Was ist eigentlich gerade mit den Plattenfirmen los? Saure Gurkenzeit? Keine neuen Helden in Sicht? Zur Zeit gibt es jedenfalls eine unglaubliche Flut an Special Editions, Legacy Editions, Digipacks und Boxen von Alben und Künstlern die Musikgeschichte geschrieben haben. Anscheinend hat auch ein Umdenken stattgefunden, denn wo früher noch mal schnell was zusammengeschustert wurde, findet man nun oftmals ein Fest für alle Sinne vor. Mit der schlichten „The Collection“ betitelten Leonard Cohen Box gibt es jetzt ein weiteres Schätzchen in schicker Optik und liebevoller Aufmachung zu bewundern und natürlich auch zu erwerben. Die 5 CD starke Cube-Box beinhaltet die Alben im Mini-Replica Format, die selbstverständlich alle remastert sind.
Leonard Cohen war eigentlich Dichter und Lyriker, bevor er recht spät in das Musikgeschäft einstieg. Seine Novelle „Beautiful Losers“ bekam auch durch die Bank gute Kritiken. Schon in jungen Jahren konnte er einen Preis für kreatives Schreiben einheimsen. Von irgendwas musste er aber auch leben und so gab er sein musikalisches Debüt ausgerechnet auf dem Newport Folk Festival. Seine Songs hatte vorher schon die Folksängerin Judy Collins interpretiert. Cohen selber wollte eigentlich mit der Musik nur schnell Geld verdienen um sich weiterhin seiner Lyrik hinzugeben. Es sollte anders kommen…
Sein erstes Album, welches natürlich auch Bestandteil dieser hervorragenden Box ist, veränderte nicht nur die Welt von Cohen, sondern auch die des Singer/Songwriter Genres. „Songs of Leonard Cohen“ war und ist ein Meisterwerk. Der Meister selber zählte übrigens schon 33 Lenze, als das Werk letztlich erschien – ein stattliches Alter. Das Album gilt völlig zu recht als eines der wichtigsten der späten 60er und des Singer/Songwriter Genres im Speziellen. Die ursprünglichen zehn Songs sind eher sparsam instrumentiert. Die Stimme von Cohen steht eindeutig im Vordergrund. Diese ist übrigens noch nicht so tief, wie man es von späteren Werken kennt. Zumeist werden die einzelnen Tracks von zartem Gitarrenspiel unterstütz und hin und wieder von dezentem Spiel der Backgroundband Kaleidoscope. Der, für Cohen-Musik, typische Backgroundgesang, findet auf „Songs of Leonard Cohen“ auch eher sehr zurückhaltend statt. Aufgrund seiner eigentlichen Berufung, fallen die Texte natürlich sehr poetisch aus und diese haben auch heute noch nichts an Stahlkraft eingebüßt. Die Songs selber sind heute allesamt Klassiker. „Suzanne“, „Sisters Of Mercy“ oder „Hey, That´s No Way To Say Goodbye“ sind Manifeste großer und großartiger Songwriterkunst. „Songs of Leonard Cohen“ ist in vielerlei Hinsicht unerreicht! (12/12)
Was folgten waren Alben voller Traurigkeit, Melancholie und Selbstzweifel. Erst mit dem Album „Various Positions“ gab es davon eine Abkehr. Auch dieses kleine Meisterwerk aus dem Jahre 84 ist hier enthalten. Textlich wandelte sich Leonard Cohen und glänzt auf dieser Scheibe mit einer großen Prise Humor und Selbstironie. Die 9 Songs sind auch nicht mehr so spartanisch instrumentiert wie noch das Debüt. Ein zum Teil positiverer Grundton durchweht die Tracks. Der typische Frauenbackgroundgesang gibt den Songs noch die zusätzliche Würze. Mit dem Gebet „If It Be Your Will“ ist hier auch die Nummer drauf, die Cohen immer wieder als sein bestes musikalisches Schaffen ansieht. Auch dieses Album war und ist für den ein oder anderen Klassiker gut. „Night Comes On“ und das besonders oft gecoverte Stück „Hallelujah“ (von Dylan bis Bono hat schon so ziemlich jeder den Song interpretiert) gehen unter die Haut. Hier hört man auch deutlich, wo sich Nick Cave seine Inspiration holt. Beeindruckend schön! (11/12)
Die 80er waren ja bekanntlich ein Jahrzehnt der Synthesizer-Klänge und man mag es kaum glauben, auch Cohen erlag diesem Trend. Sein Album „I´m Your Man“ ist voll davon. Auch, wenn manche Töne erstmal gewöhnungsbedürftig sind, passt das im Gesamtkontext doch sehr gut. Und auch hier gibt es wieder? Richtig! Klassiker der Musikgeschichte. Die unzähligen Coverversionen von „First We Take Manhattan“ kann schon gar keiner mehr zählen. Eine bessere Version, als die auf „I´m Your Man“ gibt es einfach nicht. Wie Cohen mit tiefer Stimme die Zeilen hier fast spricht, ist einfach unvergleichlich, da verzeiht man auch gerne die üppige Instrumentierung und den furchtbaren Frauengesang. Der größte Sänger ist Leonard Cohen nie gewesen, aber wie er z.B. eine Ballade wie „Everybody Knows“ vorträgt ist einfach eine Kunst, die fast einmalig ist. Wer ihn eher für seine melancholischen Songs schätzt, wird mit dem jazzig-angehauchten Titelsong „I´m Your Man“ bestens bedient. Mit „Tower Of Song“ ist zum Schluss das vielleicht persönlichste Lied von Cohen enthalten. Auch, wenn man vielleicht aufgrund der Instrumentierung zunächst aufgeschreckt wird, brodeln hier unter der Oberfläche abermals großartige Songs, die auch heute noch berühren! (12/12)
In den 90ern war der Mann musikalisch auch aktiv. Der allgemeine Optimismus, der sich besonders nach dem Berliner Mauerfall allerorten ausbreitete war allerdings nicht seine Sache. „The Future“ ist das vielleicht politischstes Album von Cohen. Unter den Eindrücken, die sich in Europa ereigneten nahm er ein eher düsteres Werk auf und blickte alles andere als zuversichtlich in die Zukunft. Der Kanadier gibt hier nicht nur den scharfzüngigen Poeten, sondern erweist sich auch als scharfer Analytiker. Die 9 Songs sind zwar alle toll arrangiert und produziert, doch insgesamt ragt hier wenig heraus und mit einer zum Teil epischen Länge wirkt manches doch sehr ermüdend und leider auch langweilig. Dank dem Oliver Stone Film „Natural Born Killers“ ist aber auch auf „The Future“ ein weiterer Klassiker enthalten, denn „Waiting For The Miracle“ wurde zur Titelmelodie auserkoren. (6,5/12)
Danach zog sich Cohen zurück und ging in ein buddhistische Kloster. Dort betrieb er intensiv Zen-Meditation und wurde gar zum Mönch ernannt. Auf dem Zettel hatte danach den Musiker Leonard Cohen keiner mehr und umso überraschender war es, als er im Jahre 2001 mit dem Album „Ten New Songs“ an die Öffentlichkeit ging. Viele Fans waren irritiert und enttäuscht von dem neuerlichen Werk. Vielen gefiel es überhaupt nicht, dass die Produzentin Sharon Robinson die Hauptarbeit erledigte und lediglich einige Gedichte von Cohen mit einer Melodie versah. Dem Album tut man damit allerdings etwas Unrecht. Insgesamt klingt es wie eine weises Alterswerk, dem tut auch die etwas einfallslose Instrumentierung keinen Abbruch. Das melancholische und tieftraurige „A Thousand Kisses Deep“ berührt und das bluesige „That Don´t Make It Junk“ überzeugt in seiner Schlichtheit. Und gospelartiges wie das betörende „Boogie Street“ sind einfach eine Bereicherung für den Cohen Backkatalog. Ein Album, welches besser ist als sein Ruf. (8,5/12)
Fazit: Leonard Cohen „The Collection“ ist optisch und musikalisch ein Augen- und Ohrenschmaus! Das Booklet hätte vielleicht etwas informativer und üppiger ausfallen dürfen. Insgesamt geben die 5 enthaltenen CDs einen guten Überblick über das Schaffen von Cohen. Der Mann gehört zu den ganz großen seiner Zunft und davon kann man sich hier in beeindruckender Art und Weise überzeugen. Das behutsame Remastering hat dem Sound merklich gut getan. Für Fans ist die Cube-Box sowieso ein absolutes Muss und wer bisher noch nicht in die Welt von Leonard Cohen eingetaucht ist, hat nun, Dank dieser opulenten und schönen Collection, die Möglichkeit dazu, das Versäumte nachzuholen! Essentiell für die Sammlung!
Und so sieht die ganze Geschichte optisch aus:
