Erinnert sich noch wer an die Welle der Rrrrrrrriot Girls? Plötzlich gab es in der Rockmusik eine nie da gewesene Popularität von Frauenstimmen, die bisweilen recht niedlich anzusehen waren und manchmal auch beängstigende Ausmaße annahmen. Alle schienen allerdings eine Sache gemeinsame zu haben – sie waren wütend. Wut auf sich selbst, Wut auf ihre Umgebung und Wut auf ihr Umfeld und Wut auf die ganze Welt. Niedlich anzusehen sind auch die „Angry Little Girls“ im Buch von Lela Lee. Das Erwachsenencomic ist allerdings alles andere als eine fröhliche Zustandsbeschreibung von heranwachsenden Kindern, nein, hier kann man die ganze Tragödie der großen weiten Welt bewundern. Dabei entpuppt sich das Buch nicht nur als Zustandsbeschreibung unserer Zeit, es ist mitunter auch noch viel mehr Rock and Roll, als so manche Scheibe, die dieses Attribut für sich in Anspruch nimmt.
Lela Lee dürfte mit ihren knapp 33 Jahren auch genau in der großen Hochzeit von alternativen Frauenmusik in den 90ern aufgewachsen sein. Die Tochter koreanischer Einwanderer wuchs in Los Angeles auf und hat in so erfolgreichen Serien wie „Friends“, Scrubs“ und „Will & Grace“ mitgespielt. 1994 schuf sie das Video „Angry Little Asian Girl“. Danach lief fast alles wie von selbst. Die L.A. Times und L.A. Weekly überschlugen sich förmlich mit euphorischen Besprechungen und fortan war die Comiczeichnerin Lela Lee geboren.
Nun wird also auch bei uns „Angry Little Girls“ veröffentlicht. Auch, weil das Buch in den USA schon länger erhältlich ist und dort – wie könnte es anders sein – zu einem riesen Erfolg avancierte. Das Werk macht im Grunde nichts anderes als uns den Spiegel vorzuhalten. Viele erkennen sich sicher selbst in einer der fünf Hauptfiguren wieder. Nein, das Leben ist kein bunter Teller und ein Zuckerschlecken schon gar nicht und dies wird hier schonungslos auf den Punkt gebracht.
Schon zu Beginn des Bandes, bei der Vorstellung der fünf „Angry Little Girls“, kann der Leser und Betrachter in die Welt der Mädchen eintauchen und dabei auch ein bisschen sein eigenes Dasein hinterfragen. Da ist einmal Kim, das wütende asiatische Mädchen, Deborah, die desillusionierte Prinzessin, Maria, die Verrückte, Wanda, die Coole und Xyla, die Schwermütige. Auch die Nebendarsteller, wie Kims mürrische Mutter, den Blödmann Bruce und den nervenden Pat wird ein jeder aus seinem Umfeld kennen.
Auf den folgenden 80 Seiten werden die großen und kleinen Themen der Welt und des Erwachsenenwerden beschrieben. Hier reichen wenige Worte aus um die ganze Misere zu illustrieren. Die liebevollen und erfrischend einfachen Zeichnungen unterstreichen dies noch nachhaltig. Die Themen drehen sich dabei um Freundschaft, Mutterliebe- und hass, Schönheitsideale, Psychosen und das Austesten und Überschreiten von Grenzen.
Viele Geschichten werden dem Leser ein Schmunzeln entlocken, bei anderen bleibt einem das Lachen im Halse stecken und wieder andere werden zum Nachdenken anregen. Die Zeichnungen sind zwar allesamt recht einfach gehalten, bestechen aber durch einen simplen Kunstgriff mit enormer Genialität. Der Charakter einer jeden Figur wird durch die Farbgebung noch mal zusätzlich unterstrichen. So ist die immerzu wütende Kim in knallrot gehalten, die fröhliche Wanda in einem sonnigen orangegelb und die nachdenkliche und depressive Xyla in grau. Dem ganzen Geschehen wird so eine zusätzliche Intensität verliehen.
Fazit: Mit einfachen Mitteln hält uns und der Gesellschaft Lela Lee kurz und knackig den Spiegel vors Gesicht. Selten machte ein Erwachsenencomic so viel Spaß und regte gleichzeitig so zum Nachdenken an. Dieses schön aufgemachte Buch sollte sich in so manchem Haushalt wieder finden, vielleicht hilft es auch bei der Erinnerung, dass ein jeder auch mal selber Kind war und dass das Erwachsenwerden nicht immer leicht war. Das Leben ist halt nicht immer einfach. Übrigens gibt es auf der Webseite von Lela Lee wöchentlich einen neuen Comicstrip zu bewundern www.angrylittlegirls.com