Sind wir mal ehrlich, auf den Fortbestand von Matchbox Twenty haben wohl nur die allergrößten Optimisten noch einen Pfifferling gesetzt. Die Bandmitglieder dürften selber auch nicht mehr so richtig daran geglaubt haben. Irgendwie haben sich alle seit der letzten Bandplatte doch eine gehörige Portion weiterentwickelt. War es bisher immer so, dass Rob Thomas nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung die Hauptgeige gespielt hat, nein, selbst intern war der Zustand nicht viel anders. Thomas kam mit seinen Ideen oder gar fertigen Entwürfen ins Studio und alle anderen durften die Vorgaben dann nur noch umsetzen. Das Blatt hat sich gewendet, alle wollen aktiv an den Songs mitschreiben und zur Überraschung aller – dies ist ausdrücklich gewünscht!
Eine Band braucht Rob Thomas sicherlich nicht mehr. Seine Soloversuche waren dafür auch viel zu erfolgreich. „Something To Be“ feierte schon den ein oder anderen beachtlichen Erfolg und seine Single „Little Wonders“ aus dem Film „Triff die Robinsons“ dudelte sowieso den lieben langen Tag im Radio rauf und runter und nervte dabei noch nicht mal. Aber auch Gitarrist Doucette lag nicht auf der faulen Haut und spielte unter dem Namen The Break And Repair Method ein Soloalbum ein. Ebenso nahm Kyle Cook ein Album mit The New Left auf. Was lag da also näher als Matchox Twenty in die ewigen Jagdgründe zu schicken und eine „Greatest Hits“ Scheibe als letztes Vermächtnis auf den Markt zu schmeißen? Unter dieser Prämisse traf man sich dann auch in Thomas´ Studio in New York um dann vielleicht noch ein oder zwei Songs für eine derartige Zusammenstellung aufzunehmen.
Heute wissen wir, dass es ganz anders kam. Ein plötzlicher Kreativitätsschub machte sich innerhalb der Truppe breit und so schrieb man Song um Song und stellte schnell fest, dass man zwar rege diskutierte, aber doch auch noch auf einer Wellenlänge lag. Auch bei der Wahl eines Produzenten konnte man sich schnell einigen. Der Auserwählte war dann mit Steve Lillywhite schnell gefunden und so ging die Band dann auch zügig ins Studio nach Los Angeles.
Das Ergebnis liegt nun mit „Exile On Mainstream“ vor. Stellt sich nun die Frage was das sein soll? Wer braucht eigentlich nach drei Studioalben eine „Best Of“ Scheibe? Oder ist das gar eine EP und als Beigabe gibt es noch mal die größten Hits obendrauf? Im Grunde eigentlich völlige Schnuppe, denn mit diesem Werk dürften Matchbox Twenty Geschichte schreiben! Oder gibt es noch ein vergleichbares Album mit sechs neuen und elf alten Hits? Wohl kaum! Wenn schon, denn schon scheint hier die Devise gewesen zu sein, zudem ist dies auch ein nettes Zubrot für die Fans.
Die elf Tracks von den bisherigen drei Alben muss man wohl nicht mehr weiter vorstellen. Da ist alles dabei, was das Herz begehrt. Angefangen bei „Long Day“ über „Real World“ hin zu „If Your´re Gone“ und „Mad Season“ bis zu „Brigth Lights“ ist alles vertreten was irgendwie relevant und wichtig war und ist. Diese Auswahl unterstreicht, warum man über 28 Millionen Platten verkaufen konnte und besonders in der Heimat USA so ziemlich alles abräumte was ging. Die Mischung macht(e) es wohl. Mit einem, bisweilen zwei Beinen im Mainstream hört sich die Band in ihren besten Momenten immer an, wie eine Alternativ-Combo mit Versatzstücken aus Americana und (Southern-)Rock und einem feinen Händchen für unwiderstehliche Hooklines und wunderbaren, balladesken Augenblicken. In den schlimmsten Momenten klingt das allerdings auch wie ein Abklatsch von Bon Jovi. Zugegebenermaßen, die sind natürlich rar gesät.
Interessanter an „Exile On Mainstream“ dürften da die die sechs neuen Tracks sein. Los geht es mit dem treibenden „Ho Far We´Ve Come“. Die Nummer hat alles, was einen guten Matchbox Twenty Song ausmacht. Die Strophen sind ganz auf das markante Organ von Rob Thomas ausgelegt und der Refrain setzt sich dann unweigerlich im Ohr fest. Nette, schmissige Nummer, die richtiggehend Spaß macht. „I´ll Believe You When“ überrascht mit seiner entspannten Atmosphäre. Die Counting Crows wären sicher stolz auf diese fast schon akustische, ungezwungene Nummer. Der Track setzt sich zwar nicht sofort im Ohr fest, hat aber unglaublich viel Potenzial. „All Your Reasons“ macht die Welt mit seinen fröhlichen Mitsummzwischentönen sicher etwas sonniger, allerdings klingt die ganze Geschichte auch etwas nach einer Matchbox Twenty Baukastennummer. „These Hard Times“ ist dann die obligatorische Ballade. Und was soll man sagen? Dafür haben die Jungs einfach ein Händchen. Ohne peinlich zu wirken hat das Dingen alles, was einen potenziellen Hit ausmacht. Sehr schöne Nummer! Mit „If I Fall“ gesellt sich dann eine weitere, solide Rocknummer dazu und mit „Can´t Let You Go“ gibt es dann den letzten neuen Song zu hören. Fast walzerartig, getragen von Pianoklängen kommt der Track daher. Sehr schöner Abschluss des neuen Materials.
Fazit: Matchbox Twenty Freunde werden auch an den neuen Songs ihre helle Freude haben. In dieser Verfassung darf die Band gerne noch viele, viele weitere Alben aufnehmen. Übrigens ist die Aufmachung der CD auch recht gelungen. Neben vielen Bandfotos gibt es auch die Songtexte der neuen Tracks abgebildet und natürlich sämtliche Informationen rund um diese, wie auch die elf alten Hits. So soll es sein! Das Gesamtpaket ist damit doch recht stimmig und unterscheidet sich damit von den ganzen unnützen Compilations dieser Welt. Die hier braucht man in der Tat, egal ob Alt- oder Neufan. Bleibt zu hoffen, dass die anstehende Tour die Jungs auch nach Deutschland führen wird und dass das neue Studioalbum nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt!
