Wer hätte im April 80 vermutet, dass die Band Twisted Kites 28 Jahre später unter anderem Namen zu den bekanntesten Musikkapellen auf diesem Planeten gehört? Der erste Auftritt der Gruppe in der heimischen Kirche ihrer Heimatstadt, Athens/Georgia, dürfte jedenfalls noch nicht darauf hingedeutet haben. Heute nennt sich Twisted Kites R.E.M. und die Mitglieder sind rund um den Globus Megastars. Schon zu Beginn der 80er erspielen sich die vier Jungs eine treue Fangemeinde, der weltweite Durchbruch sollte allerdings noch etwas auf sich warten lassen.„Out Of Time“ und besonders die Single „Losing My Religion“ heben R.E.M. auf den großen Sockel einer Superband. Das nächste Album „Automatic For The People“ treibt die ganze Kiste sogar noch mehr in ungeahnte Sphären und bringen R.E.M. mit 80 Millionen Dollar den höchstdotierten Vertrag mit einem Label (Warner) ein.
R.E.M. scheinen ab dann absolute Narrenfreiheit zu genießen. Der Erfolg der folgenden Alben ist allerdings nicht mehr ganz so groß und mit Bill Berry steigt sogar ein ganz wichtiger Bestandteil der Bandstruktur und Chemie aus um sich fortan seiner Farm zu widmen. Die restlich verbliebenen Mitglieder taumeln wie ein angeschlagener Boxer durch das Musikgeschäft. Nun haben sie sich definitiv wieder gefangen und mit „Accelerate“ ein vorzügliches, rockiges Album vorgelegt. Es scheint fast so, als wäre die Band auf ein gesundes Maß geschrumpft.
Auch wenn die Bandgeschichte recht bewegt erscheint, haben R.E.M. eins nie aus dem Auge verloren – den künstlerischen Anspruch. Mal hat ihre Kunst besser funktioniert, mal eben weniger. Treu geblieben sind sich Michael Stipe, Mike Mills, Peter Buck und Bill Berry aber immer und da passt auch der vorliegende Bildband „Hello“ wunderbar in das Bandkonzept. Die Fotografien von David Belisle sind nicht mehr, aber auch nicht weniger als kunstvolle Portraits der Menschen, die hinter R.E.M. stehen. Er hat die Band die letzten sechs Jahren auf ihren Reisen begleitet und diesen Lebensabschnitt mit seiner Kamera festgehalten. Einen Teil dieser Aufnahmen kann man nun auf 192 Seiten mit 230 farbigen und s/w-Abbildungen bewundern.
Dieser opulente Bildband beginnt mit einem Vorwort, welches Michael Stipe höchstpersönlich verfasst hat. Hier erfährt man auch, dass sich der Fotograf und der Sänger erst sehr spät über den Weg gelaufen sind. Erst im Herbst 2001 lernte Michael Stipe David Belisle kennen. Dies ist insofern sehr bemerkenswert, da Belisle der Band schon kurze Zeit später so nahe kam, wie kaum ein anderer vor und nach ihm. Er begleitete R.E.M. fortan auf deren musikalischen Reisen.
Stipe selber sagt, dass man Belisle und seine Leica kaum bemerkt habe und der Fotograf auch ohne großes Setup arbeiten kann. Das Ergebnis ist nicht nur außergewöhnlich, sondern auch sehr intim. Die einzelnen Band- und Crewmitglieder haben den Fotografen einfach gewähren lassen und er zahlt dies nun doppelt und dreifach mit beeindruckenden Fotos zurück. Wer Fotografie auch immer als Kunstform begreift und betrachtet, der kommt hier voll und ganz auf seine Kosten. Man entdeckt immer wieder kleine Details und Nuancen. Selbst Sinnestäuschungen sind möglich. Michael Stipe sitzt im Bus und durch das Fenster sieht man einen vorbeifahrenden Zug? Weit gefehlt, dies sind zwei völlig verschiedene Bilder, denn bei genauer Betrachtung sieht man das Spiegelbild von Stipe im Fenster. Die ist die hohe Kunst der Fotografie – beeindruckend!
Die dynamischen Fotografien zeigen Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills nicht nur bei Liveauftritten, bei Dreharbeiten zu Videoclips, sondern geben auch einen Blick frei jenseits des Rampenlichts. So darf man auch die Bandmitglieder auf der Toilette oder einen Michael Stipe unter der Dusche bewundern. Auch Aufnahmen mit Familienmitgliedern sind ebenso enthalten, wie auch zahlreiche mit Musikerkollegen. Neil Young, Chris Martin, Thom Yorke, Bruce Springsteen, Conor Oberst, Eddie Vedder und Patti Smith sind im Laufe der sechs Jahre alle R.E.M. über den Weg gelaufen. Die zum Teil sehr intimen Fotos dazu gibt es hier.
Neben den kunstvollen Aufnahmen gibt der Bildband aber auch noch den Blick frei, auf das Innenleben der Band. Wer schon immer wissen wollte, was vor und nach einem Konzert passiert, der erhält hier mehr als nur einen Einblick. Egal ob sich die Jungs beim Soundcheck besprechen, auf das Konzert warten oder erschöpft von der Bühne gehen – hier ist man als Betrachter stets hautnah dabei. Von den Konzerten selber sind natürlich auch zahllose Aufnahmen enthalten, die einen Fokus auf die Band freigeben, wie man ihn zum Teil bisher noch nicht hatte. Abgerundet wird die ganze Geschichte durch handgeschriebene Kommentare der einzelnen Bandmitglieder.
Fazit: Auch wenn viele der enthaltenen Fotos von „Hello“ sich Michael Stipe widmen, gibt dieser Bildband Einblicke in die Band R.E.M., wie man sie bisher noch nicht hatte. Die Bilder sind nicht nur sehr kunstvoll fotografiert, sondern sie lassen den Betrachter durch die Kamera des Fotografen und dessen Perspektive zu einem echten Bandinsider werden. Beeindruckend! Zudem schafft es dieses schmucke Werk die Geschichte von sechs Jahren R.E.M. nur anhand von Bildern zu erzählen. Von Athens, auf die großen Konzertbühnen dieser Welt, zum Videodreh von „Animal“, Vote For Change Tour, bis letztlich zur Hall Of Fame-Aufnahme – hier sitzt man tatsächlich in der ersten Reihe. Diese Fanbibel ist ein absolutes Muss!
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