Wer auf der Suche nach dem billigen und schnellen Musikrausch ist und sich tagtäglich mit stumpfen Einheitsdrogen der populären Musik die Hörorgane wegballert, der braucht an dieser Stelle gar nicht erst weiter zu lesen, denn für den sind die Drogen, die von Juli Kapelle auf „Alchemie“ bereit gehalten und angeboten werden definitiv zu harter Stoff.
Sieben Jahre lang haben Bandkopf Achim Sauer und seine Gefährten herumgeschraubt, aufgenommen und gemischt, bis ihre zweite CD (das dritte Longplaywerk, wenn man das 97er Tape hinzuzählt) endlich im Kasten hatte. Wer sich so lange mit seinem Werk beschäftigt, der überlässt nichts dem Zufall, und es dürfte klar sein, dass hier keine Lieder präsentiert werden, die aus einer schunkeligen Laune entstanden sind. Bereits musikalisch kommt das Werk teilweise schwer vertrakt und sperrig daher, und spätestens dann, wenn man sich auch noch mit den dargebotenen Texten beschäftigt, ist der erste geistige Overkill vorprogrammiert. „Alchemie“ hört man nicht mal so eben bei der Hausarbeit, bei einem mehr oder wenigen guten Buch oder entspannt bei einer langen Autofahrt, das kann man mal getrost vergessen. Für dieses in seiner Grundstimmung schwer melancholische Album sperrt man sich zu Hause ein, reißt das Telefonkabel aus der Buchse, schließt die Türklingel kurz und packt sich – nachdem man Frau, Kind und Hund übers Wochenende zur Schwiegermutter geschickt hat – alleine vor der Stereoanlage auf die Couch. Erst dann hat man meiner Meinung nach ein Ambiente geschaffen, in dem man mal versuchen kann, sich auf diese Platte einzulassen.
Für all die Anstrengung wird man dann aber auch mit einem Album belohnt, an dem es viele Facetten und Details zu entdecken gibt, was sich für mich vor allem auf die spannende Instrumentierung der Songs bezieht, weil ich mich selber nicht unbedingt zu den Textfetischisten in der Musik zähle. Wer allerdings diesem Fetisch angehört, der wird auch in diesem Segment sicherlich seine besonderen Momente mit Juli Kapelle erleben.
Fazit: „Alchemie“ ist in der Landschaft der populären Musik ein Nischenprodukt, aber wer Musik auf diese Art und Weise betreibt, der will wohl kaum mit dem Strom schwimmen sondern sucht wie Juli Kapelle auch ganz bewusst die Nischen im Einheitsbrei!
Homepage www.julikapelle.de