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Travis: Ode To J.Smith Tipp

(Red Telephone Box/Universal)

Autor: schlimm / Wertung: 11 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Das neue Album von Travis ist in vielerlei Hinsicht eine faustdicke Überraschung. Im Grunde ist es schon verwunderlich, dass sie nach der langen Tour zu ihrem Werk „The Boy With No Name“ überhaupt schon wieder mit neuen Songs um die Ecke kommen. Der Entstehungsprozess von „Ode To J.Smith“ ist dann so untypisch für die Schotten, dass man meinen könnte, man hätte es mit einer komplett neuen Band zu tun. Und dann sind da noch die ungewohnt heftigen und markigen Worte von Fran Healy. Wer jetzt noch Kritik an den letzten Alben äußert oder bemängelt, dass sich die Alben und Songs seiner Band immer gleich anhören, wird nun als Arschloch betitelt. Hat das wirklich der nette und sympathische Fran gesagt? Zudem könne man nicht darauf hören was die Fans sagen, sondern man muss als Musiker einfach machen, was in einem steckt. Ungewohnt dünnhäutig scheint der Gute ja zu sein. Gut so! Anscheinend hat das nämlich irgendwo schon positive Spuren hinterlassen.

„Ode To J.Smith“ klingt wie die Auferstehung einer Band. Wie die Auferstehung einer Band, auf die man nach der letzten musikalischen Grütze in Form von „The Boy With No Name“ keinen Pfifferling mehr gesetzt hat. „Ode To J.Smith“ ist ein, wenn nicht sogar DAS Meisterwerk von Travis!

Man kann nur Mutmaßungen anstellen, warum Travis noch mal eine Scheibe wie „Ode To J.Smith“ aus dem Ärmel schütteln. Ist im Grunde auch alles egal, so lange unter dem Strich ein Album vorliegt, welches eine solche Frische ausstrahlt. In unglaublichen vierzehn Tagen wurde die Scheibe fast live im Studio eingespielt. Ein Novum in der heutigen Zeit, wo viele ihre Songs bis zu Unkenntlichkeit bearbeiten. Für den ganzen Entstehungsprozess (schreiben und aufnehmen) hatten sie sowieso nur drei Monate Zeit, da sich Bassist Dougie Payne anschickte Vater zu werden und die Zeit nach der Geburt mit der Familie verbringen wollte. Sechs Tage, nachdem der Stop-Knopf gedrückt wurde, kam der Sohn von Payne auf die Welt…

Die elf Songs von „Ode To J.Smith“ bringen es nicht mal auf eine Spielzeit von 40 Minuten! Insgesamt hört sich das Werk an, wie geschrieben und geschaffen für Gitarrist Andy Dunlop. Wer den Mann schon mal live gesehen hat, fragte sich vielleicht sowieso, ob der nicht in der falschen Band spielt, jedenfalls wenn man sieht, wie er sein Instrument bearbeitet. Hier hört man das endlich auch mal auf Platte. Mitgeschrieben hat er allerdings nur an einer Nummer. Bassist Dougie Payne war immerhin an fünf Tracks beteiligt, aber der Löwenanteil gebührt wieder Fran Healy .

Schon der Albumopener „Chinese Blues“ ist verblüffend. Ungemein druckvoll, man möchte fast meinen lärmend, kommt die Nummer aus den Boxen. Das ist aber nichts zu dem folgenden „J. Smith“. Hier kriegt man endgültig den Mund nicht mehr zu. Nicht nur, dass hier für Travis-Verhältnisse der Fokus eindeutig auf der Gitarre liegt, nein, auch ein seltsamer Chor bereichert die Szenerie wie eine große Oper, bevor der Spuk nach knapp drei Minuten auch schon wieder vorbei ist. Auch mit „Something Anything“ wird das Gaspedal weiter im roten Bereich gehalten. Wann hat man Travis letztmalig so laut gehört? Auf dem Debütalbum? Überhaupt schon mal? Egal! Das hier Gehörte, inklusive einem Dicke-Hosesolo, ist einfach nur verzückend, zumal man natürlich nicht auf das Händchen für feine Melodien verzichten muss. Dafür haben Travis einfach ein Trademark gebucht. Nach dem ebenfalls, ähm, rockigen „Long Way Down“ ist „Broken Mirror“ dann etwas ruhiger, auch wenn hier wieder viel Wert auf die Gitarren gelegt wurde. Der Gesang ist fast schon sphärisch. Bevor man denkt, dass die Nummer jetzt gleich an Fahrt aufnimmt, ist sie schon wieder vorbei. Travis warten auf dem Album an jeder Ecke mit einer Überraschung auf. Hier klingen sie wie eine dieser wunderbaren Indiebands und sind vielleicht näher an Sonic Youth und Nirvana (jawoll, man achte auf die Gitarre) dran, denn am eigenen Backkatalog.

Travis wären natürlich nicht Travis, wenn sie nicht auch diese unvergleichlichen Popnummern auf ihre Alben packen würden. Da darf dann auch gerne ein Banjo erklingen und Neil Primrose mit fast schon niedlichem Charme sein Schlagzeug bearbeiten. „Last Words“ ist aber derart bezaubernd und kantig, dass man einfach nur hingerissen ist. Großartig! Großartig! Großartig! Travis haben ja auch immer so eine latente Melancholie im Gepäck. Wie sie diese aber in „Quite Free“ verpacken und umsetzen ist besser, als das gesamte letzte Album zusammen! Und wer denkt, dass die zweite Albumhälfte dann doch wieder ruhiger ausgefallen ist, der hat das wunderbar treibende „Get Up“ sicher überhört. Übrigens passiert hier so viel im Hintergrund, dass man bei jedem Durchlauf wieder neue Facetten entdecken wird – die guten alten Kopfhörer seien an dieser Stelle empfohlen. Die Ode an die Freundschaft, eben „Friends“, ist dann tatsächlich ein Track nach alter Travis-Manier. Allerdings passt das bei „Ode To J.Smith“ sehr schön ins Gesamtklangbild, da die Scheibe insgesamt so vielfältig ist. Auch mit der Pophymne im rockigen Gewand „Song To Self“ fällt das Album nicht ab und nachdem das mit viel Atmosphäre und liebreizende „Bevor Your Were Young“ das Album ausklingen lässt, darf man auch endlich wieder den Mund zumachen. Potzblitz und Holla die Waldfee – was für ein Album!

Fazit: „Ode To J.Smith“ wird nicht nur Travis-Fans überraschen. Das Album ist unglaublich abwechslungsreich und zeigt eine Band, die eine bisher nicht gekannte Spielfreude an den Tag legt und fast schon wütend klingt. Trotz der kurzen Aufnahmezeit hört sich das Werk zu keiner Zeit wie ein Schnellschuss an. Momentan häufen sich die Alben von der Insel ja wieder. Sämtliche großen Bands der letzten beiden Dekaden kommen innerhalb kürzester Zeit mit neuen Werken daher. Während sich die einen in absolut langweilige psychedelische Gefilde aufschwingen und nur noch ein Schatten vergangener Tage sind (The Verve), machen andere jetzt in Kunst, an der sie grandios scheitern (Coldplay). Auf fast schon leisen Sohlen kommen nun also Travis daher und überholen die Kollegen um Längen. Ja, auch die alten Helden von Oasis kommen bald mit einem neuen Album und auch die nächste Generation mit den Kaiser Chiefs und Bloc Party steht schon in den Startlöchern. Nach „Ode To J.Smith“ darf aber bezweifelt werden, ob es dieses Jahr ein besseres Album in dieser Sparte geben wird. Aber gut, vergleichen kann man die eh alle nicht, Travis sind ja auch Schotten! Elf Song gleich elf Knaller gleich elf Punkte!

www.travisonline.com

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