Wilco haben schon so gut wie jeden Stil durch den Fleischwolf gedreht. Egal ob Pop, Elektronik, Americana, Rock oder sogar Krautrock, Jeff Tweedy und seine Mitstreiter haben diese ganzen Spielwiesen schon beackert. Demnach passt die Band also in keine Schublade und doch lugt eigentlich unter der Oberfläche immer das Folkgewand hindurch. Anders ausgedrückt, dass Grundgerüst wird immer im Folk verwurzelt sein und drum herum wird dann mit allerlei feinen Schattierungen, Farben und Stilmitteln der eigentliche Song gebaut. Auf dem mit Spannung erwarteten neuen Werk „Sky Blue Sky“ dürfte das nicht anders sein.
Und wieder gibt es hier die ein oder andere neue Facette im Wilco Kosmos zu verzeichnen. Die zwölf Songs sind, na klar, grds. angesiedelt im Folk- und/oder Singer/Songwriter Genre. Dazu gibt es allerdings wieder jede Menge andere Zutaten, die man so nicht unbedingt von der Band erwartet hat. Aber genau dies macht die Einzigartigkeit aus. Oder wer würde Wilco jetzt in einem Atemzug mit The Greatful Dead oder Santana nennen? Eben! Nicht unbedingt ein Vergleich, der bisher auf der Hand lag. Aber der Reihe nach…
Recht ruhig und entspannt startet die Platte mit dem wunderschönen „Either Way“. Locker, leicht und mit ganz viel Gefühl schält sich der Track aus den Boxen und dann kommt ein kleines Gitarrensolo, wie es Jerry Garcia nicht besser hinbekommen hätte. Locker und beschwingt kommt dann die nächste Nummer „You Are My Face“ daher. Bei der Gitarrenarbeit blinzelt Neil Young mal kurz um die Ecke. „Impossible Germany“ verlässt den eingeschlagenen Weg nicht. Diesmal erinnert das Gitarrengegniedelt eindeutig an Santana. Und wer sich jetzt verwundert die Augen reibt und sich die Frage stellt, ob es sich hier um die selben Wilco handelt, die mit dem Vorgänger „A Ghost Is Born“ noch ein experimentelles und abgedrehtes Werk vorgelegt haben – ja tut es. Und diese lockeren, leichten, luftigen Nummern sind allerfeinste Feinschmeckerkost. Die Stimme von Tweedy ist dazu noch gut wie nie, man höre sich dazu nur den Titeltrack „Sky Blue Sky“ an. Musik zum hinknien schön. „Side with the Seeds“ wird anfänglich dann weniger von den Gitarren dominiert, nein, vielmehr stellen hier Klavier und Keyboard den Motor des Songs dar. Jazzig angehaucht startet danach „Side with the Seeds“ um dann doch noch eine Kurskorrektur in Richtung Rock vorzunehmen.
Das sehr reduzierte und nachdenkliche „Please Be Patient with Me“ eröffnet die zweite Albumhälfte. Das anschließende „Hate It Here“ ist wie eine gute Mischung zwischen den Beatles und Neil Young mit seinen Crazy Horse im Wilcogewand. Ganz großes Kino! „Leave Me (Like You Found Me)“ fährt eher die ruhige und melancholische Schiene. Ein Track mit eingebauter Gänsehautgarantie. „Walken“ fetzt mit seiner Taktfolge fast schon. Bei „What Light“ orientiert sich Tweedy dann nicht nur musikalisch, sondern auch gesanglich an Bob Dylan. „On and On and On“ beendet dann „Sky Blue Sky“ und nicht ein einziger Ton hier war überflüssig oder unnötig. Ein Album wie aus einem Guss.
Fazit: Vielleicht ist der ein oder andere jetzt irritiert, dass Wilco den Weg zurück von den Experimenten zum Song gefunden haben. „Sky Blue Sky“ jedenfalls ist ein wunderschönes, luftiges, sensibles, melancholisches, aber auch frühlingshaftes, leichtes Meisterwerk, welches Anleihen bei Jazz, Prog, Blues und Southernsoul sucht und findet. Klavier, Pedal-Steel, Schlagzeug , Bass und hier und da dezente Streicher (arrangiert von Jim O’Rourke), mehr braucht es für dieses Kleinod nicht. Prädikat besonders wertvoll!