„October“ von U2 ist die zweite Veröffentlichung im Rahmen des dreier Bündels an Alben, die im Zuge der remasterten Serie auf den Markt kommen. Auch dieses Deluxe-Paket hat es in sich. Der Charakter des eigentlichen Covers wurde in Größe, Farbgestaltung und Perspektive leicht geändert. Geschmackssache und auf den ersten Blick sicher auch etwas gewöhnungsbedürftig, aber dafür passt es auf den zweiten umso besser. Insgesamt ist „October“ ja sowieso ein Album, welches nicht nur die U2-Gemeinde spaltet, warum also nicht auch mit der Neuauflage?
Natürlich kann sich die Deluxe Version von „October“ ebenfalls sehen lassen. Das kleine Büchlein wird von einem dicken Pappschuber umhüllt. Auch hier ist am Anfang das eigentliche Album enthalten und der Schluss hält dann die Bonus-CD bereit. Das Innenleben erinnert mit dem Goldton insgesamt stark an die „Best Of 80-90“. Das üppige Booklet will auch hier erstmal studiert werden. Inhaltlich gibt es eine Menge zu entdecken. Das Vorwort stammt diesmal von Neil McCormick. Das Buch hat neben den Texten und Singlesinformationen noch einige, zum Teil unveröffentlichte Fotos auf der Habenseite zu verbuchen. Anmerkungen zum Bonusmaterial von The Edge runden das äußerst gelungene Gesamtpaket ab. Wie so einiges im Leben, besonders im Musikgeschehen, basiert auch hier vieles auf Geschmack. Die einzelnen Deluxe Versionen von „Boy“, „October“ und „War“ sind allesamt sehr gelungen, wobei mich persönlich das vorliegende Gesamtpaket am meisten anspricht und optimal in seiner Gestaltung und Umsetzung erscheint.
Im gesamten Backkatalog von U2 spielt „October“ eine eher untergeordnete Rolle und ist bei der breiten Masse kaum bekannt. Selbst Fans sprechen gerne mal vom „schlechtesten U2 Album“. Mir persönlich kommt das ungeliebte Stiefkind immer viel zu schlecht weg. Vielleicht kann die remasterte Ausgabe nun dazu beitragen dem Album zu etwas mehr Anerkennung zu verhelfen. So unausgegoren ist die Scheibe beileibe nicht!
Im Grunde ist der ganze Entstehungsprozess von „October“ sehr chaotisch verlaufen. Es gab Spannungen und Risse innerhalb des Bandgefüges, die naive und ungestüme Art der Anfangstage war vorbei, eine Tour, die an die Substanz ging, war nicht gerade förderlich und den bitteren Höhepunkt gab es dann wohl, als Bono seine Songtexte abhanden gekommen waren und er die Lyrics quasi während der Aufnahmen neu texten musste und direkt ins Mikrofon sang (Später perfektionierte die Band den Verlustprozess vor einer Veröffentlichung - ein Schelm, wer Böses dabei denkt). Aufgenommen wurde abermals in den Windmill Lane Studios in Dublin und Steve Lillywhite fungierte erneut als Produzent. Die Band ist an dem ganzen Chaos allerdings nicht zerbrochen und ging in der Nachbetrachtung letztlich gestärkt daraus hervor und hat mit „October“ sicher kein Album vorgelegt, welches der Welt nachhaltig in Erinnerung bleiben wird, welches aber eben auch nicht so schlecht wie sein Ruf ist.
Viele vermissen auf „October“ einen roten Pfaden oder ein Statement, wie es „Boy“ abgegeben hat. Trotzdem gibt es hier eine Menge zu entdecken und wenn man bedenkt, unter welchem enormen (Zeit-)druck die Band während der Aufnahmen gestanden hat, ist ihnen doch ein beachtliches Album gelungen. Der Albumopener „Gloria“ ist einer der wenigen Songs, der auch heutzutage gerne mal live dargeboten wird. Auch „I Fall Down“ oder „I Threw A Brick Through A Window“ haben viel Wut und Leidenschaft zu bieten. Wenn es schon keine Aussage des kompletten Werkes gibt, so hat das treibende „Rejoice“ doch das zentrale Statement der Platte zu bieten: „I can’t change the world But I can change the world in me“. Die Single „Fire“ ist mit Platz 35 die erste Platzierung von U2 in den britischen Charts. Im melancholischen und überzeugenden „Tomorrow“ verarbeitet Bono den Verlust seiner Mutter. Der Titeltrack wirkt fast ein wenig wie ein Fragment eines Songs, steht aber ebenso als beeindruckendes Kleinod exemplarisch für die U2 dieser Zeit. Auch, wenn auf diesem Album vieles unausgegoren oder nicht perfekt erscheint, macht der leidenschaftliche Vortag wie in „With A Shout (Jerusalem)“ hier doch vieles wieder weg.
Die Bonus-CD ist die vielleicht beste der gesamten Reihe. Fünf Songs vom 6. Dezember 82 aus dem Hammersmith Palais liegen in beeindruckender Qualität vor. Das damalige Live-Konzert wurde von der BBC mitgeschnitten und erstmals 83 ausgestrahlt. Unzählige Bootlegs sind zwar davon in Umlauf und eine Promo-CD, die natürlich entsprechend ihren Preis hat, gibt es ebenfalls, trotzdem macht es durchaus Sinn, dass die Songs hier enthalten sind, da die große Mehrheit diese sicher nicht in der heimischen Sammlung stehen hat. „With A Shout (Jerusalem)“, „Scarlett“ und „I Threw A Brick Through A Window“ der Richard Skinner BBC Session sind von einem solch leidenschaftlichen Vortrag, dass es einem fast die Schuhe auszieht. Besonders Bono wirft hier alles in die Waagschale, was er in dieser Hinsicht zu bieten hat und lässt schon in dieser frühen Bandphase erkennen, was als Frontmann für Qualitäten in ihm schlummern. Auch die Single „A Celebration“ (nicht auf dem Album enthalten) und deren B-Seite „Thrash, Trampoline And The Party Girl“ sind nette Zubrote. Weitere Liveaufnahmen vom 6. März 81 aus Boston, eine Liveversion von „I Will Follow“ aus Holland, die nur dort und in Deutschland als Single erschienen ist und ein Remix von „Tomorrow“ (für die Common Ground Compilation aus dem Jahre 96) runden das äußerst gelungene Gesamtbild ab.
Fazit: Hoffentlich kommt dieses sträflich unterbewertete Album nun zu neuen Ehren. Selbst für den U2 Fan gibt es hier noch eine Menge zu entdecken, da dies vermutlich das Album ist, welches nur sehr selten den Weg in den CD-Player oder auf den Plattenteller gefunden hat. Die Aufmachung ist natürlich erste Sahne und auch die Fülle des Bonusmaterials ist sehr überzeugend und deshalb schneidet das Werk in der Endabrechnung noch etwas besser als „Boy“ ab!