Spock´s Beard haben mich nach ihren anfänglichen Meisterwerken in den vergangenen Jahren oft enttäuscht. Unter dem Einfluss des (mittlerweile) Hardliner-Christen Neal Morse gerieten die Alben der Kalifornier zunehmend kantenfrei und symphonisch. Fast so, als wolle man Bon Jovi Konkurrenz machen. Stop! Das ist meine Meinung, Andersdenkende mögen mir verzeihen. „Feel Euphoria“, die erste Platte nach Neal Morse, leitete den Umschwung ein, mehr aber vorerst nicht. Mit „Octane“ gelingt der Band jetzt eine Wende, wie ich sie mir nicht in den kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Kurz: Die musikalischen Titten wurden verkleinert, der Pomp zurückgefahren, Basser Steve Meros durfte einen ordentlich Schuss Einfluss nehmen. Und nun kommt „Octane“ daher wie die Ex, die sich nach der Trennung so richtig ins Zeug legt - mit Jogging, Pilates und angeleitetem Arschwackeln - und dann bekommt man einen Schock, wenn man sie wiedersieht. Zwar startet die Platte mit „The Ballet of the Impact“ und „I wouldn’t let it go“ im ersten Gang, verleugnet die Entwicklung der vergangenen Jahre auch nicht - Keyboard-Sounds werden immer noch zuhauf eingebunden - und dennoch spürt man die Aufbruchstimmung. Das liegt zum einen an Nick D’Virgilio, der sich als hervorragender Leadsinger geriert, zum anderen aber auch an Alan Morse, der in seiner Gitarrenarbeit endlich mal nicht gebremst wird. Folglich gibt’s mit „Surfing down the Avalanche“ erstmals richtig einen vor die Fresse. Fettes Riff, treibender Chorus, einfach satt. Doch schon mit „She is everything“, einer wundervollen Ballade und meinem persönlichen Favoriten, wird die Geschwindigkeit wieder herausgenommen. Genau wie später bei „Of the beauty of it all“, dass mit seinem Akkordaufbau wie ein harmonischer Schichtkuchen auftürmt ist, aber auch vor bösem Gitarren-Gegrummel im Untergrund nicht zurückschreckt. Mit „NWC“ wird’s dann sogar noch mal richtig proggig, für die Dream Theater-Fraktion. Für mich ist das Instrumental dennoch der am konstruiert wirkendste Track. Den Schlusspunkt setzt „As long as we ride“, ein schwofiger Song, rockig und unkompliziert. Als i-Tüpfelchen wird dem CD-Käufer ein Artwork serviert, dass der musikalischen Entwicklung entspricht und gleichzeitig ihren Status quo dokumentiert. Darauf abgebildet ist eine antiquierte Zapfsäule. Antiquiert: weil Spock’s Beard immer noch ohne Frage Prog sind? Zapfsäule: weil die Band, nachdem sie die vergangenen Jahre ökologisch korrekt mit der Elektro-Karre durch die Gegend zuckelte, endlich wieder Dreck in die Umwelt bläst - wenn auch mit KAT. Eine ganz starke Platte, nicht nur für die Gemeinde.
Rezensionen > Musik
Spock´s Beard: Octane TIPP
(SPV / InsideOut)
Autor: JK / Wertung: 11.5 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine
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