Zwei Jahre nach dem gefeierten Debütalbum gibt es nun weiteres Futter für die hungrigen Fanmünder. Davon sollte es mittlerweile reichlich geben, nicht nur Alt-Fans von Annette Humpe und Ideal, sondern auch von ICH + ICH selber. Das Duo Humpe/Tawil feierte mit dem Erstlingswerk mehr als nur einen Achtungserfolg und das nach anfänglichen Zweifeln, ob das Duo in dieser Konstellation überhaupt zusammen passen würde. Zweifel, die die beiden Protagonisten sicherlich nicht hatten, aber die Presse sprach da doch etwas reißerisch vom „Generationenvertrag“ oder „Clash der Generationen“. Da die erfolgreichste Produzentin der Republik mit Jahrgang 1950 und das Soultalent mit Jahrgang 1979 keine musikalischen Berührungsängste hatten, kam der geneigte Zuhörer in den Genuss schönster deutscher Popmusik.
Nun gibt es also Nachschub und Runde zwei wird eingeläutet. Dass die beiden die selbe Sprach sprechen dokumentieren sie nun auch schon mit dem Albumtitel „Vom selben Stern“. Nicht nur die Platte heißt so, sondern auch die erste Single und der erste Track der Scheibe. Damit startet das Duo gleich mit einem sehr starken Popsong. Der Gesang von Adel Tawil scheint sich weiterentwickelt zu haben. Insgesamt setzt sich das Liedchen mit dem schönen und einprägsamen Refrain direkt in den Gehörgängen fest. Auch textlich haben die beiden der Welt einiges mitzuteilen. „Junk“ überzeugt nicht nur durch einen treibenden Beat und seinem Stakkato-Rhythmus, sondern auch durch einen gewitzten Text mit gesellschaftlich-politischem Hintergrund. Die ersten ruhigen, melancholischen und nachdenklichen Töne gibt es dann beim anschließenden „Stark“. Wo andere knietief im Kitsch baden, schafft es Adel Tawil mit seiner Stimme zu berühren. Musikalisch wird hier natürlich die ganz große „Streicherpalette“ aufgefahren, die durch den geschickten Einsatz von Beats allerdings auch ziemlich unprätentiös wirken. Noch eine Spur reduzierter und gefühlvoller wird „Schütze Mich“ von Annette Humpe vorgetragen. Die trüben Gedanken werden danach von dem sommerlich-leichten „Nichts Bringt Mich Runter“ weggewischt. Ein schönes und umso simpleres Gitarrenthema verleiht dem Song ein Gute-Laune-Sommerflair. Schön, dass die Platte nicht nur aus Schwermut besteht, sondern auch durch eine gewisse Leichtigkeit besticht. „So soll es bleiben“ kommt nach langsamen Beginn dann auch gut aus den Puschen. Sehr netter Deutschpop.
Die zweite Albumhälfte wird dann mit „Mach Dein Licht An“ eingeläutet. Der gesungene Refrain von Annette erinnert dann sehr stark an ihre 80er Vergangenheit und Tawil singt sich die Seele aus dem Leib. Anschließend wird es mit „Dämonen“ wieder etwas melancholischer mit Tendenz zur Düsternis „Ich kämpfe gegen die Dämonen, suche eine Tür um hier als Sieger herauszugehen“ wird hier zu einem Teppich aus Beats und Streicher/Keyboard eindringlich gesungen, ja fast schon gefleht. Anschließend darf Frau Humpe wieder den Hauptgesangspart bei „Ich Atme Ein, Ich Atme Aus“ übernehmen und fügt der Platte so einen weiteren schönen Farbtupfer hinzu. Netter Nebeneffekt ist dabei noch, dass der Abwechslungsreichtum so sehr hoch gehalten wird. „Brücke“ ist für sich alleine ein sehr schöner Song, mit sehr nachdenklichem Text, im Albumkontext gibt es allerdings insgesamt damit zu viele dieser Machart. In diese Kerbe schlägt auch „Ich fürchte mich“, überzeugt letztlich aber durch seine treibenden Elektrospielereien. Das Thema selber dreht sich um Trennung und Trennungsängste und ist damit auch wieder alles andere als fröhlich ausgefallen. „Trösten“ knüpft da nahtlos an, bevor das Album mit dem zu Tränen rührenden und akustischen „Wenn Ich Tot Bin“ schwermütig, aber doch irgendwie auch schön ausklingt.
Fazit: Wer ICH + ICH bisher nicht mochte, wird sich unter Umständen auch mit „Vom Selben Stern“ schwer tun. Unter dem Strich haben Annette Humpe und Adel Tawil ein klasse Deutschpopalbum für Erwachsene gemacht. Schöne Melodiebögen wechseln sich mit eindringlichem und wunderbaren Gesang ab. Vielen nachdenklichen Töne stehen auch mal leichte und beschwingte Momente gegenüber. Auch wenn die zweite Albumhälfte einen kleinen Ticken abfällt kommt unter dem Strich ein Album raus, welches absolut zu überzeugen weiß. 9 Sterne.
Video "Vom Selben Stern":
http://www.ich-und-ich.de/vom-selben-stern/
Hört sich sehr gut an, klasse Kritik, man kann sich was vorstellen unter dem Album - und DAS! ist was.
Comment by UweB — June 24, 2007 @ 2:16 am