Mittlerweile sind Snow Patrol in die vorderste Liga der Rockstars aufgestiegen. Die Band konnte weltweit Millionen von Alben an die Frau und an den Mann bringen. „Eyes Open“ und die entsprechenden Singleauskopplungen manifestierten den Status der Glasgower. Dabei fischten sie im Grunde nur noch im selben Gewässer wie Coldplay, Keane, Travis und Konsorten. Die Frage „Warum hören sich diese Jammerlappen eigentlich alle gleich an?“ schien durchaus ihre Berechtigung zu haben. Das interessantere und künstlerisch wertvollere Album lieferten Snow Patrol sicher mit „Final Straw“ ab – kommerziell freilich weniger erfolgreich.
Die Musikwelt schreibt immer wieder Geschichten, die es eigentlich nicht gibt. Oder warum ausgerechnet jetzt steigt gerade „Run“ aus „Final Straw“ in den deutschen Airplay Charts unaufhörlich nach oben? In Folge dieses Phänomens wird das Album aus dem Jahre 2004 nun erneut veröffentlicht. Über Sinn und Unsinn kann man natürlich wieder trefflich streiten, wenn die Scheibe dadurch aber endlich die entsprechende Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient, dann ist die Geschichte schon mehr als gelungen. Nebenbei sind die zwölf Songs natürlich über jeden Zweifel erhaben und auch knapp vier Jahre nach erstmaliger Veröffentlichung immer noch grandiose Popnummer irgendwo zwischen den beiden Welten Mainstream und Indie angesiedelt.
Im Gegensatz zum Nachfolgewerk schielt „Final Straw“ aber noch viel weniger auf die großen Töpfe des Mainstreamradios, sondern ist wesentlich subtiler in der Instrumentierung. Die mitreißenden Melodien blinzeln natürlich an allen Ecken und Enden hervor, müssen sich aber erst durch Schichten von angezerrten Gitarren arbeiten, bevor sie sich zu diesen Stadionhymnen entwickeln, die eigentlich für den Club von nebenan gedacht und gemacht sind.
Die zwölf Nummer sind allesamt weit vom Mittelmaß entfernt. Die beiden Singles, das melancholische und überragende „Run“ und das fröhliche und treibende „Spitting Games“, dürften ja hinlänglich bekannt sein. Diese beiden Kleinode stehen aber nur exemplarisch für ein großes Album, welches in seiner musikalischen Vielfalt vollends zu überzeugen weiß. Die Produktion und die Arrangements können sich ebenfalls sehen und hören lassen. Schon der stimmungsvolle und toll arrangierte Albumopener „How To Be Dead“ lässt erahnen, was da in der nächsten Dreiviertelstunde auf den Zuhörer zukommt. „Wow“ lärmt, zumindest für Snow Patrol Verhältnisse, anschließend mit ordentlich verzerrten Gitarren und druckvollem Bass durch die Prärie. Auch „Gleaming Auction“ und „Whatever´s left“ wissen anschließend das Indieherz zum Leben zu erwecken und sind noch weit vom Schmalz des Nachfolgealbums entfernt. Eher Sonic Youth denn Travis. „Chocolate“ ist ein weiterer Höhepunkt der ersten Albumhälfte und schlägt eine intelligente Brücke von der Hymne zum kleinen Clubhit.
„Run“ ist natürlich ein, wenn nicht gar der Übersong der Platte. Das folgende „Grazed Knees“ ist noch eine Spur ruhiger ausgefallen, überzeugt aber durch einen tollen Songaufbau. „Ways & Means“ hat zwar eine Menge Ideenreichtum zu bieten, plätschert mit seiner eher düsteren Atmosphäre allerdings auch etwas ziel- und planlos so vor sich hin. Trotzdem versteht es die Nummer irgendwie den Zuhörer mitzureißen. Erstaunlich! „Tiny Little Fractures“ lärmt noch mal ordentlich drauflos, bevor „Somewhere a Clock is Ticking“ wieder in gemäßigten Gefilden angesiedelt ist und die Scheibe mit „Same“ zu Pianoklänge ausklingt.
Fazit: „Eyes Open“ ist sicher keine schlechte Platte, aber „Final Straw“ war viel gewagter und musikalisch um Längen spannender. Aufbau und Arrangements können auf ganzer Linie überzeugen. Die Produktion tut ihr Übriges dazu. Hinzu kommt ein wirklich gelungenes Songwriting, welches noch nicht auf die großen Mainstreamtöpfe schielt . „Final Straw“ hat alles zu bieten, was gute Indiepopmusik in den 00ern eben enthalten sollte und ist auch heute in der Nachbetrachtung ein wichtiges Album für Snow Patrol.