Ganz Köln steht Kopf und die Jecken haben sie wieder von der Leine gelassen – Karneval und die 5. Jahreszeit haben wieder begonnen. Ganz Köln? Zumindest ein kleines Völkchen im Kölner Gloria trotze dem jecken Frohsinn und machte sich auf eine der Indieentdeckungen des Jahres zu bewundern. Selbst hier gab es vereinzelt das ein oder andere Kostüm zu entdecken. Jules de Martino und Katie White dürfte das bunte Treiben durchaus gefallen haben, sind sie doch selber gerne mal farbenfroh gekleidet. Das Publikum war überhaupt sehr bunt gemischt. Wer angenommen hatte, dass The Ting Tings nur die jungen und hippen Leute locken können, sah sich beim Blick in das Gesicht des ein oder anderen älteren Semesters getäuscht. Gut so! So war man selber nicht der Saalopa.
Bevor aber die großartigen The Ting Tings die Bühne enterten, gab es mit der Vorband Silvester eine dicke Überraschung. Die Hamburger Band kannte mit Sicherheit so gut wie keiner im ganzen Saal. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da sie bisher auch bei keinem Label unter Vertrag stehen. Ich für meinen Teil stehe Vorbands meistens sehr skeptisch gegenüber. Viele haben einen hohen Nervfaktor und oftmals lässt man die Darbietung einfach nur über sich ergehen. Silvester hatten also bei mir keine Chance und haben sie genutzt. Die Band überzeugte auf ganzer Linie. Silvester singen übrigens auf deutsch, was es dann auch wieder ungleich schwerer macht. Und verdammt noch mal, sie machten ihre Sache vorzüglich. Bisweilen klingen sie wie eine Mischung aus Silbermond und Wir sind Helden und haben – zumindest live – noch eine große Prise schönster Indieklänge zu bieten. Die Band hat auf jeden Fall Potenzial und in der Zukunft muss man die im Auge bzw. Ohr behalten. Es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich da nicht bald ein Label finden lässt! Für einen ungesignten deutschsprachigen Newcomer haben sie als Vorband von The Ting Tings ihre Sache äußerst gut gemacht und im Kölner Gloria sicher viele neue Fans gefunden!
Um kurz nach 21 Uhr betraten dann Jules und Katie die Bühne und das Auditorium stand förmlich Kopf. Was sich in den nächsten Minuten abspielte hatte man so noch nicht gesehen. Schon erstaunlich, was zwei Leute an Klanglandschaften erzeugen können. Manches elektronische kommt natürlich auch vom Band. Trotzdem kreieren die beiden einen ganz eigenen Sound und zeigen, dass ihre Kombination aus Schlagzeug und Gitarre auch live einen amtlichen Sound erzeugen kann. Schon lange hat man keine Band mehr gesehen, die so tanzbare Indiemusik auf die Bretter zaubert. Darf man hier von sexy sprechen? Man muss sogar! Hier geht es wohlgemerkt um die Musik! Gut, die beiden entwickeln sich mittlerweile ja auch kleidungstechnisch zu Stilikonen und besonders Katie verzeiht man ihr manchmal recht farbenfrohes 80er Jahre Outfit und auch die Vorliebe von Jules für überdimensionale Kitschsonnenbrillen wird sicher bald als der neue Trend durchgehen.
The Ting Tings hatten als Showelement auch ein paar schöne Projektionen mit im Gepäck. Ob die aber überhaupt von den Zuschauern beachtet wurden, ist nicht überliefert. Zu intensiv und zu gut war einfach die Darbietung von den beiden auf der Bühne. Zudem passierte ständig etwas, die Instrumente wurden zügig gewechselt und die Roadies hatten an diesem Abend genug zu tun.
Fast war man zu Beginn schon etwas skeptisch. Wer einen Song vom Formate „Great DJ“ ziemlich am Anfang verbrät, ist entweder total verrückt oder hat noch genug Material in der Hinterhand. Für The Ting Tings gilt letzteres. Gut, insgesamt – und das ist der einzige Wermutstropfen – haben sie auch nur acht Songs in knapp 50 Minuten gespielt, aber dafür war dies so ziemlich das Beste, was man momentan auf dem Indiesektor zu sehen bekommt. An diesem Abend bretterten Katie und Jules allerdings nicht nur durch ihr Set, sondern setzten mit dem wunderschönen „Traffic Light“ auch ein ruhiges Ausrufezeichen. Und der Rest? War Party pur. „Keep Your Head“, „That´t Not My Name“ oder „We Started Nothing“ setzten Maßstäbe. Wer sich umblickte, musste feststellen, dass der ein oder andere gar keine Zeit hatte sich zu bewegen, weil die Kinnlade immer wieder eingesammelt werden musste – die konnte einem nun aber auch wirklich immer wieder hinunterklappen!
Fazit: The Ting Tings haben am 11.11. einen äußerst sympathischen Eindruck beim Kölner Publikum hinterlassen. Was sie musikalisch aufs Parkett gezaubert haben verdient das Gütesiegel A. Der Spannungsbogen riss zu keiner Sekunde der 50 Minuten Konzertdauer ab. Mehr gibt es dann vielleicht mit der nächsten Platte, aber mit einem Album im Rücken konnte man einstweilen nicht mehr erwarten. Ansonsten wurden die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen und dies schließt ausdrücklich auch die Vorband Silvester mit ein! Toller Konzertabend! Es stehen noch zwei Termine in Deutschland an – bitte hingehen!
22.11. München
23.11. Berlin
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(Soundbase bedankt sich für die freundliche Unterstützung bei Nina Scheffer und Sony BMG und natürlich bei The Ting Tings!)