Über zwanzig lange Jahre ist es nun schon her, dass „The Joshua Tree“ von U2 veröffentlicht wurde. Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass dieses Werk nicht nur eines der besten Alben der irischen Band ist, sondern ebenso zu den wichtigsten Platten der 80er Jahre zu zählen ist und auch für die Musikgeschichte allgemein eine große Bedeutung hat. Auch heute noch ist der Zauber dieser Scheibe ungebrochen – zeitlose Songs nennt man so was wohl. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man sich das Entstehungsjahrzehnt vor Augen hält! Was liegt da also näher, als diesen runden Geburtstag zu feiern? Allerdings bedarf es da schon einer ganz besonderen Feier und die gibt es nun.
Zum Jubiläum legen U2 nun den Meilenstein „The Joshua Tree“ neu auf. Die Anniversary-Edition erscheint in vier Formaten: Als Standard- und Doppel-CD, 2-CD-Box-Set mit Bonustracks und zusätzlicher DVD sowie eine Doppel-Vinylausgabe. Selbstverständlich unterzog man das Album einer optimierten digitalen Runderneuerung. Und wer jetzt wieder die Ausverkaufkeule schwingt, der sollte sich mit den einzelnen Formaten auseinandersetzen, denn hier wurde nicht schnell was zusammengeschustert, sondern mit sehr viel Liebe zum Detail dem Werk eine angemessene Neuauflage beschert – ganz so wie es „The Joshua Tree“ verdient hat (uns liegt zur Besprechung die Doppel-CD vor).
Wenn U2 heute husten, dann steht es ein paar Minuten später ganz sicher irgendwo im Internet. Im Jahre 1987 sah dies natürlich noch ganz anders aus. Die Pause zwischen den beiden Alben „The Unforgettable Fire“ und „The Joshua Tree“ war für manchen Fan sicher unerträglich. Zudem war dies der längste Boxenstopp, den U2 bisher eingelegt hatten. Als Informationsquelle diente mir damals der Hauptbahnhof in Köln, wo man mit zittrigen Händen die englischsprachigen (Musik-)Zeitungen nach neuen Informationen durchsuchte. Am 9. März 1987 war es dann endlich soweit, die Welt war um ein neues Werk der vier Iren reicher. Mit offenem Mund und einer dicken Gänsehaut lauschte man den Klängen, die sich aus den Boxen auf in die Gehörgänge machten. Als zentrales Thema behandelte die Scheibe die beiden Gesichter von Amerika.
Von der Anonymität der (amerikanischen) Großstädte in „Where The Streets Have No Name“ bis hin zur Ausweglosigkeit des amerikanischen Traums in „Exit“ reicht da die Themenpalette. Daneben wird die US-Militärpolitik in Zentralamerika in „Bullet The Blue Sky“ oder die mit Füssen getretenen Menschenrechte in Südamerika („Mothers Of The Disappeared“) angeprangert. Bono verarbeitete in „One Tree Hill“ die Trauer um seinen Roadie und Freund Greg Carroll. „Running To Stand Still“ setzt sich mit der Drogenproblematik auseinander oder „Red Hill Mining Town“ mit einer Minenarbeiterfamilie. Ebenso bietet Bono noch mit den beiden Übersingles „With Of Without You“ und „I Still Haven´t Found What I´m Looking For“ tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Selbst wer nur schwer oder gar kein Wort vom Inhalt verstand, der konnte diesen anhand der Musik schon spüren. Selten transportierte Musik die Aussage eines Songs so eindringlich wie auf „The Joshua Tree“.
Hört man sich heute diese elf Songs erneut an, dann haben die Tracks absolut nichts von ihrer Faszination verloren. Nein, einen Schwachpunkt sucht man hier vergeblich. Die Thematik einzelner Nummern ist auch heute (leider) immer noch und/oder schon wieder aktuell. Musikalisch ist die Scheibe auch über jeden Zweifel erhaben und klingt heute fast frischer denn je. Dies ist natürlich auch ein Verdienst der digitalen Runderneuerung. Bisher war der Klang nämlich alles andere als optimal und so eröffnen sich dem Hörer heute ganz neue Perspektiven. Auch die musikalische Annäherung an Amerika hat die Zeit überdauert und so klingen die amerikanischen Folk-, Rock- und Blueseinflüsse auf „The Joshua Tree“ auch heute noch zeitlos schön. Ein Klassiker der Musikgeschichte!
Dass sich U2 mit diesem Album ein Denkmal setzen würden, konnten sie im Jahr 87 allerhöchsten erahnen, mit der Anniversary Edition betreiben sie nun die liebvolle Pflege. Da bekanntlich auch das Auge am Essen beteiligt werden möchte, hat man sich hier ganz viel Mühe gegeben. Die hier vorliegende Ausgabe wird von einem dicken Pappschuber gehalten. Der Inhalt selber wartet dann auch nicht mit der üblichen CD-Hülle auf, sondern liegt in Form eines Hardback-Buches vor. Ebenso ist ein 36-seitiges Booklet im wahrsten Sinne des Wortes mit eingebunden. Hier gibt es jede Menge Informationen und Details zu den Songs und den Demos von The Edge zu lesen. Bill Flanagan hat es sich nicht nehmen lassen und noch einen Kommentar verfasst. Zum Teil unveröffentlichte Bilder vom Haus- und Hoffotograf Anton Corbijn runden dieses Kleinod mehr als gelungen ab. Von der Optik wirklich sehr edel und opulent und dem Gesamtwerk auch durchaus angemessen.
Neben dem eigentlichen Hauptwerk darf man sich zusätzlich noch an einer CD mit B-Seiten und raren Demos der „Joshua Tree Sessions“ erfreuen. Die zum Teil großartigen Tracks wie „Walk To The Water“, „Deep In The Heart“, „Silver And Gold“, „Sweetest Thing“ und ganz besonders das druckvolle „Spanish Eyes“ dürften ja bekannt sein. Interessanter sind da schon die unbekannten Stücke. „Beautiful Ghost/Introduction To Songs Of Experience“ wurde im selben Studio aufgenommen wie die U2 Version von „Silver And Gold“ und hat mit den eigentlichen Joshua Tree Tracks kaum Gemeinsamkeiten. Hierbei handelt es sich um ein sphärisches, fast experimentelles Stück, wo die Erzählstimme von Bono deutlich im Vordergrund steht. „Wave Of Sorrow (Birdland)“ war einer der letzten Ideen für das eigentliche Album, passte aber nicht wirklich ins Konzept. Als B-Seite war es der Band zu wertvoll und so wollte man die Nummer eigentlich für ein nachfolgendes Album aufheben. Veröffentlicht wurde es nie. Nun nach 20 Jahren vollendete Bono den Song und herausgekommen ist nun das schöne „Wave Of Sorrow (Birdland)“ welches auf dieser CD allerdings auch gut aufgehoben ist. „Desert Of Our Love“ hieß ursprünglich „Weather Girls“ und wurde, auch wenn man es kaum glauben mag, letztendlich „I Still Haven´t Found What I´m Looking For“. Sehr interessant die Entwicklung so zu verfolgen, auch wenn man hier eindeutig den Democharakter raushört. Dass „Rise Up“ nicht die Substanz für das letztendliche Album hatte, merkten U2 seinerzeit auch recht schnell, trotzdem ist dies ein sehr nettes Zeitdokument und eignet sich hervorragend für diese B-Seiten und Demo Kollektion. „Drunk Chicken/America" basiert auf einem Gedicht von Allen Ginsberg – nette Spielerei, mehr aber auch nicht.
Fazit: Von der Aufmachung, über das völlig neue Klangergebnis, den B-Seiten und raren Tracks bis hin zu den Liner-Notes ist die 20th Anniversary Edition von „The Joshua Tree“ eine absolut runde Geschichte und eine bis in kleinste Detail sehr liebevolle Umsetzung. Fans müssen sich das Teil eh am besten in mehrfacher Ausfertigung zulegen und alle anderen Musikliebhaber werden um eine Anschaffung der Jubiläumsausgabe auch nicht herumkommen. So erscheint „The Joshua Tree“ in einem ganz neuen Glanz! Daumen hoch dafür! Empfohlen sei an dieser Stelle noch das opulentere Box-Set mit der zusätzlichen DVD. Hier gibt es nicht nur ein Konzert von Paris aus dem Jahre 1987 zu sehen, sondern auch das lange, lange verschollene und bisher ungesehene Video von „Red Hill Mining Town“. Dies war bisher so was wie der heilige Gral von U2 und er wurde hiermit gefunden und der Welt zugänglich gemacht! Zudem überzeugt die Box nicht nur durch die Optik, sondern auch sonst durch jede Menge Mehrwert. Man hat also die Qual der Wahl, am besten direkt alles zulegen, damit kann man nichts falsch machen und es lohnt sich auf jeden Fall und das Geld dürfte gut investiert sein!