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Philip Boa And The Voodooclub: Diamonds Fall
(Rough Trade)


Autor: schlimm / Wertung: 9 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Avantgarde. Indie. Philip Boa. Drei Worte, mehr braucht es nicht und jeder weiß, dass diese Verbindung passt. Drei Worte, die der Künstler in diesem Zusammenhang sicherlich nicht mehr hören kann. Und doch war Boa einer der Wenigen, der auch im Ausland als ernstzunehmender Musiker respektiert wurde. In Deutschland wurde auch gerne noch das Wörtchen Papst verwendet. Wollte Boa überhaupt jemals der Indiepapst sein? So richtig überliefert ist das nicht, aber vielleicht hätte Boa auch ein Interview abgebrochen, sofern einem diese Bezeichnung über die Lippen gekommen wäre oder er hätte gleich die Kassette zerstört. Boa war eben der etwas andere Künstler.

War? Ehrlich gesagt habe ich Boa schon länger nicht mehr auf dem musikalischen Radar. Wer was auf sich hielt huldigte Boa in den 80ern, aber danach wurde es fast schon zu ruhig um ihn, auch, wenn er freilich immer noch musikalisch aktiv war. Mit „Diamonds Fall“ dürfte er jetzt allerdings bei der musikinteressierten Öffentlichkeit wieder auf der Bildfläche auftauchen. Gut, haken wir zunächst die unvermeintlichen Fakten ab: Pia Lund ist wieder mit von der Partie und veredelt mit ihrem Gesang die Scheibe zusätzlich. Mit Jaki Liebezeit von Can hat Boa sogar eine Ikone und Legende hinter der Schießbude sitzen. Dies trägt alles sicher zum guten Gelingen von „Diamonds Fall“ bei, aber mal ehrlich, wäre das Songmaterial schlecht, würde das auch nicht weiter ins Gewicht fallen.

Das Songmaterial ist allerdings in seiner Gesamtheit gesehen verdammt gut. Manches ist sogar brillant und zeigt Boa von einer Seite, wie man sie nicht mehr erwartet hätte. Schon das Titelstück ist ein verdammter Ohrwurm. Dezente elektronische Spielereien fügen sich perfekt in das Songkorsett ein. Boa singt auf bekannte Art und Weise – drollig. Der Refrain hat regelrechte Hitqualitäten und setzt sich den ganzen Tag im Ohr fest. Natürlich ist das irgendwie auch ein bisschen verschroben, aber dafür hat man Boa schließlich mal geliebt. Das Feuer ist wieder da! Die Scheibe lässt aber nicht nach, sondern mit dem melancholischen „Valerian“ kommt im Anschluss gleich die nächste Großtat zum Vorschein. Man achte bitte auch unbedingt auf die Geschehnisse im Hintergrund, denn dort passiert bisweilen sogar sehr viel. Ansonsten kann Musik der Boa-Prägung so einfach sein und auf ein Pianothema baut sich die ganze Struktur auf. „Fiat Topolino“ kann man da fast schon als Standard abhaken, obwohl das natürlich alles andere als schlecht ist. Dies gilt auch für „The Word Has Been Unfaithful“. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum die Editors oder Interpol hören, wenn man Philip Boa lauschen kann?

Überragend sind hier aber ganz andere Tracks. Immer dann, wenn es poppig wird – natürlich immer mit dieser Portion Schrägheit – ja dann, dann fühlt man sich doch gleich zu Hause. „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ wird sicher nicht im Radio gespielt – nein dafür ist die Nummer einfach nicht gemacht – und doch hat diese mehr Pop im kleinen Finger wie so vieles, was sonst über den Äther kommt. Boa beherrscht auch noch die Kunst einen eher rockigen Track auf den Punkt zu bringen, nachzuhören bei „The Race Is Over“. „Coppergirl“ ist so ziemlich das Beste, was Boa seit einer langen Ewigkeit aufgenommen hat. „Dj Baron“ klingt fast wie eine Nummer von Nick Cave, mit Einschlag Grinderman. Mit „Black Light“ hat Boa zum Schluss noch mal die ganz große Melancholie-Keule ausgepackt. Ja, dafür liebt man ihn.

Fazit: „Diamonds Fall“ ist eine Überraschung. Eine angenehme zudem. Wer hätte Philip Boa noch mal ein solches Album zugetraut? Wie aus einem Guss kommt die Scheibe sehr homogen daher. Die vielen kleinen und großen Popmomente – immer mit einer Portion Verschrobenheit – machen das Album fast zu einem Kleinod. In dieser Form hat man Boa vermisst. Willkommen zurück, Du deutscher Indiepapst!

http://www.phillipboa.de

 

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