The Notwist sind die etwas andere Band. Wie kaum eine andere deutsche Formation haben sie es sich in ihrer eigenen Nische gemütlich gemacht in der alles möglich ist, nur anscheinend keine konventionellen Songstrukturen. Die Band nimmt damit eine absolute Ausnahmestellung ein und hat die schwere Bürde zu tragen, dass alle, die diese Band auf dem musikalischen Radar haben, etwas ganz Außergewöhnliches erwarten. Besonders nach dem in allen Belangen überragenden „Neon Golden“ aus dem Jahre 2002. Sechs lange Jahre mussten erst vergehen, bevor mit „The Devil, You + Me“ nun der Nachfolger in den Startlöchern steht. Zeit, die nicht ungenutzt blieb. Vermutlich blicken die drei Protagonisten nur noch selber durch ihre immense Anzahl an Seitenprojekten durch. Wer wollte, konnte also in der Zwischenzeit durchaus neue Musik von The Notwist genießen, nur unter anderem Namen.
Nun also „The Devil, You + Me“. Vermutlich, nein wahrscheinlich sogar, ist es ein Segen für Gretschmann und zweimal Acher, dass sie sich noch Freiräume schaffen können und an andere Stelle austoben dürfen. Somit dürfte der Kopf für The Notwist wieder frei sein und die Lust auf und an der Band ist dann immer noch da. Nur nicht in Lethargie verfallen oder sich an die immer gleichen Arbeitsabläufe gewöhnen. Die Gefahr besteht bei dieser Band anscheinend sowieso nicht. Langes rumfrickeln im Proberaum war bei „The Devil, You + Me“ jedenfalls nicht der Fall. Die neuen Medien wurden genutzt und so konnte ein jeder dem anderen seine Ideen per moderner Kommunikationsmittel zukommen lassen. The Notwist wirken also dem Trend entgegen wieder alles live im Studio einzuspielen. Dem Sound der Scheibe hat dies keinen Abbruch getan, denn dieser strahlt eine ganz eigene Wärme aus. Aufgenommen wurde das Kleinod letztlich im Weilheimer Alien Research Center. Als Produzenten standen den drei Jungs Olaf Opal und Oliver Zülch zur Seite. Ein weiteres Novum im Bandsound stellt die Zusammenarbeit mit dem Berliner Andromeda Mega Express Orchester dar.
Und wie klingt die Platte nun? Unverkennbar nach The Notwist und doch auch wieder anders. Wer sich mal vor Augen hält, dass die Band aus metallischem Hardcore hervorgegangen ist, der darf gerne bei den ersten Klängen von „Good Lies“ staunen. Hier werden die guten alten schrulligen Indierockzeiten der 90er Jahre wieder hervor gekramt. Der Gesang von Markus Acher ist unverkennbar und gibt mit seinem lakonischen Unterton der ganzen Geschichte die entsprechende Würze. Ein guter Einstieg, der es einem direkt sehr leicht macht. Man fühlt sich direkt wohl, ein bisschen wie nach sechs Jahren nach Hause zu kommen. Man begrüßt einen guten, alten Freund und merkt sofort, da ist immer noch die selbe Verbindung. Mit „Where In This World“ folgt der sanfte Übergang zu The Notwist, die man für das Elektrogefrickel so sehr liebt. Neben der melancholischen Grundnote macht sich hier erstmals die Zusammenarbeit mit dem Orchester bemerkbar. Dies scheint der neue Crossover zu sein. Elektronika, klassische Elemente und Jazzversatzstücke ergeben keinen Brei, sondern eine Perle von einem Song. „Gloomy Planets“ knüpft daran nahtlos an, spinnt das Netz aber noch weiter. Mit Gitarre und Piano konzentrieren sie sich auf das Wesentliche und sind nah dran am Song. Die Dissonanzen, die man auch immer bei The Notwist vermutet, finden sich bei den grandiosen Klangbildern von „Alphabet“ wieder. Das Titelstück baut sich ganz langsam auf und schmeichelt sich fast schon akustisch in die Gehörgänge des Zuhörers. Schön!
„Gravity“ läutet die zweite Albumhälfte vermeintlich rockig ein, bevor eine hektische Instrumentierung das Pendant zum ruhigen Gesang von Acher bildet. Erinnert in seiner Gesamtheit stark an Radiohead. Für das beruhigende „Sleep“ kann man schon wieder das Wörtchen schön hervorkramen. Erstaunlich, wie es The Notwist immer wieder schaffen solche bezaubernde Musik zu vertonen und jeglichen Anflug von Kitsch im Keim ersticken. Eine dunkle und beeindruckende Atmosphäre baut die Band bei „On Planet Off“ auf, bevor mit „Boneless“ das Tempo wieder etwas angezogen wird. „Hands On Us“ und „Gone Gone Gone“ beschließen dieses großartige Album. Die finale Botschaft könnte nicht treffender sein: „I Will Never Let You Go“.
Fazit: Auch „The Devil, You + Me“ ist nach „Neon Golden“ ein weiteres großartiges Album von The Notwist. Das Warten hat sich mehr als gelohnt. Der Gemischtwarenladen aus Elektronika, Ambiente, Kammermusik, Indiepop und –rock versehen mit Klassikelementen ist wieder äußerst delikat. Hinzu kommt, dass sich die Scheibe dem Hörer nicht sofort komplett offenbart. Nach und nach entfalten sich erst die einzelnen musikalischen Teile. Das Album bleibt so mit jedem Durchgang spannend und man begibt sich gerne immer wieder auf die Entdeckungsreise in den The Notwist Kosmos.