In den 90ern war alles möglich. In den 90ern waren dEUS Helden und stellten die Hörgewohnheiten von Indienerds nicht nur auf die Probe, sondern auch noch auf den Kopf. Hach, was waren das noch für Zeiten, wo man diese geniale Band in irgendeinem kleinen Club in der Nacht um 2 Uhr bei der Arbeit bewundern durfte. Mit „Worst Case Scenario“ und „The Ideal Crash“ hat die Band zwei Genreklassiker abgeliefert, die eigentlich in keiner gut sortierten Indiesammlung fehlen sollten.
Seit diesen seligen Tagen ist viel passiert. Besonders das Karussell der Bandmitglieder drehte sich immer schneller. Der Kopf und Chefdenker Tom Barman könnte die ganze Geschichte mittlerweile gut und gerne auch unter seinem eigenen Namen laufen lassen. Wenn man mal die heutige Besetzung von dEUS mit der zu Beginn der Karriere vergleicht, dann tun sich da leider Welten auf. Nein, die neuen Mitstreiter von Tom Barman sind alles andere als schlechte Musiker, aber das kreative Potenzial war doch größer, als die Band nur aus einer Ansammlung Knallköppe bestand, die sich kreativ gegenseitig zu Höchstleistungen antrieben. Leider hört man das „Vantage Point“ auch an. Trotzdem ist „Vantage Point“ natürlich keine schlechte Platte, denn Tom Barman hat immer noch musikalische Visionen, von denen andere nur träumen können. Zudem haben dEUS mit den schon genannten Alben die Messlatte natürlich auch sehr hoch gelegt.
Eine simple und doch so wirkungsvolle Idee hat z.B. der Albumopener zu bieten. „When She Comes Down“ wartet in den Strophen mit einem funkigen Rhythmus und einem Tom Barman auf, der sich an Sprechgesang versucht. Der Refrain ist das komplette Gegenteil und sehr melodisch. Sehr guter Einstieg! „Oh You God“ bietet sehr viel Gitarrenhall und kommt ein Spur krachiger und zackiger aus den Boxen. Der Refrain ist freilich wieder sehr eingängig und mit allerlei musikalischem Brimborium unterlegt.. „Eternal Woman“ ist eine wunderschöne, konventionelle Ballade - weder kitschig, noch schmalzig! Die Frauenzweitstimme veredelt die Nummer sehr schön. Gänsehautmomente! „Favourite Game“ kann da leider nicht unbedingt mithalten, zielloses Gerocke, erinnert in den Strophen sogar zum Teil an Nine Inch Nails, allerdings kann Trent Reznor das einfach besser. „Slow“ lässt fast schon Gedanken an die Großtaten der vergangenen Tage zu. Es gibt ja noch eine andere Seite von dEUS. Mit „The Architect“ zeigen sie sich extrem tanzbar und bereit die Clubs dieser Welt zu erobern. Daumen hoch! „Is A Robot“ knüpft daran leider nicht an, sondern ist ein weiterer Track im Rockgewand. Sicherlich kann man auf die Nummer am ehesten verzichten. Toll ist, was dann mit der Scheibe passiert. Nach hinten raus hat Tom Barman nämlich ein paar richtig starke Nummern gepackt. „Smokers Reflect“ entpuppt sich mit seiner schönen Melodie regelrecht als Ohrwurm, „The Vanishing Of Maria Schneider“ erinnert fast schon an die Beatles in ihrer psychedelischen Phase und „Popular Culture“ hat neben einer tollen Melodie dann sogar noch einen ganzen Chor zu bieten. Was für ein Albumabschluss!
Fazit: „Vantage Point“ zeigt über weite Strecken, dass Tom Barman mit einem außergewöhnlichen Talent gesegnet ist. Hin und wieder blitzt durch, dass der Mann ein kleines Genie ist. Auf der anderen Seite sind leider auch ein paar verzichtbare Momente auf dem Album enthalten. Aber wer hat schon ein weiteres Meisterwerk von A bis Z erwartet? So lange es dEUS immer noch drauf haben den ein oder anderen großartigen Moment zu erschaffen, sollen sie bitte noch viele Alben aufnehmen!
Eine schöne E-Card inkl. Prelistening, Videos etc: http://www.cityslang.com/ecards/deus