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Kyle Cassidy: Bewaffnetes Amerika

(Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Autor: schlimm / Wertung: 9 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Der Buchtitel lässt schon erahnen womit sich der vorliegende Bildband befasst. Porträtiert werden Waffenbesitzer und ihr Zuhause. Was für uns Europäer sicherlich undenkbar ist, ist in Amerika an der Tagesordnung. Waffenbesitz ist in der dortigen Gesellschaft tief verankert und das Recht, eine Waffe zu besitzen ist als „Second Amendment“ in der Verfassung festgeschrieben. Waffen besitzen, weil man Waffen besitzen darf? Es scheint fast so. Die NRA geht davon aus, dass es ca. 215 Millionen Schusswaffen in den USA gibt. Na das ist ja mal eine Hausmarke!

Was sind das für Leute? Was steckt dahinter? Welche Motive haben Waffenbesitzer? Fragen über Fragen, denen der Fotograf Kyle Cassidy nun nachgegangen ist. Der Mann kommt ursprünglich aus einem ganz anderen Metier und hat sich bisher einen Namen als Mode- und Porträtfotograf gemacht. Während des Präsidentschaftswahlkampfes 2004 begab er sich schließlich auf unbekanntes Terrain und setzte sich mit den Waffenbesitzern auseinander, die auch eine große Zahl an Wählern stell(t)en.

Zunächst machte Cassidy Aufnahmen bei sich im Studio. Schnell musste er allerdings feststellen, dass dies nicht das war, was er wollte. Er machte sich also auf den Weg und legte dabei insgesamt 15.000 Meilen zurück. Er traf dabei auf die unterschiedlichsten Menschen und Familien. Herausgekommen ist dabei nun „Bewaffnetes Amerika“. Hier werden über einhundert Menschen in ihrem Zuhause gezeigt. Die Porträts zeigen, wie sie leben und wie sie ihre Waffen präsentieren. Neben den Bildern stellte Cassidy den unterschiedlichen Menschen immer wieder die Frage nach dem „Warum?“. Die vielfältigsten Antworten, weshalb sie vom Recht auf Waffenbesitz Gebrauch machen erhielt Kyle Cassidy darauf.

So viel zur Entstehung des vorliegenden Bildbandes. Ein Bildband, der in den USA hohe Wellen geschlagen hat. Die Washington Post spricht gar von einem hochpolitischen Buch, einem polemischen sogar und findet diese Buch so fesselnd, weil jede einzelne Abbildung Waffenwerbung oder eben Antiwaffenpropaganda sein könnte. Neben der Frage, warum die Amerikaner eigentlich so sehr von Schusswaffen fasziniert sind, stellte sich Cassidy im Vorwort zu „Bewaffnetes Amerika“ auch die Frage, ob man in Europa die amerikanische Waffenkultur überhaupt versteht. Nun, zum Verständnis oder Unverständnis dürfte dieser beeindruckende Bildband beitragen.

Bilder und Fotos sagen oft mehr als Tausende von Worten. Auf den knapp 128 Seiten braucht es auch nicht viel mehr als eben Aufnahmen von den Menschen und ihren Waffen. Diese werden jeweils ganzseitig in ihrer gewohnten Umgebung gezeigt. Dabei sieht man Menschen jeglichen Alters, von ganz jung bis ganz alt, Menschen die aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten stammen. Die Intensität dieser Bilder ist absolut beeindruckend. Als Betrachter durchlebt man dabei jede Menge Gefühlswallungen, von Ekel, über Ärger bis hin zur Faszination. Manchmal erschaudert es einen, wenn man sieht, wie Eltern neben ihren kleinen Kindern wie selbstverständlich mit ihren Waffen posieren. Die Antworten der Waffenbesitzer nach dem Warum lassen den Leser und Betrachter noch zusätzlich erschaudern. Waffen besitzen, weil man Waffen besitzen darf ist oftmals einer der Gründe. Natürlich wird auch von gottgegebenen Recht gesprochen, andere bezeichnen sich als Sportschützen und/oder als Jäger und für wieder andere ist es schlicht Traditionspflege. Die meisten lassen keinen Zweifel daran, dass sie ohne weiteres auch von ihrer Schusswaffe Gebrauch machen würden. Als Leser macht sich ein ungutes Gefühl breit und die Bilder muten zum Teil regelrecht bizarr an, wenn dort eine nette Familie mit der hauseigenen Schusswaffensammlung abgebildet ist.

Cassidy überlässt das Kommentieren im Übrigen dem Leser und Betrachter. Er kommentiert das Gezeigte nicht und kommt erst recht nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Nein, Gedanken muss man sich schon selber machen. Eine sehr wohltuende Vorgehensweise, die sich deutlich von polemischen Werken ähnlicher Art und Weise abhebt. Cassidy gibt hier nicht den Moralapostel, aber wie schon geschrieben, Bilder sagen auch mehr als Tausende von Worten!

Fazit: „Bewaffnetes Amerika“ ist ein sehr beeindruckender Bildband, der Einblicke in das Selbstverständnis der amerikanischen Kultur gewährt, ohne dabei zu moralisieren und gar mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen. Der Bildband zeigt die Dinge so wie sie sind und bietet weder ein Pro noch ein Kontra, sondern porträtiert die Gegebenheiten auf eindrucksvolle Art und Weise! Ein Einblick in die amerikanische Seele!

www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

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