Patricia Lee Smith, besser bekannt als Patti Smith, ist unzweifelhaft eine Ikone der Musikgeschichte. Nicht viele Frauen erlangten über die Jahre eine solche Relevanz wie sie. Nicht nur als Sängerin sorgte sie für einiges an Aufsehen, sondern konnte sich auch einen Namen als Dichterin und Malerin machen. Das Wort Künstlerin kann wohl nirgendwo besser zum Einsatz kommen wie hier. Das von John Cale produzierte Debütalbum „Horses“ machte sie zur bekannten Rock-Poetin. Auch ihr Zweitlingswerk ist auch heute noch von besonderer Wichtigkeit, enthält es doch den schon legendären Song „Because The Night“, an dem kein geringer wie Bruce Springsteen mitgewirkt hatte. Nach 1979 zieht sie sich mit ihrem Mann Fred Sonic Smith aus dem Rampenlicht zurück und gibt erst wieder 1988 mit „Dream Of Life“ ein Lebenszeichen von sich. In den 90ern musste sie dann mit dem Tod ihres Mannes, ihres Bruder und zwei sehr engen Freunden einige Schicksalsschläge verarbeiten. Heute ist sie immer noch in allen Bereichen aktiv und hat bisher neben der Musik auch schon vierzehn Bücher veröffentlicht. Ihr nun ist der Fotoband „Patti Smith – American Artist“ von Frank Stefanko gewidmet. Frank Stefanko sollte dem (Fach-)Publikum kein Unbekannter sein. Der Mann fotografierte schon die ein oder andere Größe, wie etwa die Rolling Stones, Rod Stewart, Janis Joplin, Franz Zappa, Grateful Dead und und und. Seine Fotografien zieren verschiedene Musikcover und als Autor für ein Bruce Springsteen Buch konnte er sich auch einen Namen machen. Seine Arbeit war schon Teil von vielen Ausstellungen in den USA. Nun also ein weiteres Zeugnis seines Schaffens - dieser wundervolle Bildband.
Das Buch beginnt mit einem Vorwort von Stefanko selber. Dem schließt sich die Einleitung von Lenny Kaye, dem langjährigen Gitarristen von Smith an. Interessant und sehr treffend formuliert, wie er die Fotografien sieht „…am Anfang war der Urknall und Frank war da, um die erste Sonneneruption zu dokumentieren, den Augenblick, in dem die Energie der Poesie durch uns fließen ließ“. Wer sich die ersten musikalischen Gehversuche von Patti Smith und ihrer Band anhört, der wird in der Tat zu dem Urteil kommen, dass dies einem Urknall gleich kam, so viel Energie steckte in den Künstlern. Das erste Kapitel beschäftigt sich dann mit den College Jahren und wie sich Stefanko mit Smith und deren Familie anfreundete. Kapitel 2, West 23rd Street, beschreibt die ersten Gehversuche in New York. Wobei Gehversuche sicher auch nicht treffend ist, war der Weg doch von Beginn an vorgezeichnet und Patti Smith nicht nur mit einem gesunden Selbstbewusstsein gesegnet, sondern auch mit großem künstlerischen Talent und Potenzial, wie hier eindringlich und anschaulich berichtet wird. Auch die folgenden 5 Kapitel fahren in diesem Stil fort. Der Leser erfährt hier allerlei über diese Persönlichkeit. Wo sich andere Bücher in seitenlange Abhandlungen ergehen, ohne letztendlich viel an Aussagekraft zu beinhalten oder Wissenswertes zu vermitteln, wird hier mit wenigen Worten das Wesentliche nachgezeichnet. Man könnte auch sagen, einfach auf den Punkt gebracht. Erstaunlich daran ist, dass dies auch noch in einem äußerst lebendigem Schreibstil geschieht, ohne, dass man als Leser das Gefühl vermittelt bekommt, nur eine kurze Aufzählung von ein paar Eckdaten zu erhalten. Der oftmals mystischen Künstlerin Patti Smith wird mit Worten so ein ziemlich deutliches Gesicht verliehen und man erhält mehr als nur einen Einblick „Wer oder Was“ diese Frau ist und ausmacht.
So schön das geschriebene Wort hier auch angewandt wurde, Kernstück des Buches sind natürlich die Fotografien. Bilder die einen nicht mehr loslassen. Es besteht extreme Suchtgefahr. Kaum hat man sich alle zu Gemüte geführt, dann braucht man schon wieder eine neue Dosis. Hier werden zehn Jahre eines Menschen anhand von Fotografien aufgearbeitet, die eine Kraft und eine solche Intensität besitzen die ihresgleichen sucht. Stundelang könnte man in diesen großen, fordernden Augen versinken. Stundelang könnte man in dieses Gesicht blicken und stundenlang sich diese Frau abseits von jedem Schönheitsideal angucken. Patti Smith gab und gibt wohl nie etwas vor, was sie nicht ist und wenn die Fotos sie mit unrasierten Beinen oder Löchern in den Socken zeigen, dann spiegelt dies halt den Menschen so wieder, wie er gerade in diesem Moment war – ohne künstlich zu sein.
Frank Stefanko beschreibt die Zusammenarbeit mit Smith so: „Ihre Präsenz und ihr unglaublich lebhaftes Wesen, das sich in ihrem Gesicht widerspiegelte verwandelten ein noch so einfaches Foto in eine lebendige Aufnahme“. Das ist auf der einen Seite sicherlich absolut korrekt, aber da stellt er sein Lichtlein ganz sicher auch etwas unter den Scheffel. Das ist schon die ganz große Kunst der Fotografie, die man in diesem Bildband bewundern kann. Man merkt den Bildern einfach an, dass sich die beiden Künstler auch privat näher standen und hier nicht nur eine lästige Pflichtaufgabe erfüllt wurde. Patti Smith erlangt durch das Objektiv von Stefanko zum Leben. Die beiden stachelten sich seinerzeit wohl zu jeweiligen Höchstleistungen an - ohne dabei an Natürlichkeit zu verlieren.
Was nütz der beste Text und die schönsten Fotos, wenn die Aufmachung da nicht mithalten kann? Dies ist hier aber nicht der Fall, natürlich nicht, muss man an dieser Stelle wohl sagen. Auch diese ist perfekt. Die Übersetzung von Angela Meermann ist sehr gelungen. Die ca. 150 Abbildungen, die sich auf 164 Seiten verteilen kommen im Großformat daher und sind durchgehend in Quadratone gedruckt, fadengeheftet und fest gebunden. Noch Wünsche offen? Wohl kaum!
Fazit: „Patti Smith – American Artist“ ist der erhoffte Prachtband, der dieser Künstlerin auch gerecht wird. Hier stimmt einfach alles. Perfekt ist hier das Wort der Stunde. Ohne künstlich zu wirken wurde hier ein künstlerisch sehr wertvoller Bildband geschaffen, dem man schon mal einen Platz ganz vorne im Bücherregal freihalten sollte und dies nicht nur aufgrund der hervorragenden Optik, sondern weil man das Buch aufgrund seines Inhaltes eh ständig in die Hand nehmen wird. Für Patti Smith Fans gibt es hier sowieso nichts zu überlegen – Pflichtkauf! Aber auch Musikfans im allgemeinen und Fotografieinteressierte sollten hier, nein, müssen hier zugreifen. Begeisterndes Werk, dass bei der Punktevergabe nur die Höchstwertung kriegen kann 12 Punkte!