Die New Yorkerin Ingrid Michaelson ist momentan wohl der weibliche Shootingstar schlechthin. In Amerika hat sie mittlerweile sowieso schon lange nicht mehr den Status einer Neuentdeckung. Zeitweise mutierte ihr Name zu dem meistgesuchten Begriff bei Google Amerika. Selbst bei uns dürfte zumindest ihre Musik auch einem breiteren Publikum bekannt sein – ohne es zu wissen. Unglaubliche fünf ihrer Stücke finden und fanden schon Verwendung für die TV Serie „Grey´s Anatomy“. Die Macher scheinen einen Narren an ihr gefressen zu haben und so kam sie auch schon recht früh zu der Ehre in den Shows von Jay Leno und Conan O´Brein als Gast auftreten zu dürfen. Dies alles ohne einen hochdotierten Plattenvertrag im Rücken. Ingrid Michaelson suchte sich dahingehend ihre Partner, die verständlicherweise Schlange standen, sorgsam aus.
Künstlerisches Talent wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Mit einer Mutter als Bildhauerin und einem Vater als Komponisten und einer Wohnung, die gerüchteweise einem Museum gleich kommt, wurde sie vermutlich schon früh von der Muse geküsst. Zur Musik kam sie dann allerdings eher per Zufall und strebte eigentlich eine Theater- und Schauspielkarriere an. Man muss dem Theaterkollegen danken, der sie ermutigte, ihre Songs auch der Welt zugänglich zu machen.
Man darf sich nun mit dem Album „Girls And Boys“ in die Welt von Ingrid Michaelson begeben. Ein gute dreiviertel Stunde verzaubert einen die Frau mit ihren feinen und detailverliebten Songs. Selbige empfangen den Pop zwar mit weit geöffneten Armen, aber das Herz schlägt doch im Indietakt. Insgesamt erinnern die Tracks an eine Mischung aus Regina Spektor, PJ Harvey und Fiona Apple. Schön, dass endlich mal wieder eine Dame den guten Klängen des Indiepops huldigt.
Schon die ersten Klänge vom unsagbar tollen „Die Alone“ nehmen einen als Zuhörer sofort gefangen. Klänge, die man lange nicht mehr gehört hat und jetzt, wo sie die Gehörgänge umspielen, verdeutlichen, dass man diese vermisst hat. „Masochist“ ist eine Spur gesetzter, baut aber auf einer ebenso tollen Melodie auf und der Refrain umschmeichelt einen als Zuhörer derart, dass einem warm ums Herz wird. Der große Felsbrocken des Kitsch wird immer gekonnt mit einer schrägen Idee umschifft. „Breakable“ ist von der Instrumentierung so simple wie bescheiden und vermag doch eine so große Wirkung beim Zuhörer zu erzielen, wie es eben nur wenige Künstler schaffen. Auch „The Hat“ und das eigenwillige „The Way I Am“ halten das Gefühlshoch weiter bis zum Anschlag. Selbst der ruppige Gitarrenbeginn von „Overboard“ ist entzückend und beim folgenden, hochemotionalen, „Glass“ macht sich nicht nur eine dicke Gänsehaut breit, nein, man hat regelrecht mit den Tränen zu kämpfen. Ingrid Michaelson hat zudem noch ein Händchen für den Songaufbau, wie sie mit „Starting Now“ und dem traurigen „Corner Of Your Heart“ einmal mehr unter Beweis stellt. Einen Hänger sucht man auf der Scheibe vergeblich. Auch „December Baby“ und „Highway“ wissen noch zu überzeugen. Der Bonustrack „Far Away“ haut zum Schluss mit einer fröhlichen Melodie noch mal ordentlich einen raus und entlässt den Zuhörer mit einem guten Gefühl – mit dem guten Gefühl die Scheibe sofort erneut hören zu wollen.
Fazit: Der Indiefolkpop von Ingrid Michaelson ist auf ganzer Linie überzeugend. Das Album „Girls And Boys“ ist vom ersten bis zum letzten Ton eine musikalische Offenbarung. Handwerklich ist die Geschichte sicher alles andere als spektakulär. Spektakulär ist allerdings die Umsetzung und diese bezaubernde Art und Weise die Songs in Szene zu setzen. Daumen aber ganz weit hoch dafür!
http://www.ingridmichaelson.com