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Pop seit 1964: von Kerstin Gleba und Eckhard Schumacher

(Kiepenheuer & Witsch)

Autor: schlimm / Wertung: 9 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Pop seit 1964
Pop und Literatur stehen auf die erste oberflächliche Betrachtung wohl in keiner direkten Verbindung zueinander. Bei einer etwas tiefgehender stellt man allerdings dann schon fest, dass sich hier ohne Zweifel eine Verbindung herstellen lässt. Manchmal könnten diese beiden Kunstbereiche nicht weiter voneinander entfernt sein, ein anderes Mal wieder stehen sie einträglich nebeneinander. Erstmals richtig zusammengefügt wurden diese beiden Bereiche in den USA wohl in den 40er und 50er Jahren. Popliteratur geht auf die damalige Beatgeneration zurück. Schriftsteller wie Kerouac, Ginsberg oder Burroughs versuchten damals das Gefühl der Jugendkultur zum Ausdruck zu bringen. Die Literatur bekam dadurch eine authentische Sprache, die Sprache der jungen Leute und der Straße. In Deutschland übernahm diesen Part dann Rolf Dieter Brinkmann.

In den 90ern gab es in Deutschland dann eine Art Renaissance. Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Thomas Brussig und Alexa Hennig von Lange zeichneten sich dafür in erster Linie verantwortlich und waren von großer Bedeutung. Mittlerweile scheint das öffentliche Interesse wieder etwas abgeflaut zu sein. Die mediale Präsenz ist auch nicht mehr so vorhanden. Seinerzeit näherte man sich von der Thematik doch sehr an den Popbereich an. Drogenkonsum, Reisen sowie die Verarbeitung sekundärer Lektüren aus den Bereichen Fernsehen, Musik, Internet, Popkultur im allgemeinen oder aktueller Lifestyle sind plötzlich in den Werken der genannten Autoren das Hauptthema. Dinge also, die die Jugend bewegten.

Trotzdem werden diese beiden Bereiche sicher immer in irgendeiner Art und Weise miteinander korrespondieren und in Verbindung stehen. Schon die beiden Herausgeber haben erkannt: „Popliteratur ist nicht mehr wegzudenken, nicht aus der Literatur der letzten vierzig Jahre, und auch nicht aus der Gegenwart. Es gehört zum Wesen des Pop, dass er kommt und geht, dass er sich immer wieder erneut der Festlegung entzieht“. Natürlich kann dieses Werk nicht lösen was Pop ist, will uns muss es auch gar nicht.

1964 – 1972, 1982-1989 und 1990-2004 sind die Jahresmarken, nach denen die Unterteilungen hier vorgenommen wurden. Man selber hat bei der Lektüre das Gefühl oftmals eine kleine Zeitreise durchzumachen. Die Anthologie enthält essayistische, journalistische und erzählende Texte, darunter Pop-Klassiker genauso wie kaum bekannte Fundstücke. Hier und da ergeben sich dann doch recht überraschende Querverbindungen. Die jeweiligen Kapitel werden von den Herausgebern mit einleitenden Worten begleitet, die den historischen, sowie literarischen Kontext erläutern.

Es dürfte klar sein, dass die Qualität der einzelnen Abschnitte schwankend ist. Vom Spaß beim Lesen bis zum Teil doch recht anstrengenden Passagen ist hier alles dabei. Dazu muss man sich auch nur mal die lange Latte der beteiligten Personen angucken: H.C. Artmann, Sibylle Berg, Maxim Biller, Rolf Dieter Brinkmann, Rebecca Casati, Dietmar Dath, Diedrich Diederichsen, Clara Drechsler, Jörg Fauser, Hubert Fichte, Peter Glaser, Rainald Goetz, Kerstin Grether, Peter Handke, Alexa Hennig von Lange, Elfriede Jelinek, Kid P., Berg Lauchstaedt, Joachim Lottmann, Olaf Dante Marx, Thomas Meinecke, Elke Naters, Andreas Neumeister, Hans Nieswandt, Thomas Palzer, Das popkulturelle Quintett, Kathrin Röggla, Christopher Roth, Ralf Rainer Rygulla, Benjamin v. Stuckrad-Barre, Moritz von Uslar.

Insgesamt ist es aber doch sehr überraschend wie auch aus dem Kontext gerissene Teile eines Buches mit völlig fremden eines anderen Schreibers harmonieren und letztendlich auch zusammenpassen. Den Abschluss des Bandes bildet das bislang unveröffentlichte Protokoll eines Gespräches über Pop, das die Herausgeber im Oktober 2006 mit Thomas Meinecke und Benjamin v. Stuckrad-Barre führten. In seiner Summe gesehen macht der 410 Seiten starke und 1 Kilo schwere Wälzer richtig Spaß und ist ein großes Lesevergnügen. Eine Fortsetzung darf und sollte es gerne geben!

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