. Insgesamt hatten wir damit bereits vier TV-Ausstrahlungen, und das, obwohl man sonst ja nur noch Volksmusik im Fernsehen geboten bekommt.
Spielt das Radio überhaupt noch eine Rolle?
Nein, nicht mehr wirklich. Früher gab es über eine Millionen abrufbarer Titel für die Macher und Redakteure. Mittlerweile bedienen die sich alle aus einem Pool von 800 Songs. Das muss man sich mal vorstellen. Von Flensburg bis Garmisch greifen dann alle auf diese paar Songs zurück. Jetzt dümpelt alles nur noch vor sich her. Früher konnte ein Redakteur seine Sendungen wenigstens noch selber zusammenstellen. Heutzutage ist doch alles in automatische Playlists zusammengefasst. Risiken geht heute kaum einer mehr ein und die Marktforschungen bestimmen mehr oder weniger die Programme.
Demnach brauchen wir auch keine Deutschquote mehr?
Das ist ja schon etwas besser geworden und es werden wieder mehr deutsche Titel gespielt. Jetzt sind es halt nicht mehr 2 % sondern vielleicht 4 %. Deutsch ist nun mal meine Sprache und ich bin der Meinung, die Songs werden in der Muttersprache von den Leuten anders wahrgenommen. Im Grunde ging es aber darum, dass die Programme wieder vielfältiger werden. Warum nicht auch mal was französisches?
Gibt es für einen Künstler überhaupt noch die Plattform, wo er sich präsentieren kann? Im Internet? Und sind illegale Downloads wirklich der Sargnagel der Musikindustrie?
Es ist alles vielfältiger geworden. Da haben viele Seiten geschlafen, auch die Plattenfirmen. Die kommen ja erst seit kurzem auf die Idee Songs auch als offiziellen Download anzubieten. Streamings werden auch unterschätzt. Dieses Problem haben die Plattenfirmen überhaupt noch nicht so richtig erkannt. Wenn ich mir z.B. ein paar Songs vom neuen Foo Fighters Album anhören möchte, dann kann ich das ja ohne Problem jederzeit machen und auch entsprechend capturen. Es ist mittlerweile eine schlechte Angewohnheit zu glauben, dass alles immer und überall kostenlos verfügbar sein muss. Viele Jugendliche kennen dies mittlerweile gar nicht mehr anders.
Hast Du denn wirklich damit zu kämpfen? Wenn ich mir im Bonusmaterial der DVD Deine Fans mit leuchtenden Augen von Dir reden höre, dann wird ja keiner von denen auf die Idee kommen was von Wolf Maahn illegal runter zuladen. Man will doch von seinem Lieblingskünstler alles im Original haben. Klar, dies sind die Hardcorefans, aber Deine Fangemeinde ist über die Jahre ja eine gewachsene Einheit.
Ja, das stimmt schon. Mir geht es ähnlich, ich will ein Album ja auch in alle Facetten erleben und das geht über die Musik hinaus. Ich lese dann das Booklet bis hinein in die Credits. Was allerdings heute fehlt ist das haptische Erlebnis einer Vinyl-Scheibe. Früher nahm man ein Cover schon alleine wegen seiner Größe ganz anders wahr. Das hat sich schon massiv geändert und spielt gerade für die jungen Leute nicht mehr eine so große Rolle. Aber grundsätzlich sind die illegalen Downloads nicht das Hauptproblem, da wurden auch ganz andere Fehler von allen Seiten gemacht.
Du bist ja auch als Produzent tätig. Stimmt es eigentlich, dass Du mal die Die Ärzte produzieren solltest oder wolltest? Oder war das nur ein Gerücht?
Nein, das stimmt schon so. Das war damals zu Zeiten von „Debil“, da kam die Anfrage. Leider ging das zeitlich nicht und ich war auch mit meiner eigenen Musik beschäftigt.
Eine andere sehr erfolgreiche Band setzt sich ja aus der halben Mannschaft zusammen, die mal für Dich tätig war. Verfolgst Du noch was die Jungs mit und bei BAP machen?
Auch, wenn ich zu den Jungs jetzt schon länger keinen Kontakt mehr hatte, gucke ich natürlich schon, was die so machen und bin wirklich froh, dass die so gut untergekommen sind.
Gibt es eigentlich aktuelle Musik die Dich inspiriert?
Meine Frau lädt sich ständig, in Klammern legal, Sachen auf ihren MP3 Player. Daher kriege ich z.B. dauernd neuen Input. Aktuell gibt es sehr viele gute Musik da draussen. Snow Patrol ist der Hammer. Ich meine „Final Straw“, die jetzt wiederveröffentlichte erste Scheibe. Auch „Human Conditions“ von Richard Ashcroft ist ein ganz feines Album, das ich gerade wieder neu entdeckt habe. Gestern habe ich die DVD „Heima“ von Sigur Rós gesehen, sehr beeindruckend.
Die kommen bald auch wieder nach Köln auf Tour.
Ich habe die mal in der Philharmonie gesehen, ein klasse Konzert, auch wenn man sich bei manchen Song hier und da denkt, jetzt noch ein Ton mehr, das wäre es. Aber alles in allem gibt es momentan schon sehr viel gute Musik.
Mal ein Schritt ganz zurück in die Vergangenheit. Hast Du damals wirklich die Beatles in München live gesehen oder ist das nur eine Ente?
Nee, da war ich wirklich dabei.
Mich als alter Beatles Fan interessiert natürlich wie es war. War es wirklich ein so unvergessliches Ereignis oder verklärt man das heute zu sehr?
Nein, das war wirklich total beeindruckend. Man muss sich vorstellen, dass die auch nur eine halbe Stunde gespielt haben. Da waren irgendwie so sechs Vorgruppen und dann kamen die Beatles. Diese halbe Stunde war wie ein Rausch, absolut inspirierend und für uns was komplett neues.
War man sich der historischen Bedeutung überhaupt bewusst?
Nein, wir jungen Kerle saugten nur die neuen Klänge auf. Paperback Writer war gerade die neue Single, sie spielten es als ersten Song, einfach unglaublich.
Wenn ich reflektiere was Wolf Maahn für mich ausmacht, ist dies neben dem Musiker auch immer untrennbar mit dem Bild des politisch aktiven Menschen Maahn verbunden. Gibt es im Rückblick Dinge, wo Du heute sagst, das hätte ich besser nicht gemacht, z.B. die Unterstützung von Wolfgang Clement?
Ich würde dies, wenn die Situation vergleichbar wäre, auch heute wieder so machen.
Ging es darum das kleinere Übel gegenüber zu Rüttgers zu unterstützen?
Wenn man sich mal anguckt, was der Rüttgers für wirres Zeug geredet hat, dann musste man sehen, dass so einer nicht die Führungsfigur des Landes NRW wird. Was der da alles für irren Kram von sich gegeben hat. „Kinder statt Inder“ bei so was kann man einfach nur die andere Seite unterstützen. Natürlich muss man sich schon bewusst sein, dass Politiker einen dann auch für sich instrumentalisieren wollen und im weitesten Sinne missbrauchen. Es hat immer einen komischen Beigeschmack, denn man weiß ja, dass im Wahlkampf Dinge versprochen werden, die sowieso nicht gehalten werden. Wenn man dann aber einen Meter neben Schröder steht und hört was der alles von sich gibt, hat das noch mal eine ganz andere Qualität.
Können Künstler heute überhaupt noch was in Richtung Politik bewegen?
Ich kann bei verschiedenen Benefizkonzerten auftreten und Gelder sammeln. Ich glaube aber nicht, dass sich was ändert, nur weil ich auf der Bühne singe. Musik kann allerdings etwas unterstützen, was schon da ist.
Dringt man denn überhaupt noch zu den Leuten vor? Oder wird mittlerweile nicht zu inflationär damit umgegangen? Warum gehen die Leute heute noch auf Benefizkonzerte? Doch nicht weil es um die Sache geht, sondern weil da gerade Grönemeyer oder Bono singt.
Es unterscheidet sich wohl insofern z.B. zu den 80ern, dass die Leute damals wirklich dachten sie könnten was am System verändern. Es gab eine Bewegung und wir alle rebellierten gemeinsam.
Nimmt man als Künstler dann auch bewusst in Kauf, dass man dafür Kloppe kriegt? Grönemeyer und Bono spalten da ja sogar ihre Fanlager.
Ich für meinen Teil merke das bei meinen Fans weniger. Aber das ist ja auch wieder so ein deutsches Phänomen. In den USA ist es z.B. völlig selbstverständlich, dass R.E.M. Obama unterstützen oder Jack Nicholson Hillary Clinton. Das wird zur Kenntnis genommen und nicht besonders in Frage gestellt, das Selbstverständnis ist dort ein anderes wie hier.
Welches Thema liegt Dir denn da besonders am Herzen?
Man sollte mehr auf die ganzen Börsenspekulanten aufmerksam machen, und daß ein großer Teil unserer Probleme genau daher kommt. Es geht ja nicht mehr einfach um Gewinnmaximierung, mittlerweile ist es nur noch das Tempo, was zählt. Es ist doch ein Irrsinn, dass es Menschen gibt, die an der Börse mehr oder weniger darauf wetten, wie viel Menschen z.B. in Afrika verhungern. Das nennen sie dann „Futures“. Ganz viele Probleme kommen auch bei uns von daher. Das Wegbrechen des Mittelstandes, Entlassungen und und und. Darauf muss man einfach hinweisen, und wenn man sich damit eingehender beschäftigt, dann kommen da einfach unerträgliche Dinge an die Oberfläche.
Noch mal zurück zur Musik: Bist Du eher Livemusiker oder frickelst Du lieber im Studio?
Also ich alleine mit einem neuen Song, das ist schon was ganz Besonderes. Aber kurz danach kommt schon das Liveerlebnis. Im besten Falle inspirieren sich die Musiker und das Publikum gegenseitig. Ich kann gar nicht beschreiben, was auf der Bühne mit mir passiert, aber das ist schon ganz speziell.
Gibst Du lieber intime Konzert wie in Stommeln oder bevorzugst Du die große Bühne?
So ein intimer Rahmen hat schon was. Die Leute saßen ja quasi mit auf der Bühne. Aber wenn man sich ein bisschen bewegen oder laufen kann ist das auch schön. Kommt auf die Situation an. Für die DVD wurden zwei Shows aufgenommen, und was man jetzt zu Beginn sieht ist eigentlich der Anfang der zweiten, der Abend-Show. Da wussten wir dann schon, was wir im Kasten hatten und dementsprechend locker waren wir.
Wolf, zum Abschluss noch die Frage, was in musikalischer Hinsicht als nächstes bei Dir ansteht? Tour? Wird es auch ein neues Album geben?
Momentan stehen einige interessante Projekte mit anderen Künstlern zur Debatte, über die ich aber noch nichts sagen kann. Dann steht natürlich die weitere Tour an und, wie schon erwähnt, wird auch „Zauberstraßen“ in erweiterter Form wieder veröffentlicht werden.
Wolf, vielen Dank für das angenehme Gespräch und viel Spaß auf Tour!
Soundbase bedankt sich bei der freundlichen Unterstützung von Schmitt & Rauch Promotion und natürlich bei Wolf Maahn!