Interviews > Musik

Interview mit U.K. Rattay Labelchef von rent a dog und Gitarrist von The Styrenes

Autor: schlimm / Kommentare: Bisher keine

Am 10.08. hatte SoundBase die Möglichkeit ein Interview mit Ulli Rattay, auch besser bekannt als U.K. Rattay, zu führen. Nicht nur, dass der Mann als Gitarrist den Sound von The Styrenes veredelt, nein, ebenso ist er als Labelchef von rent a dog für eine Auswahl an feinster Musik verantwortlich. Ulli Rattay ist sicher so was wie ein Trauminterviewpartner, entspannter und aufschlussreicher kann ein Gespräch nicht verlaufen, zudem merkt man zu jeder Sekunde, dass der gute Mann Musik mit jeder Faser liebt und lebt.

Ulli fangen wir mit den Styrenes an. Ist die Einordnung Wave/Punk in Ordnung oder ist Dir Schubladendenken zuwider?

Einordnungen und Klassifizierungen können natürlich helfen und wenn man sich die Geschichte der Styrenes anguckt, dann passt Punk da schon sehr gut. Mit Wave kann ich mich aber auch anfreunden. Im Grunde machen die Styrenes aber nichts anderes als Rock.

Die Band gibt es ja schon seit 1975, Du bist erst seit 1998 dabei, man könnte Dich also quasi den Ronnie Wood des Punk nennen.

Um Gottes Willen, das ist etwas hoch gehangen, nein, als den Ronnie Wood des Punk sehe ich mich nun nicht, auch wenn ich recht spät bei den Styrenes eingestiegen bin.

Wie kam es denn zu dem ersten Aufeinandertreffen?

Ach, das war schon Jahre vorher. Paul (Marotta) und ich sind uns bei der MIDEM über den Weg gelaufen. Das ist eine Musikmesse, die 1992 in Cannes stattfand. Paul war seinerzeit für ein Classic-Label vor Ort. Ich selber war für ein Jazz-Label dort. Natürlich kam man dann ins Gespräch und da merkten wir ziemlich schnell, dass wir auf einer Wellenlänge lagen, die Chemie stimmte einfach.

Also fiel die Zeit des Beschnupperns dann aus, als Du in die Band kamst? War dann wohl eher so, als wenn man einen alten Freund wieder trifft?

Genau, wir kannten uns in der Zwischenzeit ja auch ziemlich gut, Paul war ja auch mein Trauzeuge. Was die Styrenes betrifft war aber auch immer klar, dass ich ganz anders Gitarre als Jamie spiele, von daher gab es da sowieso nie Probleme, da passte und passt halt alles zusammen.

Wie kam es eigentlich zu dem Orchesterwerk?

Ach vorher gab es noch eine skurrile Weihnachtsplatte. Nein Terry Reily In C ist so was wie die Blaupause. Das Ding besteht aus 53 Pattern. Da ist von leicht bis saukompliziert alles dabei. Das Interessante und Spannende daran ist, dass es sich nicht gleich anhört. Man führt das auf, aber in seinen festen Parametern wird es jedes Mal anders.

Wie eine Art Jamsession in festem Rahmen?

Ja, genau und innerhalb dessen kommt es zu den komischsten Verschiebungen. Das macht natürlich Spaß und mit einem großen Ensemble umso mehr. Allerdings bricht man sich da zum Teil auch die Finger, man darf nicht vergessen, dass das nicht für die Gitarre geschrieben wurde.

Habt ihr denn jetzt vor regelmäßig zu veröffentlichen? Wenn man sich die Geschichte der Styrenes anguckt, dann habt ihr den Markt ja nicht gerade mit Platten überschwemmt.

Das ist richtig. Dann gab es auch immer wieder Umbesetzung, zeitweise war nur noch Paul Marotta The Styrenes. Nein, wir wollen bald wieder an neuen Songs arbeiten.

Nutzt ihr dazu die modernen Kommunikationsmittel? New York ist ja nicht gerade um die Ecke.

Ja klar, das kann man sich auch prima hin und her schicken. 25-30 Dollar die Stunde für einen Proberaum ist da auch einfach zu teuer und wir haben halt auch die Möglichkeit privat daran zu arbeiten.

Werdet ihr das Material denn auch live vorstellen? Ist ja auch immer eine heikle Sache, wenn die Fans die Songs nicht kennen.

Ehrlich gesagt glaube ich jetzt nicht, dass dies unbedingt auffallen würde. Weißt Du die Styrenes sind eine schnelle Band, da fällt das gar nicht so sehr auf, wenn auch mal der ein oder andere unbekannte Track dabei ist. Die Songs werden durchgeprobt und dann geht es ab auf die Bühne.

Du meinst den Fans ist egal welche Songs ihr spielt bzw., dass sie die eh nicht so genau kennen?

Ja und nein. Wir haben es mal in New Castle erlebt, dass die Fans die Lieder mitgegrölt haben.

Das erfüllt einen wahrscheinlich mit Stolz?!

Auf jeden Fall, es waren zwar jetzt nicht viele, aber immerhin.

Gibt es irgendwen, wen Du gerne auf Deinem Label hättest?

Ich könnte jetzt natürlich einen großen Act nennen, aber grds. bin ich für alles offen.

Du hast also keine Berührungsängste? Wenn jetzt also U2 auf dem Markt wären, würdest Du die nehmen oder würdest Du eher sagen, das passt stilistisch bei mir nicht rein?

Mal abgesehen davon, dass das eh nie passieren würde, warum nicht? Nee, da bin ich schon für vieles offen. Im Grunde muss unter dem Strich immer noch eine schwarze Zahl stehen. Manche Geschichten funktionieren da besser, andere weniger, aber grds. sollte schon auch noch eine Gewinnerzielungsabsicht dahinter stehen.

Findest Du die Musikszene heute eher schwach? Oder gibt es noch was zu entdecken? Was hälst Du von den ganzen angesagten britischen Bands, wo Du gerade aus London kommst? Ich für meinen Teil kann die mittlerweile ja gar nicht mehr auseinander halten.

Doch zu entdecken gibt es auch heute noch jede Menge. Ob sich so eine Band wie Franz Ferdinand über die Jahre halten wird, muss die Zeit zeigen. Aber das gab es ja schon immer, eine Band einer bestimmten Richtung kommt auf den Markt und plötzlich wird von den Labels versucht haufenweise Epigonen ins Rennen zu schicken. Was meinst Du was damals im Zuge von Glam-Rock plötzlich alles für ein Mist hochgespült wurde, das war damals nicht anders und ist heute eben auch noch so.

Wie siehst Du den heutigen Musikmarkt? Ist da wirklich die ganze Download-Geschichte schuld? Wenn ich mich an meine Jugendzeit zurück erinnere hatten wir auch alle jede Menge Alben auf Tapes kopiert, hat sich da wirklich so viel geändert?

Stimmt, früher wurde noch alles auf die gute alte C 90 oder C 60 kopiert, insofern hat sich da nicht viel geändert. Die Alben wurden dann halt später nachgekauft.

Eben, manche finden sich heute doppelt und dreifach in meiner Sammlung. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, keine physischen Tonträger in den Händen zu halten.

Da haben sich vielleicht auch die Werte verschoben. Früher gab es einfach auch nicht so viele Möglichkeiten. Heute kann man für viel mehr Sachen Geld ausgeben. Die Jugendlichen brauchen ja das neuste Handy, den neusten PC, die neuste Spielkonsole, da bleibt die Musik etwas auf der Strecke. Dazu muss man noch sehen, dass es wahrscheinlich auch eine Übersättigung von Musik gibt. Musik ist selbstverständlich geworden. Wo man früher noch die ein oder andere Anstrengung unternehmen musste, hat man heute alles mit einem Mausklick auf dem Rechner. Vielleicht werden die Leute wie wir beide weniger. Aber es gibt doch nichts schöneres als am Regal oder Schrank vorbeizugehen und vielleicht mal das Album mit dem blauen Rücken zu nehmen und mal wieder aufzulegen. Archive und Playlisten sind da auch nichts für mich. Allerdings bieten die 99 Cent Stücke, die man downloaden kann auch eine tolle Möglichkeit an einen Song zu kommen, wo man, wenn man das komplette Album kauft enttäuscht wäre.

Wie sieht denn die Zukunft aus? Wird es wieder mehr downloadbare Singles geben?

Singles sind eigentlich ein undankbares Geschäft. Ich denke, es wird mehr Liebhaberstücke geben. Es wird einen Hang zu immer liebevolleren Verpackungen geben. Eins ist dann auch klar, das Produkt wird teurer. Für alle anderen stellt sich dann die Frage, ob nicht die pure CD ausreicht, nur der Rohling, kein Booklet oder sonstiges.

Vielleicht liegt das Problem aber auch daran, dass nach „Nevermind“ von Nirvana ein ganz neuer Mainstream geschaffen wurde und plötzlich alles Mainstream war und ist?

Ich würde aber nicht sagen, dass es nur noch Mainstream gibt, da sind auch noch reichlich Nischen vorhanden.

Ja aber in den 90ern war ja unheimlich was los, da gab es ja fast jeden Monat zwei, drei Alben für die Ewigkeit und eine strenge Unterteilung gab es auch nicht mehr, da war von Björk, über Portishead, die ganze Grunge Fraktion über Britpop und und und ja einiges los. In diesem Jahrzehnt fällt mir da nicht viel ein, die Strokes vielleicht?

Ja die Strokes mit ihrem Backround. Vielleicht lag es aber einfach auch nur daran, dass die die besseren Songs hatten.

Was ist mit den White Stripes?

Och nö, dann schon lieber die Yeah Yeah Yeahs.

Wobei die White Stripes ihr ganzes Konzept schon ganz geschickt ausgelegt haben, oder?

Auf jeden Fall, allerdings gab es da auch schon immer, bei Bands wie auch Fans. Szenen waren schon immer vorhanden. Da gab es doch die Grufties, die Metaller, die Anhänger von The Cure oder Depeche Mode und und und. Man selber meint ja immer, man wäre von alledem verschont geblieben, aber wenn ich mir da alte Fotos von mir angucke, dann denke ich mir auch, dass hättest du aber besser gelassen.

Was ist mit den Bright Eyes, können die nicht die Zeit überstehen?

Ein ganz hervorragender Songwriter. Ein weiteres Beispiel ist Wilco. Denen wurde auch die entsprechende Zeit gegeben sich zu entwickeln.

Das ist aber eher selten. Heute muss doch alles sofort erfolgreich sein, so eine Band wie U2, die über die Jahre aufgebaut wird wäre heute wahrscheinlich gar nicht mehr möglich.

Ich weiß nicht, bei denen ging es ja auch recht schnell, da wurden in kürzeren Abständen ja auch mehr Platten aufgenommen, so jedes Jahr eines.

Ja,  War könnte man da vielleicht nennen, immerhin schon das dritte Album. Was denkst Du eigentlich über die?

Also eine Band, die schon so lange erfolgreich im Geschäft ist und die auch jede Menge hervorragende Songs geschrieben hat, hat mit Sicherheit ihre Berechtigung, doch das ist schon in Ordnung.

Hast Du persönlich irgendeinen Einfluss? Lieblingsbands oder Künstler?

Im Grunde alles was etwas gewagt hat, was vielleicht abseits der Norm war und ist. Am Anfang hat mich da sehr die Psychedelische Schiene oder Progrock interessiert. Captain Beefheart natürlich oder auch Zappa. Natürlich auch Bands wie Gang Of Four oder selbstverständlich Sonic Youth. Eine großartige Band, die es geschafft hat die Zeit zu überdauern und auch heute noch immer aufregend und aktuell ist. Dann natürlich Motorpsycho oder auch Björk. Selbstverständlich auch Bowie. Den habe ich hier mal im E-Werk in kleinem Rahmen gesehen, ganz hervorragend.

Als er die komplette Low gespielt hat?

Genau, die Karte war nicht billig, aber da hat sich wirklich jeder Cent gelohnt.

Was ist mit Iggy Pop? Der kommt ja auch aus der Punk Ecke.

Ja klar, Iggy, der ist natürlich auch eine Nummer für sich, der gelebte Rock and Roll.

Wo wir hier gerade in Köln sind. Heute und morgen finden ja die BAP-Abschlusskonzerte statt, kannst Du mit denen was anfangen oder ist das eher nicht Deine Baustelle?

Ach weißt Du, ich will da gar nicht über die Kollegen urteilen. Und wer schon so lange dabei ist hat sicher irgendwas richtig gemacht und die haben mit Sicherheit auch ihre Berechtigung. Und hey, was könnte es für die Schöneres geben als ihre 100 Jahre Greatest Hits Tour in Köln, vor heimischem Publikum mit dem Dom im Rücken zu beenden?

Köln ist ja auch eine Fußballstadt, für Dich eher uninteressant?

Nein, überhaupt nicht.

Köln-Fan oder doch Aachen?

Nein, aber leidensfähig muss ich auch sein – Gladbach.

Kommen wir abschließend noch mal auf The Styrenes zu sprechen. Ist eine Tour in Planung?

Ja es wird definitiv eine Tour geben, erst in den Staaten, dann auch hier. Ich freue mich schon tierisch wieder mit den Jungs live zu spielen. Das wird eine schöne Kegeltour.

Kegeltour? Da nimmt man die Familie sicher nicht mit.

Nee, da geht gar nicht. Natürlich freut es mich, wenn mal einer gucken kommt, den man kennt, aber auf Tour, nee das sollten nur wir Jungs sein.

Wobei das wilde Rock and Rollleben wird es heute sicher auch nicht mehr so geben.

Nee, da sind natürlich auch lange Busfahrten dabei, wo man sich zwölf Stunden lang den Hintern platt sitzt und manches ist sehr langatmig.

Macht eine Tour zum Schluss dann überhaupt noch Spaß oder ist es mehr Routine?

Klar! Und wie! Das wäre ja fatal, wenn man nach zwei Wochen schon keinen Bock mehr hätte. Es ist einfach klasse mit den Jungs auf der Bühne zu stehen.

Vielen Dank Ulli, für das angenehme Gespräch, wir sehen uns dann auf Tour!


Review zu The Styrenes „City Of Women“

http://www.soundbase-online.com/the-styrenes-city-of-women

http://www.rent-a-dog.com/

 

Wir bedanken uns bei Dennis von Starkult und natürlich bei Ulli Rattay!

 

No Comments »

No comments yet.

RSS feed for comments on this post.

Leave a comment

Verwandte Artikel

Weitere Artikel des Autors

Aktuelle News

Aktuelle Artikel

Navigation


© Dirk Janßen, Webdesign, Webanwendungen & Content Management Systeme.

Sound Base Online Magazin Powered by WordPress - Inhaltsverzeichnis