Endlich, endlich gibt es neue Kost von Die Ärzte. Ein neues Gericht war nach vier Jahren ja auch mal längst überfällig. Wie man dieser Tage allerorten lesen kann, gab es allerdings Zeiten, wo es nicht sicher war, ob die Drei jemals wieder vereint am Herd stehen würden. Die Kommunikation war wohl nicht immer die allerbeste. Wie dem auch sei, dies scheint Vergangenheit zu sein. Dafür haben sie nun fast alles in Eigenregie gemacht. Die Produktion haben Die Ärzte direkt selbst in die Hand genommen. Die Bilder im Booklet wurden dann auch kurzerhand per Selbstauslöser gefertigt. „Viele Köche verderben den Brei“ trifft hier eindeutig nicht zu!
Was jammert die gesamte Musikindustrie immer rum. Jeden Monat wird eine neue Kuh durchs Dorf getrieben und die Verkaufszahlen erreichen immer wieder neue Tiefpunkte. Schuld daran sind natürlich die bösen, bösen Downloader, meist in der relevanten jungen Zielgruppe zu finden. Ist denn auch schon mal wer auf die Idee gekommen, dass die ganze Kiste auch eine Qualitätsfrage sein könnte? Vielleicht wird ja auch konsequent an den Bedürfnissen des potenziellen Käufers vorbeiproduziert?! Das Gesamtpaket dürfte dafür entscheidend sein und ein liebloses Cover und Booklet tragen nicht unbedingt zur Kaufentscheidung bei. Was das alles mit den Die Ärzte zu tun hat? Eine ganze Menge!
Was die Drei sich zu ihrem neuerlichen Album wieder ausgedacht haben macht einen erstmal wieder sprachlos. Dass Die Ärzte ihre Scheiben immer gerne in opulenter Aufmachung präsentieren ist ja kein Geheimnis, vom Plüschtäschchen bis zur Blechdose war schon alles dabei. „Jazz ist anders“ wird im Pizzakarton geliefert. Wahnsinnsidee! Klappt man diesen dann auf findet man das Album und die beiliegende EP in Pizzaoptik vor. Selbstverständlich liegt auch ein üppiges Booklet bei, mit allen Informationen die es braucht. Seht ihr, liebe Musikindustrie? So wird das gemacht! So ein feines Teil will jeder nämlich im Original haben. Die Ärzte sind also nicht nur die beste Band der Welt, sondern nun auch noch die klügste Band der Welt. Geahnt hat man es schon immer.
Musikalisch passt der Titel definitiv. Jazz ist in der Tat anders. Wobei man an dieser Stelle auch mal eine Lanze für die drei Jungs brechen muss. Schaut man sich die gesamte Karriere an, dann wird man eine enorme Entwicklung feststellen können. Nein, die Band hat nicht immer wieder den einen Song neu aufgenommen, eine stetige Entwicklung kann man da durchaus erkennen. Mittlerweile zieht auch die Koketterie mit beschränkten musikalischen Fähigkeiten nicht mehr. Die Drei wissen schon ganz genau was sie machen und haben auch ein feines musikalisches Händchen – das dürfte eine unbestrittene Tatsache sein.
Was ist an der Scheibe denn nun anders? Insgesamt klingen die 16 Tracks als wenn die Band am Ende einer Entwicklung angekommen wäre und nun erwachsen geworden ist. Keine Angst, hier und da blitzt natürlich der berühmte Die Ärzte Witz und Schabernack durch. Trotzdem verfolgt die Band einen zum Teil recht ernsten Ansatz. Die Texte sind hier und da von einer depressiven Note durchzogen. Überhaupt die Texte. Ist das die Weisheit des Alters? Oder der unerschöpfliche Fundus aus drei bewegten Leben? Die ein oder andere Sternstunde ist hier schon vertreten und gehört zum Teil mit Sicherheit zum Besten, was die Band in ihrer langen Karriere zustande gebracht hat. Musikalisch regiert hier eine große Vielfalt. Vom auf den Punkt gebrachten Rocker bis zur fein arrangierten Ballade ist alles vertreten.
Das Album beginnt mit dem sehr schönen Farin Urlaub Track „Himmelblau“, der sich langsam aufbaut und insgesamt textlich und musikalisch eine fast nicht gekannte Reife und Ernsthaftigkeit an den Tag legt. In diesem Fahrwasser ist auch der anschließende Bela B. Song „Lied Vom Scheitern“ angesiedelt. Schnörkellos und auf den Punkt gebracht – sehr guter Albumauftakt. Komplettiert wird dieser von der anschließenden Rod Nummer „Breit“. Diese hat allerdings wieder die feine Ironie zu bieten, die man eigentlich von Farin und/oder Bela kennt. Danach folgt mit „Lasse redn“ eine Sternstunde des Herrn Urlaub. Der Text über all´ die Waschweiber dieser Welt passt sowieso wie Arsch auf Eimer. Eingebettet wird dieser in ein astreines Popgewand mit Fröhlichkeitsfaktor, was in der Summe dann bitterböse anmutet. Die Zusammenarbeit „Die ewige Maitresse“ von Rod und Bela rockt solide, geht aber fast ein bisschen unter. Mit der schon bekannten Single „Junge“ folgt nämlich gleich der nächste Höhepunkt. Inhaltlich dürften die dort gehörten Worte sicher dem ein oder anderen bekannt sein. Die Ballade „Nur einen Kuss“ überrascht den Hörer ein weiteres Mal. Wo einst Klospülungen den Ernst auflockerten, nimmt die Geschichte hier einen tragischen Verlauf und endet mit einer schwarzen Wendung – nein, das Lachen bleibt einem hier im Halse stecken und Farin Urlaub glaubt nicht mehr an die Liebe. Puh, schwerer Tobak. Aber auch Bela B. fragt sich anschließend, warum nicht alles „Perfekt“ sein kann. Allerdings wird es hier wieder etwas heiterer, musikalisch sogar von einer Orgel aufgelockert.
„Heulerei“ eröffnet die zweite Albumseite als Rocker direkt auf den Punkt gebracht. Was passiert wenn man den Partner wirklich verlässt? Die Antworten auf diese Frage gibt es hier. „Licht am Ende des Sarges“ ist das typische Bela B. Vampirhorrorlied? Nein, ab jetzt gibt es den lustigen Vampir, Erwartungen werden eben nicht mehr erfüllt. „Niedliches Liebeslied“ klingt vom Gesang zwar etwas blechern, aber wenn man sich daran gewöhnt hat, dann bleibt einem auch hier wieder der Mund offen stehen. Eine weiteres Liebeslied? Ernsthaft? In der Tat, so ist es! Und wir stimmen alle mit ein „Sing shalala und shalalu". Wer ist denn frisch verliebt? Rod oder Bela? Oder beide gleichzeitig? Ist aber auch egal, wenn dies als Inspirationsquelle für ein solches Stück dient. „Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)“ groovt ordentlich drauflos. Genau die richtige Nummer nach den Liebesbekundungen. Die Ärzte entdecken hier den Funk für sich. Unweigerlich wird dem Hörer ein dickes, fettes Grinsen ins Gesicht gezaubert. Eine weiteres großartiges Lied. „Allein“ eröffnet mit AC/DC Glocken, entwickelt sich dann zur soliden Ärzterocknummer ohne sonderliche Höhepunkte und Schwachstellen. „Tu das nicht“ befasst sich mit der Raubkopierthematik. Ein eher nerviger Auftakt geht dann in eine amtliches Rockstück über, bevor es wieder ruhiger wird und der typische Die Ärzte Witz zum Vorschein kommt. „Living Hell“ ist ein weiterer Höhepunkt der Scheibe. Hier verarbeitet wohl einer seine Midlife-Crisis. Und wer jetzt denkt, dass es zum Schluss hin aber noch brüllermäßig lustig wird, der wird staunen. „Vorbei ist Vorbei“ ist musikalisch ein weiterer Ohrwurm, thematisch aber erneut sehr ernsthaft.
Als Bonusmaterial bekommt man noch eine EP obendrauf, wo jeder der Drei die beste Band der Welt besingt. Man sollte sich allerdings die Zeit nehmen und vielleicht nach einem Hidden Track suchen, es könnte sich durchaus lohnen!
Fazit: Wer jetzt die neue Ernsthaftigkeit der Die Ärzte bemängelt sollte vielleicht mal genauer hinhören, denn die Drei glänzen hier und da mit einer großen Portion Ironie. Außerdem wird von einem Künstler ja auch immer eine Weiterentwicklung erwartet. „Jazz ist anders“ hat diese eindeutig zu bieten. Vielleicht hat sich die Band auch nur weiterentwickelt und der geneigte Hörer kommt nicht so schnell mit. Zudem braucht die Scheibe auch Zeit, sie muss reifen wie ein guter Wein. Die Blödelei ist nicht mehr ganz so offensichtlich und hier und da wirkt ein philosophischer Ansatz für die drei Ärzte wie eine Frischzellenkur. „Jazz ist anders“ ist ein ganz formidables Gericht geworden und weit davon entfernt eine Billigpizza zu sein. Man muss nur aufpassen, dass der Dauergenuss nicht allzu dick macht…die Suchtgefahr ist jedenfalls groß…darauf 10 Salamis!