Ein neues Album von Jimmy Eat World sorgt mittlerweile immer für eine gewisse Aufregung im Blätterwald, egal ob in den Printmedien oder im virtuellen Raum. Die Band ist über die Jahre so gewachsen, dass sie sich diesen Status auch redlich verdient hat. Stellt sich nun die Frage, ob sie den Erfolg nur noch verwalten wollen und können oder ob sie die Welt ein weiteres Mal in Erstaunen versetzen, so wie einst mit dem Emo-Meilenstein „Clarity“ oder der Über-Popplatte „Bleed American“. In diesem Zusammenhang stellt sich überhaupt die Frage, wie lange Künstler am oberen Limit fähig zu immer weiteren Großtaten sind oder ist es wie bei Sportlern, die ein gewisses Zeitfenster haben und Spitzenleistungen abrufen können und danach zwar immer noch alle Kunststücke beherrschen, aber für ganz oben reicht es halt nicht mehr? „Chase This Light“ gibt vielleicht Aufschluss darüber.
Nach dem eher dunkleren und mittelprächtigen letzten Album „Futures“ wirkt „Chase This Light“ doch eine ganze Ecke heller und freundlicher und damit ist nicht nur das farbenfrohe Cover gemeint. Gut, zu bunt soll es natürlich auch nicht sein und so besteht das Booklet aus den Texten und jedem der vier Bandmitglieder ist ein ganzseitiges Foto gewidmet. Man hat schon bessere Artworks und Gestaltungen bei Jimmy Eat World gesehen, ist im Grunde aber völlig ausreichend.
Ebenso wirkt die Musik auf „Chase This Light“ wieder ein ganzes Stück zuversichtlicher. Die Platte knüpft eher an die Tradition von „Bleed American“ an. Unter dem Strich könnte man die Scheibe als gitarrenorientiertes Popwerk bezeichnen. Fulminant geht es mit „Big Casino“ direkt in die Vollen. Der Track hat alles zu bieten, was man an Jimmy Eat World schätzt. Auch „Let It Happen“ schließt sich da nahtlos an, ist aber von der Grundstimmung eine Spur melancholischer ausgerichtet. „Always Be“ wird alle erfreuen, die Jimmy Eat World für die traurig angehauchten Midtemposongs lieben. Netter Radiopop. Mit „Carry You“ wird es leider etwas belanglos, langweilig und gewöhnlich. Plätschert ohne rechtes Ziel so vor sich hin. Bei „Electable (Give It Up)“ wird dann (endlich) wieder etwas mehr aufs Gaspedal gedrückt und im Refrain der dicke Hose Ohhh-Chorus ausgepackt. Solide Nummer. Danach kommt Spannung auf. Mit „Gotta Be Somebody´s Blues“ macht sich der Vierer auf zu neuen Ufern. Dunkel und langsam schält sich die Nummer in bester Joy Divison-Manier aus den Boxen. Hier werden sicher einige Fans verschreckt aufhorchen, aber dieses musikalische Gewand steht der Band wahrlich nicht schlecht.
Nachdem die erste Seite so schön ruhig und düster ausgeklungen ist, startet die zweite Hälfte mit „Feeling Lucky“ sonnig und aufmunternd im Jimmy Eat World Standardgewand. „Here It Goes“ ist ebenso in diesen Gewässern angesiedelt, nervt bisweilen mit seinen Uh und Ah-Chören aber etwas. Das balladeske „Chase This Light“ mit seinem langsamen Aufbau ist sehr gefällig und überzeugt mit einer wunderschönen Atmosphäre. „Firefight“ erfreut den Hörer dann als Jimmy Eat World Nummer nach dem Baukastensystem – sicher verzichtbar. Natürlich können es die Jungs besser, wie sie mit „Dizzy“ eindrucksvoll unter Beweis stellen bevor die Scheibe mit dem Bonustrack „Be Sensible“ sehr schön zum Ende kommt.
Fazit: Mit „Chase This Light“ ist Jimmy Eat World ein sehr nettes und solides Album gelungen. An frühere Großtaten knüpft die Scheibe zwar nur bedingt an, aber das ein oder andere Kunststück beherrschen die Jungs immer noch und den ein oder anderen Hackentrick haben sie auch immer noch drauf. Die „sportlichen“ Höhepunkte erreichen die vier Jungs auf Albumlänge sicher nicht mehr oder nur noch unter größter Anstrengung, aber es ist trotzdem schön, dass sie immer noch in diesem Zirkus mitmischen und hier und da lassen sie die jüngere Generation doch recht alt aussehen.
Ich hatte echt Angst! Bei den ganzen negativen Kritiken im Vorfeld war ich verunsichert ob JEW wirklich ein gutes Album abgeliefert haben. Und ich muss sagen sie haben es nicht verlernt mir Freude zu bereiten. Das Album ist einafch super geworden. Futures ist übrigens auch super!
Aber na ja, es herrscht ja in der heutigen Musiklandschaft sowieso eine riesige Abneigung gegenüber solcher Musik.
Comment by gabe_tk — October 23, 2007 @ 10:02 am