Wer schon so ziemlich jede Produktion im R&B- und HipHop Bereich betreut hat und auch noch eine eigene Spielwiese in Form einer Band sein eigen nennt, dem kann man sicher eine gewisse Arbeitswut attestieren. Allerdings kann man sich bei einer derartigen Flut an Projekten sicher auch die Frage nach der Individualität und der Qualität stellen. Masse statt Klasse? Wenn man ehrlich ist, macht sich eine gewisse Abnutzungserscheinung hier und da auch bei The Neptunes hörbar breit. Zudem klingt mittlerweile doch vieles im vom Pharell und Chad betreuten Genre gleich. Bleibt im Grunde ja auch nicht aus, denn ihre Handschrift ist meist unverkennbar.
Mit dem Sänger Shae gründete das Producer Duo N.E.R.D und nun folgt mit „Seeing Sound“ der dritte Streich des Trios. Die Scheibe weiß definitiv zu überraschen. Wer ein reines HipHop Album erwartet hat, der wird hier Augen und Ohren machen. Überhaupt dürften die drei Protagonisten für einiges Erstaunen sorgen. Die Scheibe ist deutlich songorientierter, als man es vielleicht erwartet hat. Zudem wird das Pop- und Rockgewand, in dem die Songs eingebettet sind, für Irritationen sorgen – zumindest, wenn man sich mit dem Kosmos von The Neptunes und N.E.R.D bisher nicht näher befasst hat.
Auf das übliche Blingbling-Gehabe wird bei dieser Scheibe auch fast gänzlich verzichtet und somit hebt sich das Teil schon wohltuend von dem ganzen Rest des Genres ab. Genre ist da auch schon das Stichwort, denn eine Einteilung von „Seeing Sound“ fällt zudem nicht ganz so leicht. Im Grunde wird hier die komplette Musikgeschichte der letzten 50 Jahre durch den Fleischwolf gedreht, mit einem modernen Produktionsgewand versehen und zu einem ganz eigenen Stil zusammengefasst.
Der Albumanfang ist mit „Time For Some Action“ und „Everyone Nose“ fast schon unspektakulär geraten. Natürlich sind die Basslinien und auch die Scratchingelemente absolut hervorragend, aber die Drei sind halt schlau genug, ihr Pulver nicht schon am Anfang zu verschießen und so steigert sich die Scheibe kontinuierlich und hat an jeder Ecke eine Überraschung zu bieten oder zumindest eine nette Idee. „Windows“ und „Anti Matter“ sind schon atemberaubend gut, aber spätestens beim Soundgewitter von „Spaz“ werden dem Zuhörer die Gehirnwindungen von links auf rechts gedreht.
Und was passiert dann? Pause, setzen und erstmal durchatmen. „Yeah You“ ist für sich gesehen sicher erstmal nur ein kleines Liedchen mit einem netten Groove. An dieser Albumstelle kommt es aber zu ungeahnter Schönheit – eine kleine Perle, die für reichlich Entspannung sorgen dürfte. „Sooner Or Later“ dreht dann die Spirale der Unglaublichkeiten, die im Übrigen nie überdreht wird, noch eine Spur mehr nach oben. Organisch, authentisch und mit einer Menge Popappeal schraubt sich die Nummer in ungeahnte Höhen und lässt deutlich die Beatles-Affinität von Pharrell durchblitzen. Im Anschluss folgt fast Knaller auf Knaller. „Happy“ und „Kill Joy“ verbinden Elemente, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben, aber dann doch so gut zusammenpassen. Lediglich „Love Bomb“ fällt mit reichlich Schmalz etwas ab, steht aber exemplarisch für eine Facette von N.E.R.D. „You Know What“ kann man ohne rot zu werden, als einen perfekten Popsong bezeichnen und „Laugh About It“ haut dann zum Schluss noch mal ordentlich einen raus.
Fazit: N.E.R.D machen mit diesem Album alles richtig. Sie verzichten auf lange und langweilige Zwischenspielereien und bieten eine spannende und innovative Musikkost den Zuhörern an. Es ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild einer Scheibe, die keine Angst vor verschiedenen Musikgenres hat. Geht nicht, gibt es nicht. Hier wird zusammengeführt, was eigentlich nicht zusammengehört und doch so gut zusammenpasst. „Seeing Sound“ wird den eingefleischten Rockfan mit einem organischen und authentischen Sound ebenso überzeugen, wie den Pophörer und den Hip-Hopper.
Album-Trailer: http://video.universal-music.de/?vid=3807&g=urban