Wolf Maahn war vor über 25 Jahren für viele, viele Menschen eine Offenbarung. Klar, auch heute noch hat man den Mann auf dem musikalischen Schirm, aber in Zeiten der medialen und musikalischen Übersättigung geht er zum Teil heute doch in der großen Masse unter. Seine Berechtigung hat er aber trotzdem auch heute noch und für nicht Wenige Menschen ist er noch der einzige relevante deutschsprachige Künstler. Alte Weggefährten haben sich längst in andere Sphären erhoben und sind heute genau dort angekommen, wogegen sie zu Beginn der Karriere (an-)gesungen haben. Wolf Maahn, so scheint es, ist sich immer treu geblieben und hat dabei wahrscheinlich auf den ganz großen kommerziellen Erfolg mit riesigen Stadien verzichtet. Das Talent dazu hätte er zweifelsohne.
Erfolge konnte der gute Mann trotzdem in Massen einfahren. Gemeinsame Touren im Vorprogramm von Bob Dylan, Roxy Music, Bob Marley und Fleetwood Mac sprechen da eine deutliche Sprache. Chartplatzierungen in höchsten Regionen mit dem Überalbum „Kleine Helden“, Songs für den Tatort und und und. Im Gedächtnis ist aber auch ganz besonders sein Debütalbum „Deserteure“ geblieben.
Wir schreiben das Jahr 1982. Eine gewissen Nicole gewinnt mit „Ein bißchen Frieden“ den Eurovision Song Contest. Gottlieb Wendehals steht an der Spitzenposition der deutschen Charts. Markus „Will Spaß“, Andi Borg singt von „Adios Amor“ und Michael Schanze steht mit „Ole Espana“ an der Spitze der Albumcharts. Musikalisch sähe es für die Jugend dieses Landes also alles andere als gut aus, wären da nicht BAP, Spliff, Falco, Die Ärzte - und eben Wolf Maahn. Wer Anfang der 80er seine eigene musikalische Identität suchte und sich von seinen Eltern abgrenzen wollte und genug hatte von Boney M., Abba, Maffay und der ganzen Bagage, der fand in Wolf Maahn einen Künstler vor, der in vielen Dingen zu einer Art Sprachrohr avancierte. Vielleicht ist das heute nicht mehr nachvollziehbar, aber sein Debütalbum „Deserteure“ war in vielerlei Hinsicht eine Offenbarung. Die Scheibe war nun mehr als 16 Jahre nicht mehr erhältlich. 2007 erwarb Maahn die Rechte für sein eigenes Label zurück und remasterte es in seinem Kölner Studio.
Gut, dass es das Album wieder käuflich zu erwerben gibt! Wer die Songs jahrelang nicht mehr gehört hat, wird nicht nur Dank des verbesserten Klangs einen Freudenhüpfer machen. Nein, das ganze Album ist auch heute noch erstaunlich aktuell. Musikalisch wie auch textlich hat das Dingen nichts an seiner Schlagkraft eingebüßt. Der Waschzettel spricht hier von einem Album „…das seismographisch die Stimmung einer Generation widerspiegelt, die ausbrechen wollte aus der nationalen „Mein Auto, mein Haus, mein Pferde“-Strategie im Schatten eines absurden wie bedrohlichen Rüstungswettlaufs." Hat sich denn von damals bis heute so wenig getan? Ist trotz all´ des technischen Fortschritts und seiner Errungenschaften ein Stillstand eingetreten? Der bitterböse „Der Königsdorf-Tango“ ist heute mehr denn je aktuell und hält der Gesellschaft immer noch treffend den Spiegel vor die Nase. Auch provozierende Tracks wie „Herren“, „Ich bin German“, „Deserteure“ und der Bonus-Track „Der Elefant“ sind nicht nur musikalisch immer noch innovativ und relevant, sondern sind inhaltlich immer noch von einer Aktualität, dass es fast schon beängstigend ist. Im krassen Gegensatz dazu steht dann ein Liebeslied wie „Oh, Julia“.
Fazit: „Deserteure“ ist auch heute noch ein feines, relevantes Album. In der Nachbetrachtung ist das Werk, auch wenn man an vielen Ecken sein Entstehungsjahrzehnt hört, einfach ein zeitloses Musikdokument, welches von seiner musikalischen und textlichen Schlagkraft nichts eingebüßt hat. Dieses Album entlarvt Wolf Maahn als einen der ganz großen seiner Zunft, gut, dass er seinerzeit desertiert ist!