Graciano Rocchigiani hat mit seinen bald 44 Lenzen eine Menge erlebt und gesehen. Sein bisheriges Leben glich sicherlich einer spektakulären Achterbahnfahrt. Oftmals durfte die Öffentlichkeit großzügig daran teilhaben. Für die Medien war das Leben von Graciano „Rocky“ Rocchigiani immer ein gefundenes Fressen und dankbar wurde darüber berichtet. Selbstverständlich war die Berichterstattung eher mehr als weniger sehr einseitig, Hauptsache es gab und gibt einen guten Aufmacher und eine gute Schlagzeile. Die Sicht von „Rocky“ war da nicht ganz so wichtig und so verpuffte diese oft ungehört, es sei denn, er haute mal wieder mit seiner Berliner Schnauze ordentlich „einen raus“. Was lag da also näher, als endlich mal aus der eigenen Perspektive zu erzählen? Mit „Rocky – Meine 15 Runden“ legt er nun seine Autobiographie vor und schildert nun seine Sicht der Dinge.
Dass dieses Buch gerade passend zum groß angekündigten dritten Kampf zwischen Rocchigiani und Michalczewski erscheint kann Zufall sein, muss es aber nicht – ein Schelm wer Böses dabei denkt. Der Presserummel ist mal wieder riesig groß und im Blätterwald ist ein breites Echo zu vernehmen. Im Sog dessen ist natürlich auch das Interesse an dem Buch nicht nur gestiegen, sondern immens groß. Natürlich können die ganzen Schlaumeier das jetzt wieder an den Pranger stellen und kritisieren. Denen kann man aber auch direkt den Wind aus den Segeln nehmen, verwerflich ist die ganze Geschichte sicher nicht und „Rocky“ hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er auch Geld verdienen möchte. So lange das Produkt stimmt, gibt es daran nichts zu deuteln. Zudem ist so eine Aussage auch mal erfrischend ehrlich. Wo andere was von einer sportlichen Herausforderung faseln und sich in große Sprechblasen hüllen bringt Rocchigiani die Sache auf den Punkt – die Kohle muss stimmen. Wer den bisherigen Weg des Boxers verfolgt hat weiß aber auch, dass er dafür eine Menge tun wird. „Rocky – Meine 15 Runden“ bekommt momentan jedenfalls die Aufmerksamkeit, die diese Autobiographie verdient hat, weil sie schlicht und ergreifend gut ist, ach was, sehr gut ist!
„Wenn ich schreiben könnte, wäre ich Schriftsteller geworden“ hat er denjenigen geantwortet, die ihn gefragt haben, ob er seine Autobiographie selbst zu Papier bringen möchte. „Natürlich habe ich mir helfen lassen“. Der Sportjournalist Ralf Grengel und der TV Boxexperte René Hiepen griffen ihm dabei tatkräftig als Autoren unter die Arme. Was die beiden allerdings gemacht haben bleibt deren Geheimnis oder sie haben es sensationell gut gemacht. Als Leser hat man nämlich zu keiner Zeit das Gefühl, dass hier irgendwelche Ghostwriter am Werke wären. Das Buch ist „Rocky“ wie er leibt und lebt, nämlich „Rocky“ pur. Vom ersten bis zum letzten Buchstaben hat man jedenfalls den Eindruck, dass der Mann hier alles selber zu Papier gebracht hat. Authentisch trifft hier durchaus den Nagel auf den Kopf.
Graciano Rocchigiani kann man sicher vieles vorwerfen, aber nicht, dass er ein angepasster und aalglatter Typ war und ist. Mit seiner Meinung hat er nie hinter dem Berg gehalten. Im Gegensatz zu einer Vielzahl seiner Sportkollegen wirkte er so zumindest immer ehrlich und authentisch und diese Seite machte ihn immer sympathisch. Es erscheint dabei nur logisch, dass er im Laufe seinen Lebens dabei auch auf ähnlich strukturierte Personen trifft und so verwundert es nicht, dass er zusammen mit der Familie Effenberg feiert oder einem 22jährigen Boris Becker zeigt was eine ordentliche Party ausmacht. Natürlich wird von diesen Begegnungen hier auch berichtet.
Und dann gibt es da auch noch den anderen „Rocky“, der immer wieder in die unglaublichsten Situationen gerät, in die er sich oftmals selber manövriert hat und nicht selten daran auch die alleinige Schuld trägt. Auch dies verschweigt er hier nicht. Der Mann scheint durchaus auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu haben und wenn er einen dicken Bock geschossen hat, dann scheint er dies zumindest auch zu wissen und einzusehen und dies kann dann auch in den Worten „Ich bin blöd“ münden, so wie er die Polizei nach Alkoholeskapaden wissen lässt. An anderen von ihm bekannten Skandalen trägt er wohl nur bedingt eine Mitschuld, jedenfalls sind seine Ausführungen in der Argumentationskette hier durchaus schlüssig und so erscheinen gewisse Dinge in einem völlig neuen Licht. Oder wie er es auch selber sagt „Ich habe nie beschissen, bin aber oft beschissen worden. Meine freche Berliner Schnauze hätte ich besser manchmal halten sollen. Es wäre mir viel Ärger erspart geblieben. Es gibt sicher Leichteres, als sich einzugestehen, dass man es selbst war, der sich immer wieder im Wege stand“.
Graciano Rocchigiani war der letzte Champion der Box-Historie, der seinen Titel in einem Kampf über 15 Runden verteidigt hat. Folgerichtig wird das vorliegende Buch auch in 15 Runden (Kapitel) eingeteilt. So erfährt man als Leser, wie die Brüder Ralf und Graciano aufgewachsen sind, wie die beiden es schon als Lausbuben faustdick hinter den Ohren hatten und sich schon recht früh für den Boxsport interessierten. Ebenso schildert er den großen Familienzusammenhalt. Übrigens ist das Buch nicht chronologisch angeordnet, sondern nach Themen. Diese Anordnung ist so geschickt, dass es dem Lesefluss nur zugute kommt. Neben Details aus der Kindheit erzählt „Rocky“ auch über seine Frauen. Ein besonderes Augenmerk kommt hier natürlich seiner Ex-Frau Christine zu. Wer allerdings erwartet, dass die berühmte schmutzige Wäsche gewaschen wird, der wird eines Besseren belehrt. Mit dem nötigen Respekt und der Würde berichtet er von dieser Beziehung – immer noch sehr liebevoll.
Seine sportliche Karriere findet hier natürlich auch die nötige Aufmerksamkeit. Der Sohn eines sardischen Eisenbiegers wird im Alter von 24 Jahren jüngster deutscher Profiboxweltmeister aller Zeiten. Zehn lange Jahre später kann er sich den WM-Gürtel nochmals umschnallen. Ein Comeback, das ihm kaum jemand zugetraut hat. Immer wieder kommt der Mann auf seine Kämpfe mit Maske und Michalczewski zurück, wobei der größere Teil der Aufmerksamkeit Maske zuteil wird. Man merkt deutlich, er mag den als Gentleman bekannten Boxer einfach nicht. Seine Schilderungen, wie er die jeweils ersten Kämpfe verloren hat sind mehr als schlüssig, man durfte dies ja auch seinerzeit am Fernsehbildschirm ungläubig verfolgen. Aber auch alle anderen Aspekte der sportlichen Karriere werden hier ausführlich und anschaulich abgehandelt (Trainer, Kämpfe, Siege, Niederlagen, Börsen, Gegner, sein Kampf gegen den Verband WBC und seine Promoter). Seine Erlebnisse in der Haftanstalt und wie es dazu kam schildert er ebenso mit vielen Details. Alles in allem bekommt man als Leser so einen umfassenden Blick wer oder was „Rocky“ ist und ausmacht und vor allem erhält man einen Blick hinter die Fassade und kann sich ein Bild vom Menschen Graciano Rocchigiani machen. Der Bilderteil aller Lebensabschnitte rundet übrigens die ganze Geschichte sehr schön ab.
Fazit: „Jegner am Boden, jutet Jefühl“ berlinert „Rocky“ über seinen Ansporn beim Boxen. Dies gilt nun auch für „Rocky – Meine 15 Runden“. Mit dieser Autobiographie dürfte er dem Berufsstand der Journalisten mindestens einen Leberhaken mitgegeben haben, wenn nicht sogar einen Sieg durch K.O. erungen haben - „Jegner am Boden“ halt. Dies schafft er durch seine ehrliche Art, seine Geschichte zu erzählen und dürfte somit sämtlichen Kritikern den Wind aus den Segeln genommen haben. Offen, geradeaus und schonungslos berichtet er von seinem bisherigen Leben und schont dabei weder sich selbst noch seine Gegner und bisherigen Weggefährten und/oder Zufallsbekanntschaften. Hier erlebt man einen Graciano Rocchigiani mit der gewohnt, wie auch liebenswerten Berliner Schnauze. In der Umsetzung ist das Buch sehr gelungen, Aufbau und Schreibstil lassen dieses bewegte Leben zu einem großen Lesevergnügen werden. Wer das Buch einmal zur Hand genommen hat, wird es erst wieder weglegen, wenn die letzte Seite gelesen ist. Nein, das Leben von Graciano Rocchigiani sollte ganz sicher nicht als Lebensentwurf dienen, dafür hat der Junge einfach zu viel Mist gebaut, das weiß er auch selber. Seinen Willen, seine Ehrlichkeit und seine Authentizität können sich aber viele mal vor Augen halten. Rückrat kann man es auch nennen und das haben sicher nicht viele zu bieten.
„Jetzt liegen sie also hinter mir, die längsten 15 Runden meines Lebens. Ein Seelenstrip, der mir in manchen Phasen mehr abverlangt hat, als ich mir zu Beginn vorstellen konnte. Denn wenn ich mein Leben offenbare, macht es keinen Sinn, mich hinter einer sicheren Doppeldeckung zu verschanzen und nur die Dinge preiszugeben, die mir selbst gefallen. Hier musste ich von Beginn an mit offenem Visier agieren, um die Glaubwürdigkeit vor mir selbst zu bewahren“. Auch diese längsten 15 Runden gewinnt er oder anders gesagt „Jegner am Boden, jutet Jefühl“!