Constanze S. taucht als Jugendliche in die Punk- und Drogenszene ihres Heimatort „Dopingen“ ein, lässt zwar selber die Finger von Drogen, erlebt aber hautnah den Verfall und das Elend, das mit dem Konsum von Chemiedrogen und vor allem Heroin einher geht. Die einen schaffen den Absprung, die anderen setzen sich irgendwann den goldenen Schuss oder gehen anderweitig vor die Hunde. Constanze S. erleidet ein anderes Schicksal: Ihr Augenlicht wird immer schlechter bis sie irgendwann vollkommen erblindet. Doch davon handelt ihr Buch nicht, auch wenn sie ihren Zustand hier und da (allerdings ohne Selbstmitleid) schildert. Märchenland im Müll stellt vor allem eine Sammlung von Anekdoten dar, ein persönlicher Erfahrungsbericht einer Jugend unter Paradiesvögeln, die das Paradies längst hinter sich gelassen und auf dem direkten Weg in ihre private Hölle sind.
Und so führt einen der Titel Märchenland im Müll auch etwas in die Irre, denn für den Hörer bleibt es bis zuletzt unerklärlich, warum Constanze S. sich jahrelang in diesem Umfeld aufgehalten hat. Sie versucht zwar immer das Positive dieser Zeit in Worte zu fassen, aber die einzelnen Anekdoten sprechen eine andere Sprache: Gewalt gegen sich selbst und andere, statt Liebe Egoismus und statt Tiefe oberflächliches Gestammel. Statt mit ihrem Buch Verständnis für die Punk- und Drogenszene wird sie eher Distanz und Ablehnung schaffen.
Der Hörer in der Rolle des Voyeurs, der aus sicherer Entfernung eine Welt erlebt, der er ansonsten fern ist, wird sich der Faszination des Geschilderten allerdings nicht entziehen. Was Constanze S. beschreibt, ist erlebt, und macht es dadurch erst wirklich interessant. Ihre schmerzhaften Geschichten über sadistische, hyperaktive Punks, über drogensüchtige Kinder, die sich ihren nächsten Schuss auf dem Strich verdienen, und morbid-schöne Heroin-Prinzessinnen wissen zu fesseln. Auch wenn ihre Sprache dabei häufig zu pathetisch ist und überläuft von Metaphern und Vergleichen. Dem Thema wäre ein nüchterner Stil angemessener gewesen als ein von durchschnittlichen Gothic-Texten geprägter Sprachgebrauch.
Erzählerin Marion Alexa Müller merkt man zudem leider an, dass sie keine erfahrene Hörbuchsprecherin ist. Ihre Betonungen sind häufig falsch, ihre Pausen zu lang und ihre Interpretation fragwürdig. Da Märchenland in Müll zu Beginn recht lahm und schwulstig beginnt, stellt der Einstieg zusammen mit ihrer Stimme eine große Hürde dar. Allerdings gewöhnt man sich an ihre Art recht schnell und manche Stellen bereichert sie durch ihren laienhaften, unkonventionellen Stil sogar. Zu Beginn allerdings war ich vor allem wegen ihr kurz davor, vorzeitig aus dem Hörbuch auszusteigen.
Um den Hörbuch ein Mehr mitzugeben, lässt man an zahlreichen Stellen diverse Genrebands aufspielen. Gute Idee. Auch wenn die Musik nicht immer das Gelbe vom Ei ist, verleiht sie der Geschichte noch mehr Authentizität.
Auch wenn es nicht so klingen mag, so gefällt Märchenland in Müll bis auf den zähen Anfang. Die Geschichten zwingen zum Weiterhören, sprechen das Gaffer-Gen in einem an. Wer sich dessen nicht schämt, sollte hier einmal reinhören bzw. reinlesen.