Kurz nach der Veröffentlichung der Lovecraft Vertonung von LauschRausch schickt auch das erfolgreiche Hörspiellabel Titania Medien den Fall Charles Dexter Ward ins Rennen. Und bietet trotz identischer Vorlage eine andere, aber nicht weniger interessante Interpretation des Stoffes. Wieso, weshalb, warum und womit wir dieses Jahr noch aus dem Haus Titania Medien rechnen können, beantwortete Marc Gruppe.
Warum habt Ihr Euch gerade für die Erzählung ‚Der Fall Charles Dexter Ward’ entschieden und nicht für eine andere Erzählung von H.P. Lovecraft?
Marc Gruppe: Diese Erzählung wurde mehrfach als Vertonungsvorschlag von Fans unserer Reihe Gruselkabinett an uns herangetragen. Ich habe mir dann, wie ich es immer tue, die Erzählung besorgt, sie gelesen und sehr interessant gefunden.
Welchen persönlichen Bezug habt Ihr zu Lovecraft?
Marc Gruppe: Keinen anderen als zu den anderen Autoren, die die literarischen Vorlagen zu unseren Grusel-Hörspielen verfasst haben.
Mit welchen Problemen sieht man sich konfrontiert, wenn man eine Geschichte von Lovecraft vertont? Die Originalerzählung ist recht dialogschwach und daher für ein Hörspiel doch eher ungeeignet. Außerdem fällt es bei Lovecraft natürlich schwer, seine Darstellung des Grauens zu vertonen, stellt er es ja immer als unbeschreiblich dar.
Marc Gruppe: Da hast Du bereits alle Punkte, die eine Lovecraft-Adaption schwer machen, aufgezählt. Zudem kommt noch hinzu, dass der arme Kerl leider zu Lebzeiten wohl nicht intensiv mit einem Lektor zusammenarbeiten konnte. Insofern gibt es einige sehr gravierende Fehler in Bezug auf Jahreszahlen, die ich bei der Bearbeitung erst einmal ausbügeln musste.
Ihr habt Euch bei Eurer Vertonung weniger auf die Geschehnisse in der Vergangenheit sondern vielmehr auf die Veränderung des Charles Dexter Ward im Diesseits konzentriert. Was war ausschlaggebend für diesen Fokus?
Marc Gruppe: Es handelt sich um eine äußerst komplexe Geschichte. Wenn man nicht allzu viel weglassen möchte, dann hat man nicht sehr viel Zeit, alle Geschehnisse um Joseph Curwen in Rückblenden-Form zu präsentieren. Außerdem hätte dies dann auch den Nachteil, dass man zu den Personen der Spiel-Gegenwart dadurch dann nicht so eine Nähe und Identifikation hätte aufbauen können, wie in der jetzigen Form, wo man ihnen permanent über die Schulter und in ihre Köpfe schaut. Das war uns indes sehr wichtig. Insofern haben wir uns für kleine, aber aussagekräftige Rückblenden entschieden.
Was mich ein wenig verwirrt hat, ist, das Ihr zum Schluss von der Originalerzählung abweicht. Im Original steigt Willet alleine in die unterirdischen Katakomben, während Theordore Ward, der Vater von Charles Dexter, zurückbleibt. Persönlich finde ich das Original – gerade weil Willet alleine und halb wahnsinnig durch die dunklen Gänge irrt – deutlich unheimlicher. Warum habt Ihr ihm also noch Ward zur Seite gestellt?
Marc Gruppe: Für ein Hörspiel ist es per se eher kontraproduktiv, wenn jemand allein unterwegs ist und sich alles, was geschieht, entweder durch Monologe, was auf Dauer leicht albern wirken kann, oder als Erzählpassage vermitteln werden muss. Zum anderen fanden wir, dass die beiden Freunde bis zu diesem Zeitpunkt schon einen so weiten Weg in dieser Sache Seite an Seite zurück gelegt haben, dass es durchaus Sinn macht, Vater Ward mit in die Unterwelt zu nehmen.
Was mich ein wenig gestört hat, war, dass der typische Lovecraft Horror bei Euch in dieses Serienkorsett der Schauer-Romantik gezwängt wurde. Die orchestrale Musik und die Betonung des gescheiterten Zauberlehrlings verwischte etwas von der unvorstellbaren Bedrohung, die durch die Experimente hervorgerufen wurde und die nicht nur einen kleinen Kreis, sondern – so steht es ja auch im Buch – das gesamte kosmische Gefüge gefährdet. Seht Ihr dies genauso und seid Ihr hier absichtlich von der ursprünglichen Atmosphäre abgewichen?
Marc Gruppe: Natürlich sehen wir das überhaupt nicht so! Bei uns wird nichts in irgendein Korsett geschnürt. Jedoch sind natürlich bei jeder Bearbeitung Änderungen des Originals nötig um den Transfer in ein anderes Medium überhaupt erst möglich zu machen. Ich denke, dass die Bedrohung für die gesamte Menschheit durchaus auch in unserem Hörspiel präsent ist. Das Hörspiel beinhaltet genau die Atmosphäre, die sich mir beim Lesen der Erzählung vermittelt hat. Dass Du da vielleicht andere Erwartungen nach Deiner eigenen Lektüre hattest, mag sein. Für uns ist allerdings in erster Linie wichtig, dass der Hörer auch ohne Vorkenntnis der literarischen Vorlage, das Hörspiel verstehen sollte. Ich denke, das ist uns recht gut gelungen.
Wie bereitet man die Sprecher auf ein solches Hörspiel vor?
Marc Gruppe: Genau wie bei jeder anderen unserer Produktionen auch. Sie bekommen das Manuskript und haben Gelegenheit sich mit der Rolle und dem Stoff zu beschäftigen. Im Studio wird dann hart daran gearbeitet, den Text und die darin vorkommenden Figuren zum Leben zu erwecken.
Beinahe zeitgleich zu Eurem ‚Ward’ veröffentlicht das Label ‚LauschRausch’ ebenfalls eine Vertonung. Ist dies unglücklich, auch wenn sich beide Fassungen voneinander unterscheiden? Und kennt Ihr die LauschRausch Vertonung?
Marc Gruppe: Bei Stoffen, für die die Rechte abgelaufen sind, muss man damit rechnen, dass diese auch von anderen Labels vertont werden. Das ist vollkommen normal. Die LauschRausch Produktion ist uns bekannt. Es war von vorneherein klar, dass hier derselbe Stoff auf zwei sehr unterschiedliche Arten vertont werden würde. Das finde ich keineswegs unglücklich, sondern eher höchst interessant.
Brian Lumley baut in seiner Vampir-Saga ‚Necroscope’ die neunte Folge ‚Wechselbalg’ auf die Geschichte ‚Charles Dexter Ward’ auf und beleuchtet dort die Geschehnisse im Schloß Ferenczy. Kennt Ihr die Erzählung?
Marc Gruppe: Nein. Aber sicher werden wir sie irgendwann als Hörbuch-Adaption von LPL records hören, die mag mein Kollege Stephan Bosenius nämlich sehr. Lutz Riedel, jüngst als ‚alter Wolf’ in unserer Gruselkabinett-Folge „Der Werwolf“ mit dem Ohrkanus 2007 ausgezeichnet, macht da als Sprecher einen tollen Job.
Wäre ‚Der Fall Charles Dexter Ward’ verfilmbar?
Marc Gruppe: Es wurde ja bereits mindestens zwei Mal versucht. Sehr unterschiedliche Versionen kamen dabei heraus. Einfach ist das sicher nicht, aber ich finde, es müsste gehen. Man sollte es weiter versuchen.
In der Geschichte erweckt Joseph Curwen die Toten, um Ihnen Ihre Geheimnisse zu entlocken? Welchen Toten würdet Ihr gerne einmal zu einem Plausch erwecken?
Marc Gruppe: Wüsste ich jetzt gar nicht. Außerhalb des Gruselkabinetts bin ich nicht so für das Erwecken von Toten.
Gibt es eigentlich noch Stoff aus dem Horror-Genre, den Ihr gerne vertonen würdet, für den Ihr bislang aber noch kein Rezept gefunden habt, um Ihm gerecht zu werden?
Marc Gruppe: Was das betrifft, habe ich eigentlich keine Ängste. Man muss immer mit Respekt vor dem Werk an die Bearbeitung gehen, dann gelingt das schon. Wir sind weiterhin äußerst neugierig auf neue Aspekte des Schauers und haben für unser Gruselkabinett noch viele schöne Ideen.
Nach Euren Weihnachtshörspielen habt Ihr Euch mit ‚Anne auf Green Gables’ wieder einmal dem Jugendbuch-Genre gewidmet, was mir sehr gut gefallen hat. Im Herbst kommen die neuen Folgen. Ist darüber hinaus schon mehr in diesem Bereich geplant?
Marc Gruppe: Im September 2008 geht es weiter mit „Anne in Avonlea“ (4 Folgen). Außerdem gibt es in diesem Jahr auch wieder ein Titania Special. Folge 3 wird in der Reihe der Familienhörspiele die berühmte Geschichte um „Peter Pan“ auf 2 CDs im November dieses Jahres präsentieren. Im nächsten Jahr – 2009 – kommen dann bereits im Frühjahr 4 Folgen „Anne in Kingsport“ heraus und im Herbst 4 Folgen „Anne in Windy Poplars“. Zudem wird es auch in 2009 wieder ein Titania Special zur Weihnachtszeit geben.
Gerne würde ich von Euch auch einmal eine selbst geschriebene Serie hören. Werdet Ihr auch irgendwann einmal diesen Schritt gehen oder wollt Ihr weiterhin nur auf bewährten Stoff setzen?
Marc Gruppe: Ausgeschlossen ist eine eigene Serie sicher nicht. Allerdings bin ich momentan mit den Bearbeitungen toller Stoffe von anderen Autoren derart eingedeckt, dass daran zur Zeit nicht zu denken ist.
Bislang hört man nichts (wirklich) Schlechtes über Euch. Motiviert Euch dies? Oder wäre mehr Kritik für Euch eher dienlich?
Marc Gruppe: Klar motiviert uns das! Das ist gigantisch! Vor allem bestätigt es uns darin, dass es zunächst einmal die beste Werbung ist, allzeit gute Qualität zu liefern. Und darum bemühen wir uns stets. Dass dies von den Fans und den Rezensenten anerkennend erwähnt wird, ist klasse. Kritik ist ja nur dann dienlich, wenn sie berechtigt ist. Dass bei unseren Hörspielen mitunter schon krampfhaft mit der Lupe nach Dingen gesucht wird, die man bemängeln könnte, verstört uns dann eher manchmal etwas. Dass man bezüglich der ein oder anderen Entscheidung, die Bearbeitung oder die Inszenierung betreffend, unterschiedlicher Meinung sein kann, ist dabei allerdings vollkommen klar. Das ist ja bei einer Adaption fürs Kino auch nicht anders. Wer hätte nicht schon mal in einer Filmvorführung eines geliebten Buches gesessen und hatte auf den Lippen „das hatte ich mir beim Lesen aber anders vorgestellt“? Damit muss man leben. Dennoch freut uns die überwiegend äußerst positive Aufnahme unseres Lovecraft-Hörspiels.
Welche Folge des Gruselkabinetts hat Euch bislang am meisten Spaß gemacht? Und welche Folge findet Ihr persönlich am gelungensten?
Marc Gruppe: Da wir ja selbst entscheiden, was vertont wird, produzieren wir nur Stoffe, die uns Spaß machen. Als gelungen haben wir die Vertonungen durch die Bank empfunden, sonst wären sie auch nicht veröffentlicht worden. Besonders mögen wir den Zweiteiler „Spuk in Hill House“ und immer das, woran man gerade aktuell arbeitet. In diesem Fall also „Der Glöckner von Notre Dame“, der als Zweiteiler im Oktober heraus kommen wird.
Zum Abschluss: Welches Hörspiel / Hörbuch habt Ihr zuletzt gehört und welches Buch habt Ihr zuletzt gelesen?
Marc Gruppe: „Saga“ von unserem sehr geschätzten Kollegen Frank Gustavus haben wir gehört. Gelesen habe ich gerade die „Anne“-Romane, die demnächst zur Adaption anstehen.