Liebe Leute so geht das nicht! Nein, so geht das ganz und gar nicht! Da ist die Rede vom großen Labelsterben und dann kommt wie aus dem Nichts Arctic Rodeo Recordings um die Ecke. Was soll das? Dies ist aber jetzt gegen die Spielregeln. Und was macht Arctic Rodeo Recordings? Sie veröffentlichen nun mit Jonah Matranga einen Künstler, der mit „And“ einer der schönsten, liebreizendsten, traurigsten, größten kleinsten Indiepopplatten des Jahres raus haut. Nein, so geht das nun wirklich nicht, da ist die Welt und die Rezensentenschar doch nicht drauf vorbereitet.
Halt! Stopp! Gehen wir zurück auf Start und fangen bei Null an! Wer ist überhaupt Jonah Matranga? Bei dem ein oder anderen dürfte der Groschen sicher fallen, wenn man die Namen New End Original, Far oder Gratitude in die Runde wirft. Bei diesen Bands war der gute Herr im Laufe seiner Karriere nämlich schon tätig. Tourneen hat er mit so unterschiedlichen Künstlern wie den Weakerthans bis zu Sepultura gespielt. Auch auf den HipHop Platten von Fort Minor und Lupe Fiasco war er zuletzt zu hören. Ein vielschichtiges Betätigungsfeld, seine ureigenen musikalischen Ursprung hat er sicherlich im Posthardcore. Davon ist auf „And“ nichts mehr zu hören – aber tonnenweise Emotionen gibt es auch hier.
Mutig kündigt das Presseinfo Matranga irgendwo zwischen Elliot Smith, U2 und Cheap Trick an und auf der anderen Seite passt er dann angeblich doch wieder in kein Genre. Nein? Wirklich nicht? Im Grunde ist „And“ vielleicht die ureigene Interpretation von Jonah Matranga einer Singer/Songwriter Scheibe.
Los geht der Songreigen mit „So Long“ und dezentem Gitarrenspiel und der Gänsehautstimme von Jonah Matranga. Sanfte Instrumentierung, hier und da ein paar Pianoklänge und eine Pedal Steel – mehr braucht es nicht. Wunderschöner Auftakt, der trotzdem Lichtjahre vom Kitsch entfernt ist. Was nun folgt, egal ob das melancholisch angehauchte „Get It Right“, das treibende und poppige „I Want You To Be My Witness“, das im Americana beheimatete tieftraurige „Every Mistake“ oder das vom Piano dominierte und von Jonah fast geflüsterte „I Can´t Read Yr Mind“, ist ganz großes Gefühlskino. In seinen schlechtesten Momenten hört sich die Scheibe an, wie Travis in seinen besten(!) und ansonsten braucht sich Matranga hinter einem Connor Oberst von den Bright Eyes oder Jeff Tweedy von Wilco nicht verstecken.
Auch die zweite Seite beginnt mit dem sehr ruhigen, dafür umso intensiveren „You Always Said You Hated San Francisco“ im Stile eines großen Albums! Dagegen fällt „Waving Or Drowning“ mit seiner poppigen Heiterkeit fast schon etwas ab – aber wirklich nur fast. Der Track ist immer noch überdurchschnittlich gut. Rockig wird es mit „Not About A Girl Or A Place“, auch diese Spielart beherrscht Matranga – selbstverständlich beherrscht er die! „Fathers & Daughters“ packt den Zuhörer danach noch mal mit eingebauter Gänsehautgarantie, bevor es mit „Lost, Then Found“ zu ganz ruhigen Klängen langsam dem Ende entgegen geht. Als Bonus ist übrigens noch der MP3 Track „Are You Sure“ enthalten.
Fazit: Eigentlich gibt es auf dieser Scheibe nur große bis großartige Momente. Dies bedeutet? Richtig, eigentlich kann man dafür nur die Höchstnote ziehen. Impliziert dies dann auch gleichzeitig, dass „And“ das beste Album des Jahres ist? Besser als Modest Mouse, The Gossip, Dashboard Confessional, Wilco oder The Bright Eyes, die dieses Jahr auch allesamt tolle, auch Quatsch, sehr tolle Alben abgeliefert haben? Besser wohl nicht, aber man muss sich auch nicht schämen Jonah Matranga in einem Atemzug zu nennen – 11 tiefe Verbeugungen dafür!