Der Glöckner von Notre-Dame hat sich sicherlich verirrt, denn obwohl die Geschichte die Schrecken der Pest, die menschliche Grausamkeit des Mittelalters und die düsteren Gassen von Paris schildert, so ist es eigentlich keine Erzählung aus dem Bereich der Grusel-, Schauer- oder Horrorliteratur. Titania Medien hätten Victor Hugos historischen Roman über unerfüllte Liebe auch gut als Einzelhörspiel ohne Serienmantel veröffentlichen können.
Haben Sie aber nicht, gegruselt haben wir uns auch nicht, die eine oder andere Gänsehaut hatten wir aber schon. Denn die entstellte Menschlichkeit des Mittelalters, der abartige Voyeurismus und jeglicher Verlust von Mitgefühl, wie Hugo es in seinem Buch schildert, schockiert mehr als die x-te Werwolf und Vampirgeschichte. Auch wenn es dies heute leider auch noch gibt: Missgestaltete Kinder, die einfach ausgesetzt und ihrem Tod überlassen werden, Priester, die heimlich Weib und Macht begehren und Reiche, die sich auf Kosten der Unterprivilegierten amüsieren.
Dies sind sicherlich Themen, die man von einem Gruselhörspiel nicht erwartet. Und die Marc Gruppe zwar nennt, aber dennoch eher vorsichtig anpackt und denen er nicht zu viel Tiefe verleiht. Zwar ist seine Umsetzung nah am Original, aber geht dennoch für das Medium Hörspiel Kompromisse ein. Der Fokus liegt deutlich auf der unerfüllten Liebe. Zwischen Esmeralda und Phoebus de Châteaupers, zwischen Pierre Gringoire und Esmeralda, zwischen Dom Claude Frollo und Esmeralda und auch zwischen Quasimodo und Esmeralda. Eine Frau begehrt von vielen Männern, deren Liebe zum falschen Mann schließlich nicht nur Ihr, sondern beinahe allen Beteiligten zum Verhängnis wird. In einer Welt und Zeit, wo zwei gegensätzliche Personen nur im Tod zueinander finden.
Interessant an der Umsetzung ist, dass man trotz der obligatorisch starken Produktion diesmal doch das Gefühl hat, man folgt einem Bühnenstück und keinem Film für die Ohren. Ob es an der torkelnden Geschwindigkeit der Darstellung liegt, am engen Raum oder am Spiel der Sprecher? Eins ist Marc Gruppe sicherlich gelungen: Sein Glöckner berürht nicht nur, er wirft auch einige Fragen auf uns spaltet sicherlich wie keine andere Folge der Serie die Hörer in zwei Lager.