Jethro Tull sind aus der Wahrnehmung der heutigen Musikhörerschaft etwas aus dem Fokus des Interesses geraten oder werden belächelt. Zu Unrecht! Die Band war quasi dabei, als der Rock noch eine Jugendbewegung war und in den Kinderschuhen steckte. Alben wie „Aqualung“ und „Thick As A Brick“ sind immens wichtige Dokumente der Rockmusikgeschichte. Auch wenn diese beiden Scheiben den Ruhm von Jethro Tull begründeten, sollte man eine ganz andere Scheibe nicht aus dem Blickwinkel verlieren. Das Debütalbum „This Was“ ist ebenso ein Stück Rockgeschichte und wird leider oft verkannt.
Im Oktober vor 40 Jahren wurde das erste Jethro Tull Album „This Was“ veröffentlicht. Dieser Anlass wird nun mit der „40th Anniversary Collector´s Edition gefeiert. Das Album wurde in den vergangenen Jahren immer wieder in allen möglichen Varianten auf den Markt, zum Teil recht lieblos, geschmissen. Die neuerliche Ausgabe ist endlich ein gelungenes Gesamtpaket in liebevoller Aufmachung geworden. Diese Doppel-CD-Ausgabe kommt im schmucken, stabilen und mehrfach aufklappbaren Digipack daher – sehr edel! Das Artwork kann sich so auch voll entfalten und auch das Booklet ist sehr gelungen und informativ gestaltet. Gehalten wird die ganze Geschichte übrigens von einem Schuber. Da hat man sich wirklich Mühe gemacht und nicht gekleckert, sondern geklotzt!
Musikalisch bekommt der Zuhörer hier auch eine gehörige Portion Jethro Tull geboten. „This Was“ liegt hier auf CD eins im bisher nicht erhältlichen Mono-Mix des Original-Albums vor! Den komplett neuen Stereo-Mix beinhaltet dann die zweite CD. Da freut sich sicherlich jedes Sammler- und Fanherz. Dies ist aber bei Weitem noch nicht alles, dazu aber später mehr.
Das eigentliche Album verdient es schon noch, etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden. Von Kritikern und Fans wird „This Was“ ja gerne verschmäht, da das Erstlingswerk der Band noch nicht den später typischen Jethro Tull Sound zu bieten hat. Die bekannten Versatzstücke des Tull-Kosmos, Querflöte und die markante Stimme von Ian Anderson, kommen hier noch nicht voll zur Entfaltung. Musikalisch kann die Band trotzdem auf ganzer Linie überzeugen. Hier steht absolut authentischer Bluesrock einvernehmlich neben anspruchsvollem Progrock. In dieser Konstellation war dies damals schon ungewöhnlich und ist es heute immer noch.
Der Opener „My Sunday Feeling“ lässt schon Rückschlüsse auf den späteren Bandsound zu, was dann aber mit „Some Day The Sun Won´t Shine“ folgt könnte auch irgendwo in den Sümpfen jenseits der Baumwollfelder entstanden sein. Überhaupt wird die gesamte Scheibe von einem Instrument geprägt, welches nicht unbedingt als erstes genannt wird, wenn es um Jethro Tull geht. Mick Abrahams drückt „This Was“ mit seiner durchtränkten Bluesgitarre deutlich den Stempel auf, so auch auf „Beggars Farm“ nachzuhören. Gesanglich tritt der Mann sogar bei „Cat´s Squirrel“ als Lead-Vocalist auf. Nach dem eher unspektakulären „Move On Alone“ kriegt man bei „Serenade To A Cuckoo“ eine vielfältiges und warmes Klanggebilde geboten, bei dem die Querflöte erstmals so richtig dominant erscheint. „Dharma For One“ mit allen Instrumentensoli unterstreicht eindrucksvoll die progressive Seite der Band, bevor es mit „It´s Breaking Me Up“ zurück in die Sümpfe geht. „A Song For Jeffrey“ wurde als Single ausgekoppelt und steht exemplarisch für den frühen Tull-Sound. Querflöte, (Slide-)Gitarre und Mundharmonika bestimmen das Klangbild und klingen in dieser Konstellation selbst heute noch frisch und druckvoll. „Round“ beendet dann eine leider viel zu oft unterschätze Platte.
Auf der vorliegenden Geburtstagsausgabe ist aber noch lange nicht Schluss! Auf CD eins finden sich glattweg neun weitere Tracks wieder! Die Nummern wurde live im Jahre 1968 bei zwei John Peels Sessions aufgenommen (23.07. u. 05.11.). Die Klangqualität ist absolut beeindruckend und bestechend. Dem Zuhörer offenbart sich das gesamte Klangspektrum der frühen Jethro Tull. Herausragend sind das bluesgetränkte „So Much Trouble“ und das folkige sowie rockige (ja, das war bei Jethro Tull durchaus möglich) „Love Story“. Übrigens stellen diese neun Nummern einen dicken Mehrwert dar und sind alles andere als Füllmaterial! Das Bonusmaterial von CD zwei steht dem in nichts nach. Die schon bekannten Album Bonus Tracks „Love Story“ und das wunderschöne „Christmas Song“, welches einen ersten Fingerzeig für die zukünftige Richtung vorgibt, sind ebenso enthalten wie vier weitere Mono-Aufnahmen, darunter das noch auf MGM veröffentlichte Erstwerk „Sunshine Day“.
Fazit: „This Was“ ist in dieser neuerlichen Ausgabe eine absolute Bereicherung für jede Musiksammlung. Edel, üppig, würdevoll und amtlich wird hier die Geburtsstunde von Jethro Tull gefeiert. Ein Stück Musikgeschichte, welches toll aufgearbeitet und aufbereitet wird und in jedem gut sortierten Plattenschrank stehen sollte!