Udo Lindenberg ist mit seinem aktuellen Album „Stark Wie Zwei“ immens erfolgreich und mal wieder in aller Munde. Von seinen Kollegen wird er über alle Maßen geschätzt und auch die Kritiker sind vom Künstler Lindenberg des Jahres 2008 begeistert. Es gab sicher Jahre, wo er nicht ganz so im Fokus der deutschen Öffentlichkeit stand und doch kann man ihn nun schon seit über drei Jahrzehnten zum deutschen Kulturgut zählen. Der Mann ist aber nicht nur Texter, Schlagzeuger, Sänger und Musiker in Personalunion, sondern auch Maler.
Wer sich bisher nicht mit dieser künstlerischen Ausdrucksform von Lindenberg auseinandergesetzt hat, der wird vermutlich schnell in Stereotypen verfallen. Noch ein Musiker der meint er könnte malen? Ein malender Musiker – muss das sein? Es muss! Der Künstler selber würde dies in seiner perfektionierten Coolness freilich ganz anders sehen. Vieles kann, nichts muss. Aus der Sicht des Betrachters gibt es allerdings keine Diskussion, denn die Kunstwelt wäre ohne die gemalten Werke von Udo Lindenberg ein Stück ärmer. Zu viel Pathos? Das Lindenwerk lehrt einen etwas anderes!
Der erste Protagonist der neuen Exzessoren, wie sich Lindenberg selber sieht, kam recht spät zur Malerei. Der großartige Joseph Beuys war der Ausschlag dafür, dass er den Pinsel in die Hand nahm. Beuys selber findet, dass jeder in allen Bereichen des Lebens ein Künstler ist. Die ersten zaghaften Versuche gab es mit den Udogrammen. Eine einfache Unterschrift für die Fans war Lindenberg einfach zu wenig und so entstand aus den ersten Selbstporträts letztlich die Malerei lindenbergischer Prägung.

Das beachtliche Gesamtkunstwerk basiert auf den zwölf großformatigen Bildern für den Kosmos-Kalender im Jahre 1995. Nach über dreißig Ausstellungen ist es also mal wieder an der Zeit seinen Bildband neu aufzulegen und ein persönliches Resümee zu ziehen. Die Neuauflage - des schnell zum Kultbuch mutierten opulenten Bildbandes - ist selbstverständlich angereichert mit zahlreichen und bisher unveröffentlichten Zeichnungen.
Die Aufmachung des dicken Wälzers kann man als Augenschmaus bezeichnen. Die 308 Seiten mit ca. 300 farbigen Abbildungen sind fadengeheftet, auf schwerem Bildruckpapier und selbstverständlich im Premium-Hardcover im Großformat. So kommen die einzelnen Werke auch in der verkleinerten Ausgabe zum Original richtig zur Geltung. Die Ausgabe ist übrigens auf 3.000 Stück limitiert und vom Meister höchstpersönlich handsegniert! Und dies alles zum Preis von 49,90 €! Hier stimmt das Preisleistungsverhältnis noch!
Aber auch der Inhalt stimmt. Oder anders gesagt: „Das Lindenwerk“ ist für Kunstliebhaber unverzichtbar! Lindenberg hat ein ihm angeborenes Talent mit wenig sehr viel zu sagen. Dies gilt für seine Songs, wie auch für seine Malerei. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um ein paar Strichzeichnungen und ein bisschen Farbe. Was Lindenberg hieraus aber zaubert ist ein ganz eigener Stil. Wie seine Musik, sind auch seine Bilder mit einer ganz persönlichen, lässigen Note versehen und ergeben unter dem Strich 100 % Lindenberg. Seine Mischtechnik hat Stil! Punkt!

Er selber nennt das fast beiläufig und lapidar Lindiismus. Trotzdem war und ist der Mann immer so viel mehr als der lässige Deutschrocker. Er hat sich immer einen Blick für die kleinen Dinge des Alltags bewahrt und auch seine politischen Beobachtungen stets mit dem nötigen Scharfsinn kundgetan. Die hier in elf Kapiteln präsentierten Gemälde, Collagen, Zeichnungen und Likörelle unterstreichen dies auf eindrucksvolle Art und Weise.
Likörelle? Eine Erfindung von „Uns Udo“. Unglaublich aber wahr, 1997 erfand er höchstpersönlich das bisher nie da Gewesene. Liköre leuchten ja in den verschiedensten Farbgebungen, warum also nicht direkt damit malen? Eben! Das Likörell ließ er sich übrigens patentieren. Die Vorgehensweise und das Verfahren wird zudem in „Das Lindwerk“ auch erklärt. Alleine mit der Malerei ist es ja nicht getan, dies erfordert doch auch einiges an Nachbehandlung, schließlich sollen diese Werke ja nicht verblassen und auch in „100 Jahren“ noch in den schönsten Farben leuchten.
In einem ausführlichen Interview plaudert Lindenberg über die Hintergründe seiner panischen Malerei. Ebenso wird einem als Leser und Betrachter der Arbeitsprozess näher gebracht. Die Basisstation für alles Handeln ist das Hotel Atlantic an der Alster. Der Schwerpunkt, des von Tine Acke, freie Illustratorin und Fotografin, herausgegebenen Buches liegt natürlich auf den Bildern selber. Lindenberg schafft es auf eine gewisse spielerische Art mit seinen Bildern eine gewisse Lässigkeit mit ironischen und spaßigen Elementen zu vermitteln. Seine malerische und musikalische Ausdrucksform gleichen sich so gewissermaßen und vermitteln immer einen etwas anderen Blick (s)einer Gesellschaftskritik.
Lindenberg wäre ja nicht Lindenberg, wenn er nicht auch gerne provozieren würde. So sind die hier zu bewundernden erotischen Bilder (Kapitel 5 „Nackte Akte“) immer an der Grenze des Zumutbaren. Hingegen sind seine „Pimmelköppe“, für die Initiative „Rock gegen Rechte Gewalt“ (Kapitel 8 – gemalt aus Blut und Dreck) sicher direkt auf den Punkt gebracht. Selbstverständlich darf man auch seinen Faust-Zyklus (Kapitel 6) bewundern. Dieser entstand 1999 anlässlich des 250. Geburtstags Goethes. Die zehn Gebote hat Lindenberg malerisch ganz toll umgesetzt. Am stärksten wirkt da sicher „Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren“ nach. Lindenberg dreht die Vorzeichen einfach um und ist damit auch sehr aktuell, da leider viele Eltern ihre Kinder überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Da ist er wieder, der nachdenkliche und melancholische Alltagsbeobachter. Sehr lesenswert ist das Kapitel "Udo und die DDR" und wer wissen will, wie ein Ejakulator funktioniert, wird hier die Antwort finden.
Fazit: „Das Lindenwerk“ ist nicht nur ein absolutes Muss für Lindenbergfans, sondern auch für Kunstliebhaber. Dieses Prachtwerk ist nicht so herausragend weil es einen berühmten Namensgeber hat, sondern weil die enthaltene Kunst einzigartig, ironisch, lustig, nachdenklich, melancholisch, lässig, cool, direkt, hintergründig, erotisch und originell ist. So wie seine Songs, sind auch seine Bilder: Außergewöhnlich und trotzdem mit dem Blick für das Wesentliche! Lindenberg unterstreicht mit seiner Malerei, dass er zu einem der wichtigsten aktuellen deutschen Künstlern gehört! Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Dafür kann es nur die verdiente Höchstwertung geben - darauf zwölf Likörchen.

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