
Ich bin hin- und hergerissen. Konnte ich mit dem Debüt Neaera’s nicht allzu viel anfangen, war ich vom Zweitwerk „Let the tempest come“ schwer begeistert. Soviel Aggression, soviel Brutalität, soviel Erbarmungslosigkeit ist man sonst nur vom Schwarzen Block und Fußball-Hooligans oder von Bolt Thrower und Illdisposed gewohnt.
Der Einstieg ist mit „Spearheading the Spawn“ erneut mehr als gelungen, doch gleich darauf wurde mit „Tools of greed“ ein Einheitsknüppler, der mit seinem Gitarrenläufen ein wenig nervt, unpassend nach vorne platziert, schade! Dafür haut der folgende Titeltrack wieder mächtig ins Gebälk. Rollende Doublebass, fette Gitarren, beste Grundlage für Hubschrauberbanging und im Chorus eine feine Black Metal-Melody. Auch „Synergy“ (mit In Flames-Tune ausgestattet) und „Harbinger“ kommen gewalttätig daher und haben mit ihren Reiterrhythmen Hitpotenzial für zukünftige Live-Schlachtgelage. „In Loss“ bietet ungewöhnlich geiles Riffing, „The escape from escapism“ glänzt ebenfalls mit schönen Melodien, die übrigens an allen Ecken und Kanten des Albums durchklingen, wenn man aufmerksam lauscht. Absoluter Höhepunkt und würdiger Abschluss eines guten Albums ist „Liberation“, mit seinem traurig schönen Wohlklang und den langsamen atmosphärischen Teilen, zwischen den ultrabrutalen Knüppeleruptionen. Soweit die positiven Aspekte. Ich will den Münsteranern wahrlich keine Stagnation vorwerfen oder das aktuelle Album schlechtreden, aber ich finde doch, dass man sich vielleicht noch ein paar Monate hätte Zeit nehmen sollen, um Songs wie „Tools of Greed“, „Munity of untamed minds“ und „The need for pain“ auf die Auswechselbank zu verbannen und dafür in Ruhe drei vier weitere Hämmer einzutrümmern. Zu ähnlich, einheitlich und austauschbar sind diese Tracks geworden. Brutal ja, allerdings ohne Wiedererkennungswert, sodass ich Let the tempest come weiterhin bevorzuge und als Referenzwerk ansehe.
Da Neaera die Dritte-Album-Regel aber bereits mit Album Numero 2 geknackt haben, kann man den Jungspunden diese zwei, drei Ausfälle verzeihen und bei etwas mehr Zeit für das nächste Album eine glorreiche Zukunft voraussagen. Neben Heaven Shall Burn sind Neaera sowieso der brutalste deutsche Exportschlager in Sachen Modern Death Metal! 9 Punkte and the antidote is almost on the way…
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