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Gossip: 26.08.2008, Gloria, Köln

Autor: schlimm / Kommentare: Bisher keine

Nächstes Jahr ist Jubiläum, zehn Jahre Gossip. Wer hätte das gedacht? Bei uns ist die Band immer noch mehr oder weniger ein Geheimtipp, obwohl das letzte Studioalbum „Standing In The Way Of Control“ auch hier einigen Staub aufgewirbelt hat. In ihrem Heimatland USA sind Gossip auch nur den Szeneleuten und natürlich den musizierenden Indie-Kollegen bekannt. Gemeinsame Touren mit den Yeah Yeah Yeahs, The White Stripes, Sonic Youth und und und sorgten dafür, dass sie sich zumindest eine feste Fanbasis aufbauen konnten. Nun hat kein Geringerer wie Rick Rubin die Geschicke in die Hand genommen und direkt mal angeordnet, dass die Band eine Live-CD/DVD als erste Veröffentlichung für ihr neues Label (Columbia) auf den Markt bringen soll – eben weil die Band so unglaubliche Livequalitäten an den Tag legt. In UK hat man das freilich alles schon wieder viel früher gewusst und der Hype war und ist dort auch entsprechend groß. Beth Ditto wurde im Jahre 2006 vom NME sogar auf den ersten Platz der Cool List gesetzt. Wer am 26.08.2008 dem Konzert von Gossip im Kölner Gloria beiwohnen durfte, wusste spätestens jetzt warum diese Wahl so ausgefallen ist.

Bei einem Gossip Konzert sollte man im Grunde immer früh anreisen. Nein, die Sicherung eines guten Platzes steht dabei nicht ganz im Vordergrund, sondern eher um die Atmosphäre aufzusaugen und um Leute zu gucken. Köln war da keine Ausnahme. Wie könnte es auch anders sein, die Stadt scheint ja gerade zu prädestiniert für ein Konzert der Combo zu sein und die Zielgruppe müsste dementsprechend stark dort zu finden sein. Umso erstaunlicher war es, dass die Bude im Vorfeld nicht ausverkauft werden konnte. Aber auch dieser Umstand wurde dann Dank Abendkasse fast behoben. Das Publikum rekrutierte sich aus den hippen und jungen Szenegängern, den schnauzbärtigen Nerds, Schwulen- und Lesbenclubs, dem bestens informierten Indie- und Vinylfan, den Hornbrillenträgern, Beth Ditto-Doppelgängerinnen, Seitenscheitelträgern, einer japanischen Reisegruppe (die konnten ihr Glück ja kaum fassen) – ein bunter Haufen also. Die Atmosphäre war dementsprechend sehr entspannt und eine gewisse Spannung und Vorfreude war deutlich spürbar.

 

 

Um kurz nach 21 Uhr betrat dann auch die Vorgruppe Adept die Bühne. Was da über das interessierte Publikum hinwegfegte kann man eigentlich kaum einordnen. Bauhaus? Einstürzende Neubauten? Techno? Avantgarde? Oder alles zusammen? Ganz ehrlich, besonders gut war das Dargebotene nicht. Der ein oder andere im Publikum applaudierte zwar höflich, aber spätestens nach 10 Minuten fingen Adept an anstrengend bis nervig zu werden. Gut, dass der Spuk nach knapp 25 Minuten dann auch wieder vorbei war. Nathan Howdeshell alias Brace Paine stand übrigens mitten im Publikum und erfreute sich an der Vorband, die auf seinen Wunsch hin, führ ihn und Gossip eröffnen durften. Wenigstens einer hatte so seinen Spaß.

 

Die Spannung stieg von nun an fast sekündlich und entlud sich dann vollends als um kurz nach 22 Uhr endlich das Intro ertönte. Die drei Gossips plus Bassist betraten die Bühne und fegten gleich mit „Pop Goes To The World“ ordentlich los. Handeln wir kurz das unvermeidliche ab, weil Gossip eben auch für eine gewisse Ästhetik und Optik stehen. Brace Paine ist der Prototyp eines Nerds. Mit großer Hornbrille, seltsamen Seitenscheitel und amtlichem Oberlippenbart punktet er im Indiestylebuch für Queerpunks. Hannah Blilie
wiederum fällt mit ihrem Tomboy-Look und den großflächigen Tätowierungen auf. Die Haare sind allerdings wieder etwas länger und mit ihrem einnehmenden Lächeln verzaubert sie die Zuschauer. Beth Ditto - mit rotgefärbten Haaren und Pagenschnitt - hat sich (wie immer) in ein Kleid gezwängt. Das alles entspricht wenig den gängigen Kleidungscodes und das ist verdammt gut so. Die Band setzt nicht nur musikalische Trends, sondern auch optische, wie man anhand des Publikums eindrucksvoll bewundern durfte. Ein wichtiger Beitrag um allgemeingültige Konventionen aufzubrechen. Gut so!

 

Als zweiter Song kam dann schon das großartige „Listen Up!“. Beth Ditto und das Publikum waren hier schon längst auf Betriebstemperatur. Beeindruckend, mit welcher Energie die Frontfrau über die Bretter springt, hüpft, sich windet, läuft und dabei mit einer hervorragenden Gesangsleistung überzeugt. Eine unglaubliche Stimmgewalt und Kraft schallte einem von der Bühne entgegen. Beth Ditto war dabei immer Herrin des Geschehens und hatte die Meute fest im Griff. Interaktion mit dem Publikum wird bei ihr groß geschrieben und einzelne Pausen zwischen den Songs überbrückt sie gerne mal mit einigen Gesangsimprovisationen. So griff sie z.B. in die Grungeschublade, neben Nirvana dürfte man auch kurz „Even Flow“ von Pearl Jam lauschen. Immer beeindruckend und charmant vorgetragen.

 

Momentan kommt man auf Gossip Konzerten auch in den Genuss besonderer Schmankerl, da dort auch neues Material getestet wird. So natürlich auch in Köln und mit „8th Wonder“ und „Sad Songs“ durfte man neuem Material lauschen. Die Tracks sind ungewohnt und es bleibt abzuwarten, ob diese eine Bereicherung für den Gesamtkatalog der Band sind. Insgesamt scheinen diese eher grooveorientierter und nicht so hitverdächtig zu sein. Die ruhigen Passagen des Konzertes ließen dem Publikum und der Band auch etwas Zeit um die Beine wieder zu sortieren und eine kurze Verschnaufpause wurde dankbar angenommen. So durfte man in Ruhe der voluminösen Stimme von Beth Ditto lauschen. Spätestens bei „Your Mangled Heart“ ging es wieder richtig rund und Band und Publikum schenkten sich nichts.

 

Kein Gossip Konzert natürlich ohne „Standing In The Way Of Control“. Folgerichtig war auch dies dann die Zugabe. Beth Ditto sprang dazu in die Menge und lief quer durch das Publikum, welches staunend die kleine Frau mit der großen Stimme in die Mitte nahm. Eine Menge Adrenalin wurde im Gloria freigesetzt und Beth Ditto wurde zum Abschluss, im wahrsten Sinne des Wortes, auf den Händen der Fans getragen. Danach war dann Schluss – dachten viele. Die Menge hatte aber noch lange nicht genug und forderte eine weitere Zugabe ein. Die gab es dann überraschenderweise tatsächlich. Beth lies sich von Brace ein paar Griffe auf der Gitarre zeigen, was dann in einer amtlichen Improvisation mündete. Dann war aber immer noch nicht Schluss, denn die komplette Band haute noch „I Wann Be Your Dog“ von The Stooges raus. Passender konnte das Konzert nicht enden. Großartig!

 

So nett, wie sich die Bandmitglieder auf der Bühne gaben, waren sie auch später noch bei einem kurzen Gespräch. Frisch geduscht und in Bademantel(!) und mit Handtuch auf dem Kopf, standen Beth Ditto und ein sichtlich müder Brace Paine (Tee trinkend – grün) charmant und symphatisch Rede und Antwort. Sehr müde seien sie. Die Show wäre toll gewesen, aber auch an die Substanz gegangen. Bei neuen Songs wären sie immer auf die Reaktion des Publikums gespannt und mit dieser zeigten sie sich doch sehr zufrieden. Ein bisschen entspannen wollten sie noch mit der Crew und dann schlafen. Begeistert zeigten sie sich auch von Köln. Entspannung und Schlaf hatten sie sich wirklich redlich verdient.

 

Fazit: Wie stellte doch ein 50-60jähriger Konzertbesucher so treffend fest? „Ich war schon auf einer Menge Konzerten, aber nach denen (Gossip) hat man gar keine Lust mehr sich was anderes anzugucken“. Was Besseres kann man in den Clubs dieser Welt momentan wohl wirklich kaum sehen. Der heißeste Scheiß? Zumindest die heißeste Club-Liveband dieser Tage! Wer Gossip noch nicht gesehen hat, der sollte das aber ganz schnell nachholen! Wann steht noch mal die nächste Tour an? Bitte mehr davon!

http://alternative.allmybands.de/bands/gossip

 
(Soundbase bedankt sich für die freundliche Unterstützung bei Sony BMG, ganz besonders bei Nina Scheffer und natürlich bei Gossip!)

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