Die gemeinsame Geschichte von Radiohead und EMI Music ist beendet und doch kommen dieser Tage bei dem Label jede Menge Veröffentlichungen der Band aus Oxford heraus. Die Vorgehensweise war im Grunde vorprogrammiert, erst recht wo doch Radiohead und ihr aktuelles Album „In Rainbows“ in aller Munde waren. Das Box-Set mit den ersten sechs Alben der Band ist ja gerade erst erschienen, da wird mit einer „Best-Of“ Zusammenstellung in den verschiedensten Versionen direkt nachgelegt. Die Band selber soll, wie man hört, alles andere als begeistert davon sein. Selbstverständlich hat ein „Best Of“ Album immer einen etwas fragwürdigen Charakter, aber auch die Veröffentlichungspolitik von „In Rainbows“ wirft einige ärgerliche Fragezeichen auf.
Im Grunde macht ein „Best Of“ Album von Radiohead nicht viel Sinn. Neueinsteiger sollten sich direkt das Box-Set und „In Rainbows“ obendrauf sichern. Fans wird hier nichts Neues geboten und somit ist die Zielgruppe für das vorliegende Album nicht sonderlich groß. Wem allerdings ein komplettes selbstständiges Werk zu anstrengend ist und wer nur einen groben Überblick über das Schaffen dieser einzigartigen Band erhalten möchte, der sollte hier zugreifen, dann aber bitte direkt die Special Edition und Doppel-CD Version.
Nun aber genug. Über Sinn und Unsinn dieser „Best Of“ sollen sich doch die Gelehrten streiten. Die 29 Tracks auf der vorliegenden Doppel-CD machen eines ganz deutlich, im Grunde sind Radiohead die beste Band der Welt. Wenn man sich die Entwicklung anhand der Songs anguckt, dann kommt dies schon einem Quantensprung gleich. Wo andere Formationen durch Innovationsmangel und Ideenlosigkeit glänzen, scheinen Radiohead davon schier überzusprudeln. Die Nachwehen von Grunge aus den Anfangstagen waren kaum verklungen, da folgten auch schon Popsongs von zeitloser Schönheit, nur um anschließend eine Rocksymphonie mit Stilmitteln aus Psychedelia, Progressive und Post-Punk auf die Beine zu stellen. Die perfekte Schnittstelle aus Tradition und Avantgarde. Was konnte da noch kommen? Zwei Monster, die fast unhörbar schienen und eigentlich kommerziellen Selbstmord darstellten. Und was passierte? Die Welt schien nur auf diese Musikbrocken gewartet zu haben. Experimentell und elektronisch klang die Band nun. Künstlerisch immens wertvoll und trotzdem auch sehr inspirierend und von einer traurigen Schönheit durchzogen. Auch danach sind Radiohead immer noch in der Lage magische Songs aufzunehmen und ihre Wiegelieder für die Apokalypse aufzunehmen.
Dies alles beinhaltet diese „Best Of“ Zusammenstellung. Eine Reise durch den Kosmos Radiohead, ein Ritt durch schier wahnsinnige Klanglandschaften, die einen sicher nicht mehr loslassen werden, die man gar nicht mehr loslassen möchte. Diese Retroperspektive ist übrigens nicht chronologisch angeordnet. Dadurch ergibt sich ein ganz anderer Blickwinkel auf das Schaffen von Radiohead. So unterschiedlich die einzelnen Schaffensperioden auch waren und sind, das Gesamtbild ist doch sehr homogen und funktioniert hervorragend. Das fast schon epische „No Surprises“ folgt auf das von Grungenachwehen durchzogene „Creep“. Funktioniert nicht? Funktioniert sogar sehr gut. An das wunderschöne „Fake Plastic Trees“ schließt sich das hektische und elegische „Idioteque“ an. Eines der schönsten Lieder der 90er darf mit „High And Dry“ selbstverständlich auch nicht fehlen. Über die Trackliste kann man natürlich immer trefflich streiten. Sechzehn Songs ist zwar eine stattliche Anzahl an Tracks, aber natürlich viel zu wenig für Radiohead. Die zweite CD bietet da einen noch besseren Überblick, denn hier sind all´ diese Tracks enthalten, die es nur knapp auf die Einzelversion nicht geschafft haben. Eröffnet wird der Reigen standesgemäß mit „Airbag“, worauf sich das treibende „I Might Be Wrong“ anschließt. Das bisher schmerzlich vermisste „Exit Music (For A Film“ drückt auch hier wieder auf die Tränendrüse bevor „The National Athem“ einem wieder den Atem raubt. Die Vielfältigkeit von Radiohead ist schon beeindruckend. Von den 29 Songs ist einer besser wie der andere.
Fazit: Diese „Best Of“ Zusammenstellung manifestiert auf beeindruckende Art und Weise die Ausnahmestellung von Radiohead im Musikzirkus. Die Trefferquote an herausragenden Nummern liegt hier bei 100 %. Für die Musik kann es nur die Höchstwertung geben, als Tipp sei, gerade Neueinsteigern, allerdings das Box-Set ans Herz gelegt. Sammler sollten sich nach der Vinyl-Version der "Best Of" umgucken.