Mit System Of A Down hat Serj Tankian nicht nur neue Maßstäbe im härteren Rockbereich gesetzt, sondern direkt ein ganzes Genre entstaubt. Neben den Folkloreeinflüssen und den Stakkato-Gitarrenausbrüchen ist das stimmgewaltige und sehr vielseitige Organ von Tankian einer der Gründe, warum diese Band herausragt. Auch sonst ist der Mann sehr umtriebig und hat als Aktivist auch auf politischer Ebene so manches zu sagen und ins Leben gerufen. Die Organisation „Axis Of Justice“ dürfte jedenfalls weltweit ein Begriff sein. Nun kommt fast unerwartet sein erstes Soloalbum „Elect The Dead“. Gespannt und gebannt durfte man dem Werk entgegenfiebern und insgeheim stellte man sich natürlich die Frage, ob Serj Tankian nun den Weg eines anderen Stimmakrobaten einschlagen wird und sich wie Mike Patton musikalisch auch von seinem bisherigen Schaffen entfernen wird.
Dies ist eindeutig nicht der Fall! „Elect The Dead“ könnte ebenso gut von System Of A Down stammen. Zugegebenermaßen hat dies bei mir beim ersten Durchlauf nicht nur für Enttäuschung gesorgt, sondern auch zu einem langen Gesicht. Tja, klassischer Fehler, man sollte halt vorab keine Erwartungen haben. Die hat Serj Tankian nun zumindest bei all denen nicht erfüllt, die eine Abkehr vom bisherigen Sound erwartet haben.
„Elect The Dead“ braucht etwas Zeit, da es hier und da natürlich wieder sehr vertrackt ist. In Nuancen unterscheiden sich die einzelnen Tracks sogar deutlich von denen seiner Hauptband, versehen mit den schon hinlänglich bekannten Elementen. Auch die Kombinationen laut und leise, schnell und langsam, Folklore gepaart mit Heavyness werden hier wieder sehr schön in Szene gesetzt. Dabei wird auch der melancholischen und nachdenklichen Seite von Tankian genügend Platz eingeräumt.
Die Scheibe startet schon fast im klassischen Rockgewand. „Empty Walls“ ist ein druckvoller Rocker ohne viel Schnickschnack und wird direkt auf den Punkt gebracht. „The Unthinking Majority“ ist da schon eine Spur vielfältiger und hat die bekannten Ausbrüche nach den ruhigen Momenten zu bieten. Die Nummer geht schon als System Of A Down Standard durch und beweist erneut welche Ausnahmestellung Tankian als Sänger in der Rockwelt innehat. „Money“ wird von einem Piano-Thema getragen und fängt wie eine Popnummer an. Dies ist allerdings nur die Ruhe vor dem Sturm, den Tankian dann loslässt, bevor es wieder langsam und schwermütig weitergeht. Wer Abwechslung sucht, der ist bei diesem Song genau richtig, so viel haben andere auf einem ganzen Album nicht zu bieten. Balladesk kommt dann „Feed Us“ mit einem mitreißenden Refrain daher, was mit dem traurigen „Saving Us“ anschließend aber noch getoppt wird. „Sky Is Over“ fängt ebenfalls mit einem Pianothema an, steigert sich aber noch zu einer Rocknummer mit ein paar Brüchen in der Geschwindigkeit und des Gesanges.
„Baby“ eröffnet die zweite Albumhälfte als solider Rocker, ist für Tankian Verhältnisse allerdings fast schon wieder zu gewöhnlich und zu vorhersehbar. „Honking Antelope“ ist da leider auch nicht besser und auch eher verzichtbar. Seine Liebe für Pianoeröffnungen führt Tankian im folkloristischen angehauchten „Lie Lie Lie“ weiter fort. Die Platte baut hier endlich wieder eine dichte Atmosphäre auf, auch wenn die Lalala-Chöre bisweilen etwas nerven. „Praise The Lord And Pass The Ammunition“ fordert den Hörer danach wieder mehr – geanglich wie auch musikalisch. Sehr vertrackte Nummer, die so ungewöhnlich wie herausfordernd ist. „Beethoven´s C**“ läutet in traditionellem Gewand die Zielgerade ein, bevor die Scheibe sehr schön mit dem Titeltrack ausklingt.
Fazit: Mit „Elect The Dead“ ist Serj Tankian ein sehr gutes Soloalbum geglückt. Man muss der Scheibe nur Zeit zur Entfaltung geben und sollte hier nicht die Neuerfindung des musikalischen Rades erwarten. Tankian macht in seiner Musikwelt jedenfalls erneut auf hohem Niveau weiter, wo er mit Systeam Of A Down aufgehört hat. Artwork und Booklet sind übrigens auch sehr schön und künstlerisch gestalten und ragen auch mal wieder aus der Masse heraus. Insgesamt ist dies hier eine runde Geschichte und Tankian stellt erneut eindrucksvoll seine Extraklasse unter Beweis!