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Nirvana: Die wahre Geschichte (von Everett True) Tipp

(Hannibal Verlag)

Autor: schlimm / Wertung: 10 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Nirvana ist ohne Zweifel einer der wichtigsten Bands der Musikgeschichte. In der kurzen Zeit des Bestehens stellten sie so einiges auf den Kopf. Irgendwie war nichts mehr wie vorher. Als „Nervermind“ durch die Decke schoss, gab es plötzlich eine völlig neue Form des Mainstreams. Alles schien möglich und jeden Monat gab es direkt mehrere Alben für die Ewigkeit. Indiemusik war definitiv bei der großen Masse angekommen und die 90er entwickelten sich zu einem sagenhaft kreativen Jahrzehnt. Der Erfolg von Nirvana war da mit Sicherheit nicht unbeteiligt dran. Der Aufstieg dieser Band bis hin zum tragischen Ableben von Kurt Cobain schien bestens dokumentiert zu sein und jeder Schritt der drei Jungs wurde mit Argusaugen beäugt. Trotzdem ranken sich allerlei Mythen und Verschwörungstheorien um diese Gruppe. Bis heute hat irgendwie jeder, der mal im selben Raum mit der Band war, seine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Glauben kann man sicher nur einen Bruchteil davon. Selbst Fans spinnen sich ihre eigenen Geschichten zusammen und wenn man hört, wer Nirvana schon zu Zeiten von „Bleach“ für sich entdeckt hat, kann man nur müde lächeln. Die Abverkäufe der Scheibe dürften sich dann nämlich schnell im zweistelligen Millionenbereich bewegt haben.

Geschichten, Mythen, Theorien – nur wo bleibt die Wahrheit? Nichts als die Wahrheit? Da Dave Grohl und Krist Novoselic ihren Fokus mittlerweile auf andere Projekte gelenkt haben, wer wäre da also besser geeignet wie Everett True? Der Mann war vermutlich so nahe an der Band dran wie kaum ein anderer. Zudem ist er quasi vom Fach. In sein berufliches Portfolio kann er sich Redakteur bei Vox, Redaktionsassistent beim Melody Maker, Schriftsteller zweier Bücher über die Ramones und die White Stripes und als Herausgeber zweier Musikmagazine schreiben. Er wird als Lester Bangs unserer Generation bezeichnet, manche sagen sogar, er habe den Grunge erst erfunden. Mit „Nirvana – Die Wahre Geschichte“ folgt nun ein weiteres Werk aus seiner Feder, welches wieder Maßstäbe setzen dürfte.

Maßstäbe setzt dieses Werk in jeglicher Hinsicht. Das Buch darf man auch als Schinken bezeichnen. Über fast 700 Seiten erstreckt sich der Band. Zudem wurde hier viel Text auf eine Seite gepackt und unter dem Strich hat der Umfang schon biblische Ausmaße! Überhaupt kann man das Teil in der Zukunft als die Grunge-Bibel bezeichnen. Das Buch hat zwar als roten Faden die Geschichte von Nirvana inhaltlich zu bieten, wer sich aber intensiv damit beschäftigt, wird schnell feststellen, dass Everett True im Grunde die Geschehnisse rund um die Entstehung eines Musikstils niedergeschrieben hat.

Alle Verschwörungstheoretiker und Liebhaber der Regenbogenpresse seien an dieser Stelle gewarnt: das Buch könnte unter Umständen nichts für euch sein. Musikliebhabern kann man dieses Werk allerdings nur ans Herz legen. Man hat bei der Lektüre fast das Gefühl, als wenn man noch mal bei der Entstehung eines Musikstils und eines riesengroßen Hypes leibhaftig dabei wäre. Alle, die zu Beginn der 90er schon vom Grunge infiziert wurden, werden hier sicher wieder in der ein oder anderen alten Erinnerung schwelgen können. Nachgeborene kriegen einen tollen Einblick hinter die Kulissen.

Der Schreibstil von Everett True ist bisweilen etwas anstrengend. Manchmal hat er auch etwas zu viele Zeit- und Gedankensprünge auf einer Seite verpackt. Hier ist also die volle Konzentration gefragt, denn leichte Lektüre für zwischendurch ist dies sicherlich nicht. Die Schilderungen von True beziehen sich in erster Linie auch auf die musikalische Seite. Mit sehr viel Insiderwissen und einer Menge Details kann er hier aufwarten und wer tief in diese Materie eintauchen möchte, der ist hier goldrichtig. Wer sich einmal richtig in dieses Buch eingelesen hat, der wird es auch so schnell nicht mehr aus der Hand legen. Viel zu interessant ist diese Geschichte.

Die vielen Seitenstränge, die sich eben nicht nur Nirvana widmen, machen dieses Werk hier so interessant. True hält sich nicht mit Geschichten rund um die Kindheit der einzelnen Mitglieder auf. Dafür bekommt man den – man möchte meinen – kompletten Einblick in den musikalischen Background von Nirvana. So wird z.B. den Melvins ein großer Teil gewidmet. Man wusste ja schon immer, wie Nirvana und besonders Kurt zu dieser Band stehen, aber hier erhält man noch mal einen ganz anderen Blickwinkel auf die Verbundenheit. Auch Mudhoney werden ausführlich beleuchtet und unter die Lupe genommen. Sonic Youth und Kim Gordon als Mutter der Kompanie kommen ebenfalls nicht zu kurz. So erfährt der Leser anschaulich, wo Nirvana seine musikalische Sozialstation hatte und sich inspirieren ließ. Selbstverständlich wird auch der Aufstieg und die musikalische Ausrichtung der ganzen anderen Grungebands beleuchtet. Seattle als Stadt und die Abgeschiedenheit von der musikalischen Außenwelt wird ebenfalls ausführlich thematisiert. True beschönigt hier nichts, sondern schildert mit dem nötigen Biss die einzelnen Passagen. Mit manchen romantischen Vorstellungen räumt er ebenfalls auf. Zudem dürfte nun für alle Ewigkeit klar sein, dass Nirvana keine Band aus Seattle sind, sondern aus Aberdeen und Olympia.

Everett True schildert Nirvana so wie sie vermutlich wirklich waren. Wie die einzelnen Mitglieder tickten. Selbstverständlich werden auch die ersten Treffen mit Courtney Love thematisiert. Im Grunde ist dieses Buch allerdings eine Hommage an die Musik und einen ganz besonderen Stil. Er beschreibt, wie viel Seele die Band in ihre Musik legte und mit welcher Leidenschaft sie zu Werke ging und dass dies im Grunde die Attribute waren, die Nirvana erst zu dem gemacht haben, was sie letztlich geworden sind. Wie man hier lesen kann, fanden nämlich nur die Wenigsten die Band am Anfang gut. Ebenfalls werden die ersten Liveversuche als nicht gerade geglückt dargestellt. Die Konstante ist Nirvana, aber True hat immer auch das große Ganze im Auge und der Aufstieg von Sub-Pop wird ebenfalls ausführlich beleuchtet.

Die Aufmachung ist als absolut erstklassig zu bezeichnen. Drei Oberkapitel mit den Titeln „Aufwärts“, „Am Ziel“ und „Abwärts“ haben einzelne Unterkapitel zu bieten. Einige Begriffe und Namen innerhalb des Buches bedürfen erklärender Worte. Dies hat man sehr schön gelöst, indem man diese mit einer Nummer versehen hat und am Ende des jeweiligen Kapitels diese dann erläutert werden. Einzelne Interviewsequenzen runden das positive Gesamtbild ab. Die obligatorischen Bilderteile sind ebenfalls vorhanden und lockern die ganze Geschichte etwas auf. Insgesamt dürften da keine Wünsche mehr offen sein.

Fazit: Wer sich auf dieses Buch einlassen kann, wird eines der interessantesten Kapitel der Musikgeschichte lesen dürfen. Der Schwerpunkt des Buches ist ohne Zweifel Nirvana gewidmet, aber die vielen Randerscheinungen und Schilderungen machen dieses Prachtwerk nicht nur zu dem Referenzwerk über Nirvana, sondern lassen es sogar als eines der Referenzwerke des Grunge durchgehen. Viele Dinge erscheinen nun in einem völlig anderen Kontext und selbst für eingeschworene Fans dürften hier noch Dinge zu Tage kommen, die absolut neu sind. Das Insiderwissen von Everett True ist unbezahlbar. Eine Hommage an den Grunge und Nirvana im Speziellen auf authentische Art und Weise! Absolute Empfehlung!

http://www.nirvana.de 

http://www.hannibal-verlag.de

 

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