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Vic Chesnutt: North Star Deserter Tipp

(Constellation/Southern Records)

Autor: schlimm / Wertung: 10,5 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Vic Chesnutt North Star DeserterAlben von Vic Chesnutt sind immer wieder eine Fundgrube – für Fans wie auch für Kritiker. Der Inhalt gibt allerdings oft Rätsel auf. Sind die Texte nun eher fiktiv oder doch autobiografisch? Oder sind die Grenzen hierzu fließend? Ein bisschen wohl von allem und da der Künstler nun schön öfters erwähnt hat, dass sein eigenes Leben auch Pate für seine Lyrik steht und stand, kann man sich als Hörer nie sicher sein, ob die vertonten Geschichten nun erfunden sind und ins Reich der Fabel gehören oder ob nicht doch ein großes Körnchen von Vics Leben darin steckt. Sein Südstaaten-Akzent und seine Vorliebe dafür regionale Ausdrucksweisen zu verwenden macht es dem Zuhörer oft noch schwerer. Eins eint allerdings alle seine Songs – sie gehen zu Herzen und berühren. Seine musikalische Ausrichtung und Sozialstation ist sicher das Folk- und bisweilen auch Countrygenre. Einflüsse von Bob Dylan, Neil Young oder Hank Williams sind unverkennbar. Allerdings halten in seine Arbeit auch immer wieder Teile des Punk Einzug. So nun auch auf seinem neuesten Werk „North Star Deserter“.

Und wer meint, dass Folk/Country und Punk so weit voneinander entfernt sind wie Barry White und Slayer, der irrt. Vic Chesnutt verwebt diese Stile so geschickt, als hätten sie gut gerührt und gerüttelt schon immer eine Richtung ergeben. Dazu hat er sich für sein neuerliches Album auch wieder die richtige Unterstützung geholt. Guy Picciotto von Fugazi und Bruce Cawdron von Godspeed You! Black Emperor sind in vielen (Indie-)Kreisen wahre Helden. Auch greifen dem Mann eine Menge anderer Leute unter die Arme. Aber keine Angst, „North Star Deserter“ ist keineswegs überladen, sondern immer genau auf den Punkt gebracht und von spärlicher Instrumentierung bis hin zum Feedbackausbruch passt hier alles wie aus einem Guss zusammen. Die Scheibe wurde übrigens als eine der letzten Aufnahmen im Winter 06/07 im original Hotel2Tango Studio in Montreal aufgenommen.

Los geht der zwölf Song starke Reigen mit dem schönen, fast nur von der Stimme getragenen „Warm“. Schon direkt zu Beginn stellen sich sämtliche Nackenhaare auf. „Glossolalia“ dagegen schlägt eine etwas andere Richtung ein. Herzergreifend, wie sich der Song zu einem Chantey steigert und von einer melancholischen Note durchzogen wird. „Everything I Say“ beginnt zwar ruhig, aber dies scheint nur die Ruhe vor dem Sturm zu sein. Zum Refrain hin gibt es einen regelrechten rockigen Ausbruch, die Gitarren lärmen, der Bass pumpt, der Schlagzeug scheppert und über allem thront ein Keyboardteppich. Nach hinten raus darf man sich noch an einer schönen Feedbackorgie erfreuen. Reduziert geht es dann mit „Wallace Stevens“ weiter, wo Chesnutt seinen Hang auslebt Endsilben besonders lang zu ziehen. „Your Are Never Alone“ ist ähnlich ausgerichtet, hat aber noch einen schönen Chorus in der Hinterhand. Ganz traurig wird es dann bei „Fodder On Her Wings“ fast flüsternd trägt Vic Chesnutt seinen Weltschmerz vor.

Die zweite Albumhälfte beginnt mit einem skizzenhaften Gitarrenthema. Besser hätten Sonic Youth „Splendid“ wohl auch nicht hinbekommen oder interpretiert. Die Grenzen zu „Rustic City Fathers“ sind fast fließend, bevor es mit „Over“ wieder einen fast nur von der Stimme getragenen Song gibt. Eine Akustikgitarre kommt nur zum Einsatz, soweit es unbedingt notwendig ist. Lärmend geht es dann auf die Zielgerade. „Debriefing“ ist Indie-Krach in schönster Vollendung. Mit „Marathon“ und „Rattle“ werden zum Ende hin noch mal die melancholischen und nachdenklichen Töne ausgepackt. Ergreifend!

Fazit: Vic Chesnutt hat seinem Gesamtwerk ein weiteres feines Album hinzugefügt. Der Mann kann anscheinend einfach keine schlechte Musik schreiben und vertonen. Sicher, leichte Kost kriegt man hier nicht geboten, aber dafür sind auch ganz andere zuständig. Egal ob in der Singer/Songwriter Ecke, Country- oder Folkgefilden oder gar dem Indierock, Chesnutt versteht es überall Maßstäbe zu setzen. Ein erhabenes Album welches ganz sicher essentiell für die gut sortierte Sammlung sein dürfte!

http://www.vicchesnutt.com/

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