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Debbie Nelson: Mein Sohn Marshall, mein Sohn Eminem

(Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)

Autor: schlimm / Wertung: 8 von 12 Punkten / Kommentare: Bisher keine

Mit Debbie Nelson möchte sicher keine Mutter tauschen. Sie war und ist für viele Jugendliche der USA das Hassobjekt schlechthin. Fans von Eminem machten ihr bisweilen das Leben zur Hölle. Beschimpfungen waren da noch das geringste Übel. Debbie Nelson ist die Mutter von Marshall Mathers, der Welt besser bekannt als Eminem. Er ist Amerikas Albtraum, wird als neuer Elvis gehandelt und der Superstar der Rappszene. Seine Mutter kam aufgrund seiner Texte und Äußerungen in der Öffentlichkeit über sie nicht sonderlich gut weg, wodurch sich dann die Anfeindungen erklären. Der Kontakt zwischen Mutter und Sohn ist über die Jahre sicher nicht besser geworden und mittlerweile herrscht komplette Funkstille.

Natürlich war die Sichtweise bisher recht einseitig und es gibt ja immer zwei Seiten der Medaille und ob Debbie Nelson wirklich die Person ist, für die sie gehalten wird, sei mal dahingestellt. Dementis gab es von ihrer Seite immer wieder viele. Entweder verhallten diese ungehört oder Journalisten verdrehten laut ihrer Aussage die Tatsachen komplett. Seit dem Film „8 Mile“, wo Kim Basinger die Mutter von Eminem darstellte, hat sowieso jeder ein festgefahrenes Bild von Debbie Nelson. Dass es sich dabei um eine rein fiktive Darstellung handelte, interessiert sowieso niemanden mehr.

Was also tun? Was liegt da näher, als die Fakten aufzuschreiben? In dem vorliegenden Buch beschreibt Debbie Nelson nun „Die Wahrheit über mein Leben als Eminems Mutter“, wie zumindest der Untertitel verspricht. Enthalten die knapp 256 Seiten denn nun wirklich die Wahrheit? Sind dies alles Fakten? Oder doch Fiktion? Wer das Buch gelesen hat, wird diese Fragen sicher nicht abschließend beantworten können, denn als Außenstehender kann man schließlich schlecht beurteilen wie sich die Dinge tatsächlich ereignet haben. Es wird natürlich auch wieder Stimmen geben, die Debbie Nelson nun vorwerfen werden, sich letztlich durch die Prominenz ihres Sohnes mittels diesem Buch bereichern zu wollen. Entkräften kann man dies freilich nicht. In Zeiten, wo es um Eminem etwas ruhiger geworden ist und es bis auf ein kostenloses Mixtape kaum ein Lebenszeichen gibt, kommen diese Enthüllungen natürlich gerade recht und dürften ein gefundenes Fressen für die Presse sein.

Als Leser sollte man sich auch vor Augen halten, dass es sich hier in erster Linie um ein Buch von und über Debbie Nelson handelt. Eminem ist natürlich das Thema, in erster Linie aber als Sohn Marshall. Wer sich hier also neue Enthüllungen über den Superstar erwartet, wird enttäuscht werden. In erster Linie handelt es sich um ein Buch, welches die komplexen, wie auch tragischen Beziehungen einer Familie schonungslos offen legt. Zum Teil ist es schon erschütternd zu lesen, welche Tragödien und Dramen sich rund um diese Familie abgespielt haben. Es dürfte daher kein Wunder sein, dass die einzelnen Protagonisten einige traumatische Erlebnisse zu verarbeiten haben. Eins fällt auf den 256 Seiten allerdings deutlich auf: Debbie Nelson selber scheint selten die Schuld für die verschiedensten Ereignisse zu treffen, sie präsentiert sich hier gerne in der Rolle des Opferlamms. Sie versucht ebenso immer wieder herauszuarbeiten, dass sie eine liebende und liebevolle Mutter war und ist. Als Leser nimmt man dies fast emotionslos zur Kenntnis, da es irgendwann schon ein bisschen dick aufgetragen wirkt.

Debbie Nelson berichtet über ihre schwierige Kindheit, ihre Beziehungen zu Männern und wie sie mit diesen immer wieder auf die sprichwörtliche Nase gefallen ist, dass ihr Bruder zu Unrecht verurteilt wurde, weil er den Schwager angeblich in Notwehr erschossen hat (später kam er aus nicht geklärten Umständen selber ums Leben, Selbstmord scheint fraglich), von der schwierigen Beziehung zu ihrer Schwiegertochter Kim, die sie eigentlich wie eine eigenen Tochter angesehen hatte und wie sich letztlich ihr Sohn Marshall von ihr entfernt hat. Zwischendurch wurde ihr für ihren jüngsten Sohn Nathan das Sorgerecht entzogen. Die Frau hat also einiges erlebt und durchgemacht, nur irgendwie scheint sie nie selber dafür verantwortlich zu sein und die Schuld liegt irgendwie immer bei anderen. Es kann so sein, muss es aber nicht! Vermutlich hätte hier jeder Psychologe seine helle Freude. Interpretationsmöglichkeiten gibt es jedenfalls viele.

Auf der anderen Seite kann man das geschriebene Wort auch einfach lesen, ohne, dass man an allen Ecken und Enden nach einer Interpretation sucht. Ebenso geht dies als eine liebevolle Hommage einer Mutter an ihre Söhne durch. Losgelöst von allen Schlagzeilen, die es rund um Eminem und seine Mutter gab, funktioniert dieses Buch nämlich auch als erschütternde Zustandsbeschreibung einer Familie, die nicht gerade vom Glück verfolgt war und mit der man auf keinen Fall tauschen möchte.

Fazit: Die Gedanken, die von Debbie Nelson zu Papier gebracht wurden, lassen sich sehr gut lesen und wenn man das Buch einmal zur Hand genommen hat, möchte man es auch in einem Rutsch verschlingen. Als Leser bekommt man so einen anderen Blickwinkel der Familien-Geschichte der Mathers. Und nach all den Anfeindungen, denen sich die Mutter von Eminem in der Öffentlichkeit aussetzen musste, hat sie auch das verdammte Recht mal ihre Sicht der Dinge zu schildern – egal, ob sie sich hier in der Opferrolle präsentiert oder nicht. Unter dem Strich ist dieses Buch nicht nur für Eminem-Fans interessant, da man es auch als Buch über eine amerikanische Familie am Rande der Gesellschaft verstehen und lesen kann! Vielleicht nähern sich Sohn und Mutter durch dieses Buch wieder an - wäre den beiden zu wünschen!

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