Die Scorpions haben dieser Tage mitgeteilt, dass sich so langsam aber sicher die Bandgeschichte dem Ende nähert. Man wolle aufhören, bevor es peinlich wird. Nun denn, ob dieser Zeitpunkt nicht längst schon verpasst wurde, kann man sich schon seit mindestens 20 Jahren fragen. Es dürfte auch kein Geheimnis sein, dass die Zuschauer und Fans der Hannoveraner Combo auch nicht mehr so die Bude einrennen wie zu den besten Zeiten.
Mit „In Trance“, „Virgin Killer“ und „Taken By Force“ legt Sony nun drei Album in deren Classic-Reihe neu auf. Zum kleinen Preis kann man selbige nun in einem Pappschuber erwerben. Die Ausstattung ist zweckmäßig und kommt in so genannten Cardboard-Sleeves mit den Originalcovern. Originalcovern? So ganz stimmt das nicht, denn die ursprünglichen Cover unterlagen einer Selbstzensur. Was letztlich als Alternative gewählt wurde sollte den Machern die Schamesröte ins Gesicht treiben – so unterirdisch und peinlich sind selbige. Aber nun gut, auf den musikalischen Inhalt kommt es ja schließlich an.
Hört man sich „In Trance“, „Virgin Killer“ und „Taken By Force“ nacheinander an, wird schnell deutlich, was die Scorpions in den 70ern von jenen unterschied, die später kein Peinlichkeitsfettnäpfchen ausließen: Ulrich Roth. Die Begeisterung eines Billy Corgan von den Smashing Pumpkins für diesen Mann kommt auch nicht von ungefähr.
Auf „In Trance“ sind es die Ulrich Roth-Songs, die das Album definitiv aufwerten. Schon das von Roth geschrieben und gesungene „Dark Lady“ ist ein veritabler Rocker vor dem Herrn. Auch beim majestätischen „Life´s Like A River“ hat neben Schenker und Fortmann eben Roth seine Finger im Spiel. Immerhin hat auch das Songwriter-Duo Schenker/Meine mit „Top Of The Bill“ eine kraftvolle Hymne im Köcher. Und der Rest? Kann man gepflegt ignorieren, auch, wenn dies die Japaner sicher anders sehen, da war das Album nämlich recht erfolgreich.
„Virgin Killer“ wartet mit einem Cover auf, welches nur noch schwerlich zu unterbieten scheint. Sei es drum, musikalisch hat abermals Ulrich Roth seine Duftmarken hinterlassen. Der Weg von „In Trance“ wird auf diesem Album weiterverfolgt, allerdings ist das Album insgesamt etwas härter ausgefallen. Der Titelsong ist dann auch mehr Heavy denn Hardrock. Die großartigen „Hell-Cat“ und „Polar Nights“ wurden nicht nur von Roth geschrieben, sondern auch gleich eingesungen. Gut so! Man kann seine Stimme mögen oder nicht, aber Fakt ist, dass er eine ganz eigene Herangehensweise hat und diese sich deutlich von den Schenker/Meine komponierten Songs unterscheidet. Immerhin lassen „Picture Life“ oder „Backstreet Queen“ ein gewisses Hitpotenzial erkennen.
„Take By Force“ hat schließlich Liveklassiker wie “Steamrock Fever”, “We’ll Burn The Sky” und “He’s A Woman – She’s A Man” zu bieten, die erahnen lassen, warum zu den fünf Japan-Konzerten immerhin 120.000 Zuschauer kamen. Danach war alles anders, die Scorpions entwickelten sich zu Superstars und Ulrich Roth suchte das Weite.
Fazit: Zwischen Hard- und Heavyrock gibt es auch schon erste Vorboten des Balladenschmalz zu vernehmen. Die Progrockanleihen lassen den Pegel genau in die andere Richtung ausschlagen und immer wenn Ulrich Roth das dominierende Element ist, lassen die Songs sogar aufhorchen und auch Schenker läuft an der Axt mit Roth zusammen zur Höchstform auf. Wer sich also einen Überblick verschaffen will, wie die Scorpions so langsam ihre Karriere in Gang brachten und wie sie klangen, als besagter Ulrich Roth noch mit von der Partie war, der ist bei diesen „3 Original Album Classics“ bestens aufgehoben. Insgesamt weitaus besser, wie man von Musik unter dem Banner „Scorpions“ vermuten könnte, allerdings auch mit einigen Längen, Stückwerk und Belanglosigkeiten angereichert. Unter dem Strich ist eine Anschaffung für diesen Preis aber durchaus eine Überlegung wert!
