Schwierig. Schwierig die richtigen Worte zu finden. Schwierig die Autobiografie eines Gewohnheitsverbrechers zu bewerten und einzuordnen. Schwierig dafür die passende Beurteilung zu finden. Gibt es die überhaupt? Darf man ein Buch empfehlen oder gut bewerten, welches sich mit der Lebensgeschichte eines Totschlägers befasst? Darf man so einem Menschen den Raum bieten sich zu präsentieren? Und wenn ja, kann man als Rezensent ein gewisses Maß an Neutralität walten lassen und überhaupt eine gewisse Objektivität an den Tag legen, so wie es eigentlich der Fall sein sollte? Schwierig.
„Türen Ohne Klinken“ macht es einem, nein, macht es mir nicht einfach. Auf knapp 200 Seiten beschreibt Harald Poschner hier seine Lebensgeschichte. Aufgezeichnet wurde dies von Katrin Rohnstock und Barbara Orth. Frau Rohnstock begann im Jahre 1998 die Lebensgeschichten ganz normaler Leute aufzuzeichnen. Mittlerweile gibt es ca. 200 davon. Die erste deutsche Autobiografie eines Totschlägers entstand aus dem Wunsch heraus die Geschichte eines Menschen zu erzählen, der das größte christliche Tabu „Du sollst nicht töten“ gebrochen hat.
200 Seiten? Dem ein oder anderen kommt das vielleicht sehr wenig vor, aber diese 200 Seiten reichen vollkommen aus. Harald Poschner erzählt seinen Lebensweg, der geprägt ist von Verbrechen und Kriminalität, Drogensucht, Heimen, Gefängnissen, aber ganz sicher nicht von einem Lebensentwurf in herkömmlichen Sinne.
Angeordnet ist die ganze Geschichte chronologisch. Er beginnt mit seinen Erzählungen aus seiner Kindheit und wie er auf einem Armenhof aufwächst. Zuneigung von seiner Familie erfährt er eigentlich kaum und auch sonst ist er, jedenfalls nach eigenen Angaben, recht schnell ein Außenseiter der Gesellschaft. Mit neun Jahren kommt er erstmals ins Heim. Im folgenden Verlauf schildert er seine ganzen Ausbrüche aus den Sozialeinrichtungen, wie er nach Hause rennt, im Grunde bei seiner Familie keinen Halt findet, wieder aufgegriffen wird, vom erneuten weglaufen….
Auch wenn Harald Poschner selber nicht möchte, dass seine Taten gerechtfertigt werden oder seine Erzählungen eben wie eine Entschuldigung und Rechtfertigung klingen, so hat man dies als Leser ständig im Hinterkopf und empfindet die Schilderung oftmals gerade als solche. Unbefangen kann man sich diesem Buch wohl nicht nähern. Dies macht das Werk aber umso interessanter.
Recht früh folgte dann der erste Bankeinbruch und weitere Einbrüche. Mit Freunden nahm er sogar Auftragseinbrüche an. Mit vierzehn Jahren folgt dann die erste Inhaftierung. Im Folgenden wird eigentlich immer wieder der gleiche Kreislauf abgespult. Straftat, Gefangennahme, Verurteilung, Inhaftierung, Flucht, Sozialtherapie, Beschaffungskriminalität in allen Formen, Drogensucht – die klassische Karriere? Nicht ganz, denn während seines letzten Hafturlaubs wird er zum Totschläger. In einer Kurzschlussreaktion ersticht er einen Wachmann. Das Urteil lautet 14 ½ Jahre mit anschließender Sicherheitsverwahrung.
Erzählt wird hier in einem fast schon sachlichen Stil. Die Sprache, der sich hier bedient wird, ist kurz und prägnant, ohne Umschweife kommt man hier auf den Punkt. Logisch, dass diese 200 Seiten nur Eckpunkte wiedergeben können und im Grunde nicht der Platz ausreicht um in die Tiefe zu gehen. Trotzdem kratzt das Buch nicht nur an der Oberfläche und vermittelt schon einen ganz guten Eindruck über das Leben von Harald Poschner. Neben den ganzen Verbrechen schildert er aber auch noch, wie er seine Freundin Simone kennen gelernt hat und dass die Freundschaft zu ihr immer noch Bestand hat. Eine Facette, die sich dann fast schon liest wie die Autobiografie vom Nachbarn von nebenan.
Fazit: Insgesamt ein verwirrendes und aufrüttelndes Buch. „Türen Ohne Klinken“ ist ganz sicher keine alltägliche Lektüre und bietet Einblicke in eine erschütternde Welt. Wie man dies als Leser einordnet, muss jeder für sich selber entscheiden. Lesenswert ist es allemal und dass diese Autobiografie auf 200 Seiten Platz gefunden hat ist vielleicht sogar die größte Stärke, denn so wurde sich auf das Wesentliche konzentriert.