Tabula Rasa – ist mein erster Gedanke, als ich S’nix in den Händen halte. Wie ein unbeschriebenes Blatt mutet das CD-Cover an, aus welchem reliefartig die Buchstaben S’NIX empordrängen.
Als „das Warten auf den Moment, da sich Gedanken und Ideen zu Liedern formen“ beschreibt der österreichische Liedermacher und Weltmusiker Hubert von Goisern „S’NIX“. Die Veröffentlichung dieser Scheibe fand parallel zum zweiten Teil seiner Linz-Europa-Tour statt, auf der es Hubert samt seiner achtköpfigen Band in einem Schubverband stromaufwärts über Passau und Regensburg, über den Main-Donaukanal zum Rhein bis nach Rotterdam führte.
Eine interessante Vorgehensweise wählte HvG diesmal, indem er erst die Band zusammenstellte und dann die Musik in gemeinsamen Jam-Sessions innerhalb von 4 Monaten entstehen und reifen ließ. Was die Musiker verbindet, sind die Reiseerfahrungen der Linz-Europa Tour Teil 1 „Goisern goes East“. Die musikalische Flussreise führte die Crew auf der Donau stromabwärts bis zum Schwarzen Meer und zurück nach Linz. Hier hatte die Kombo die Möglichkeit, musikalisch und menschlich zusammenzuwachsen.
Im Interview zu „TRAD II“ fragte ich HvG 2004, ob er nun immer so außergewöhnliche Aufnahmebedingungen suchen werde wie im damaligen Fall ein stillgelegtes Hotel auf dem Gipfel des Krippensteins. Er betonte damals, in luftiger Höhe den passenden Sound für die tendenziell ruhigere TRAD II gefunden zu haben, „…aber wenn man z.B. was Rockiges oder Funkiges machen will, was nicht nur laut sondern auch druckvoll sein soll, würde ich lieber schauen, dass wir ins Tal kommen, weil der Sound dort oben nie so dicht und druckvoll daherkommt wie auf Meeresspiegel-Niveau.“
Gesagt – getan. Um den für S’nix charakteristischen prallen Sound zu produzieren, bedurfte es diesmal einer Industriehalle als Aufnahme-Location.
Das Ergebnis sind 12 dynamische und von einem Spektrum exotischer Klangfarben geprägte Stücke. Ob rockig, funky oder jazzig - kaleidoskopartig wird die Vielfarbigkeit von Musik und menschlichem Leben zelebriert und thematisiert. Dies geschieht unter Einfluss auffallend häufig eingesetzter elektronischer Synthi-Verfremdung und neben der klassischen Besetzung Gitarre – Bass – Schlagzeug – Gesang unter Einbeziehung diverser Blas- und Streichinstrumente. Unvorhergesehene Struktur- und Taktwechsel lassen ein heiter- bis rockiges Sound-Gemisch entstehen, das sich in seiner Komplexität letztlich zu einem stimmigen Gesamtbild formt.
Das rockige „Showtime“ als Auftakt stürmt und drängt voran, um mit einem überraschenden Cut, gefolgt von einer Trillerpfeife, an „Rotz & Wasser“ abzugeben - eine Hommage an Heribert Meisels leidenschaftliche Fußball-WM-Radio-Reportage 1954 im Viertelfinale Österreich/Schweiz.
Huberts Hausmarke – das Jodeln und die Steirische Ziehharmonika – bettet sich diesmal in Form von stilvollem Understatement in die Stücke ein, was der Grundstimmung der Platte gut zu Gesicht steht.
Inzwischen habe er sich „frei gespielt von dem Anspruch, dass meine Regionalität in der Musik spürbar sein müsse - und von dem Anspruch, allen gerecht zu werden.“
Wiederhörensfreude, die an vorangegangene Schaffensphasen des Künstlers anknüpfen, gibt es dann doch in Form eines pfundig geschleppten Landlers, der sich keck in das Pop-Stück „Weltuntergang“ einnistet.
Der melancholische warme Klang der Gadulka in „Herschaun“ und „Regen“ haucht „S’Nix“ wehmütige Einflüsse von osteuropäischer Folklore ein.
Auseinander treiben nicht nur die Protagonisten des Liedtextes in „Auseinandertreiben“, auch der Sound des gospeligen Backgrounds sowie des Operngesangs streben fort - in höhere Sphären. Mit einer repetitiven Synthesizer-Sequenz gegen Ende assoziiere ich ein Besetztzeichen am Telefon – Bei aller Neu- und Ungewohntheit finde ich durch die feinen, leisen Zwischentöne immer wieder den vertrauten Spielraum, meiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Who the hell ist eigentlich Hermann?…
Das neunminütigen Duett mit Xavier Naidoo vermittelt Fernweh, Warten auf bessere Zeiten und schließlich Aufbruchstimmung.
Der in ein Soul-Passepartout gerahmte Song scheint – wie letztendlich die gesamte Platte - ein Abbild von Huberts Lebenskunst zu sein, die geprägt ist von dem unerschütterlichen Willen, sich einer Sache mit Haut und Haar zu widmen, um dann mit ihr rigoros abzuschließen und einen Neuanfang zu wagen – der Reset-Knopf wird gedrückt. Tabula Rasa. S’NIX…