Im Herbst 2006 geben die Rolling Stones zwei Konzerte im New Yorker Beacon Theatre in intimer Atmosphäre. Martin Scorsese hat die ganze Geschichte filmisch festgehalten. Der Film ist auch ein Gipfeltreffen der besten Kameramänner und -frauen Hollywoods, die das Konzert aus allen erdenklichen Blickwinkeln festhalten. Der Film feierte als Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere - unter Anwesenheit des Regisseurs und der Rolling Stones. Er war damit der erste Dokumentationsfilm in der Geschichte der Berlinale, der je das weltweit renommierte Filmfestival eröffnet hat. So viel zu den Fakten. Die sind ja bekanntlich noch kein Qualitätsnachweis, auch wenn die Verbindung Rolling Stones und Martin Scorsese natürlich aufhorchen lässt und schon auf dem Papier einiges verspricht. Die Vorschusslorbeeren sind groß und alle, die das Werk schon begutachten durften zeigen sich regelrecht begeistert. Die vermeintlich größte Rockband der Welt scheint damit mal wieder Maßstäbe zu setzen und lässt auch Kollegen wie U2 mit ihrem 3D Film, die damit eigentlich neue Wege im Konzertfilmgenre beschritten haben, hinter sich. Es sind halt die Rolling Stones und die alten Herren scheinen immer noch zu wissen wie der Hase läuft.
Auf der Leinwand mag das natürlich alles vorzüglich funktionieren, aber ist der entsprechende Soundtrack dazu nicht eher überflüssig? Kommt aus der Konserve überhaupt die Atmosphäre rüber? Wirkt die ganze Kiste so nicht verschenkt? Zumal die Doppel-CD auch hinlänglich bekannte Songs enthält, die man eigentlich nicht mehr hören kann und will? Alles Wischiwaschi, das Album haut einen auch ohne die bewegten Bilder um und schafft es zumindest eine ungefähre Ahnung davon zu bekommen, was die Rolling Stones live immer noch im Stande sind zu leisten.
Insgesamt umfasst der Soundtrack 24 Nummern. Gastauftritte gibt es von Christina Aguilera, der Blues-Legende Buddy Guy und Jack White von den White Stripes. Wer mit den Stones auftreten darf erhält ja fast schon eine Art Ritterschlag. Natürlich ist die Qualität der Darbietung im Vortrag differierend. CD eins wartet neben bekannten Nummern auch mit eher rarem Material auf. „Jumpin´ Jack Flash“ eröffnet das Set solide. Beeindruckend ist die Tonqualität. Jedes Instrument ist glasklar zu hören, jeder Verspieler (meist von Keef) fällt so doppelt schwer ins Kontor. Und genau dies macht natürlich auch den ganz besonderen Charme der Aufnahme aus. „Shattered“ quält sich fast ein bisschen über die Runden, bevor mit „She Was Hot“ ein erster Höhepunkt folgt. Die Band scheint sich warm gespielt zu haben und legt jetzt ein Set hin, welches auch aus der Konserve mitreißend ist. Das Duett „Loving Cup“ mit Jack White ist sogar erstaunlich gut. Auch „Just My Imagination“ kommt zu ganz neuen Ehren und entwickelt fast schon Partyatmosphäre. „Champagne & Reefer“ dürfte fast nur eingeweihten Bluesfans bekannt sein. Folgerichtig veredelt Buddy Guy die Nummer hier auch. „You Got The Silver“ aus dem Jahre 69 ist dann eine der Zugeständnisnummern, die Keith Richards singen darf. Er kann es freilich nicht, aber wen stört das schon? Charmant ist das auf alle Fälle, ebenso wie „Connection“ von 67.
Eine faustdicke Überraschung stellt CD zwei mit den übergroßen Hits dar. „Sympathy For The Devil“, „Start Me Up“, „Brown Sugar“ und sogar „Satisfaction“ bestechen durch eine Spielfreude und eine lang nicht mehr gehörte Frische. Werden gerade diese Songs oftmals als lästiges Pflichtprogramm runtergespult, kommen sie hier druckvoll aus den Boxen. Bei „Live With Me“ darf sich Christina Aguilera mit Mick Jagger duettieren. Und bevor jetzt jeder Rockfan die Nase rümpft, die Frau kann durchaus singen, man muss ihr nur mal, so wie hier, den richtigen Song zugestehen. „Paint It Black“ ist eh nicht klein zu kriegen. Trotzdem ist der Vortrag nicht mehr als solide. „Little T & A“ zeichnet sich dann wieder durch den Keef-Faktor aus, bevor „I´m Free“ und besonders „Shine A Light“ die ganze Kiste wunderbar zum Ende bringen.
Fazit: Martin Scorsese mag aus „Shine A Light“ ein filmisches Meisterwerk gemacht haben, aber dies wäre alles nichts, wenn die Hauptprotagonisten, die Band nämlich, sich durch ein Set rumpeln würden. The Rolling Stones stellen ein weiteres Mal eindrucksvoll unter Beweis, dass sie auch als alte Säcke immer noch live zu überzeugen wissen. Man hat die Band lange nicht mehr mit einer derartigen Spielfreude gehört und selbst tot geglaubte und gespielte Nummern erstrahlen in ganz neuem Glanz. Und wer jetzt bemängelt, dass die Stones nur noch als lebende Jukebox ihre Berechtigung haben, der darf gerne dem Soundtrack lauschen und feststellen, dass die Band immer noch ihr Handwerk versteht.