Wer hätte gedacht, dass der größte Treppenwitz der Rockgeschichte jemals ein Ende hat? Tja, somit ist dieser Running Gag dann auch Geschichte. Axl Rose hat es 17 Jahre nach „Use Your Illusion I + II“ nun endlich geschafft sein Soloalbum zu veröffentlichen. Klar, die Kiste läuft immer noch unter dem Bandnamen Guns N´ Roses, hat damit aber mal so rein gar nix zu tun. Lediglich das übergroße Ego von Axl ist noch da und natürlich seine Stimme. Das alleine rechtfertigt allerdings überhaupt nicht die vierzehn Songs unter dem Banner der Gunners zu veröffentlichen. Die Rechte am Namen liegen zwar bei Herrn Rose, aber mit einem kleinen bisschen Funken an Anstand hätte man das Ansehen der einstigen größten Band der Welt nicht so beschmutzen müssen.
„Chinese Democracy“ macht es einem im Grunde einfach, denn diese Geschichte hier zu zerreißen fällt nicht schwer. Kübelweise Häme dürfte es für dieses Werk geben. Lange wurde die Scheibe erwartet, nur hat die Welt auch wirklich darauf gewartet? Nein! Wenn man sich die Geschichte, die „Chinese Democracy“ schon zurückgelegt hat, betrachtet, dann ist es kein Wunder, dass das Dingen schon im Vorfeld polarisiert wie kaum ein anderes Album dieses Jahr. Angeblich wurden hier unglaubliche 14 Millionen Dollar verbrannt oder – wenn man will – in die Produktion gesteckt. Häme ist aber genauso wenig angebracht wie Lobeshymnen. Das Album ist schlichtweg egal. Würde vorne auf der Scheibe nicht Guns N´ Roses prangern und würde einen die Geschichte nicht schon seit Ewigkeiten verfolgen, dann würde kein Hahn danach krähen. Gut, das Leben findet nicht im Konjunktiv statt.
Zumindest hört man „Chinese Democracy“ an, wo das ganze Geld geblieben ist. Mein lieber Herr Gesangsverein, das ist mal eine Produktion. Da verblassen ja alle überproduzierten Alben der Rockgeschichte gegen. Selbst Axl Rose dürfte Probleme bekommen, wenn er alle Studios aufzählen müsste, die während des Entstehungsprozesses aufgesucht wurden. Es waren wohl unglaubliche vierzehn an der Zahl. Zwar nicht ganz so viele Gitarristen wurden verschlissen, aber fünf ist doch auch schon mal eine stattliche Anzahl. Axl Rose geht es eben gerne ganz groß an, leider verliert er dabei das Wesentliche komplett aus den Augen – die Songs. Auch mangelt es ihm hier nicht an Ideen. Im Gegenteil! „Chinese Democracy“ hat derer so viele zu bieten, dass das oftmals überhaupt nicht zusammenpasst oder harmoniert. Ach Axl!
Nach einer gefühlten halben Ewigkeit beginnt dann mit dem Titeltrack „Chinese Democracy“ die Scheibe sogar recht solide. Spektakulär ist das sicher nicht, aber druckvoll kommt die Nummer auf jeden Fall daher und unter den ganzen Soundschichten kann man sogar so was wie einen amtlichen Rocker ausmachen. „Shackler´s Revenge“ dröhnt dann mit vermeintlichen Industrialklängen aus den Boxen, der eher klassische Refrain will dann allerdings nicht so ganz passen – trotzdem insgesamt solide. Bei „Better“ hielt es Axl dann für eine gute Idee mit HipHop-Samples zu arbeiten. Danach folgt eine fast schon klassische Strophe, wie man sie eben von ihm oder - von mir aus auch - den Gunners gewöhnt ist. Irgendwann gibt es dann wieder Industrialspielereien und Anleihen beim Nu-Metal von vor zehn Jahren. Jede Idee für sich gesehen wäre vielleicht nicht schlecht, nur passen eben nicht alle in einen Song – das Problem der ganzen Scheibe. Auf der anderen Seite ist „Better“ einer jener Songs, an die man sich gewöhnt und die man sich durchaus schön hören kann und spätestens beim dritten Durchlauf zu gefallen weiß.
Wenn man ehrlich ist, haben Guns N´ Roses in ihrer „Karriere“ ja ein Hammeralbum aufgenommen – „Appetite For Destruction“. Schon „Use Your Illusion I + II“ hatte so unglaublich viel Mist zu bieten, dass es einem die Schuhe auszog. Axl Rose hielt sich plötzlich für Jimmy Page und Robert Plant in einer Person. Und hier sind wir wieder bei „Chinese Democracy“. „Street Of Dreams“ ist nämlich eine Mischung aus „Don´t Cry“ und „November Rain“. Alles wieder da, das Piano, die Streicher, das Geheule von Axl, ein schickes Solo und nicht zu vergessen – Pathos und Bombast! Was sich jetzt vielleicht negativ liest, ist es aber nicht. Bis hier hin geht die Scheibe durchaus in Ordnung und es gibt sicherlich den ein oder anderen Moment, der zu gefallen weiß. Hätte der gute Axl nicht versucht sein Sammelsurium an Ideen in einen Song zu packen, hätten die Tracks vielleicht sogar der große Wurf werden können. Vom Ansatz kann er es immer noch – bis hier hin.
Was dann folgt verschlägt jedenfalls mir die Sprache. „If The World“ verursacht ein dicke Gänsehaut – so schlecht ist die Nummer. Aber keine Angst „There Was A Time“ im HipHop-Gewand mit Klingeling-Glöckchen und furchtbaren Streichern kann das noch toppen. „Catcher In The RYE“ wird da wieder ein bisschen besser und ist nicht ganz so überladen. Danach poltert es ohne Ziel durch die Gegend, bevor man froh ist, dass mit „Sorry“ die nächste Bombastballade wenigstens wieder etwas wie einen Song erkennen lässt. Herrje Axl. „I.R.S.“ ist im soliden Rock and Roll Mittelfeld anzusiedeln, im Grunde aber völlig belanglos. „Madagascar“ ist zumindest ungewöhnlich und hier passen auch endlich mal die verschiedenen Ideen zusammen, bevor er mit „This Is Love“ die Boxen erneut mit Zuckerwatte überzieht. „Prostitute“ beschließt dann endlich das Album, nur stellt sich kaum Lust ein, sich es sofort erneut anzuhören.
Fazit: „Chinese Democracy“ ist sicher nicht ganz so schlecht, wie es gemacht werden wird. Das Album ist allerdings auch weit davon entfernt, ein Knaller zu sein. Vieles hier ist einfach schlicht vollkommen beliebig und belanglos. Im Grunde ein Album, welches egal ist. Gut, dass es endlich draußen ist, dann können wir dieses Kapitel auch schließen. Das Kapitel Guns N´ Roses hoffentlich auch, denn in dieser Form wird nur das Ansehen beschmutzt. Bevor zumindest Izzy, Duff und Slash nicht wieder an Bord sind und Axl in seinem Bombastwahn stoppen, sollte Axl ein Einsehen haben und nichts mehr veröffentlichen.