Chris Martin erzählt dieser Tage ja gerne mal, dass Coldplay „nur“ die siebtbeste Band der Welt seien. Was sich auf den ersten Blick wie ein (kalkuliertes) Understatement liest, wirkt in Zusammenhang mit dem neuen Album „Viva La Vida“ wie komplette Selbstüberschätzung. Coldplay wähnten sich wohl auch am Scheideweg und sind an dem Punkt angelangt sich „neu erfinden“ zu müssen. Neue Wege sollten beschritten werden und herausgekommen ist ein Album, welches zu sehr bemüht ambitioniert klingt. Als Produzent holte man sich direkt Brian Eno an die Regler und auch beim Artwork hat man sich bemüht künstlerisch zu wirken. Worum man sich anscheinend nicht bemüht hat sind die Songs. Bei allem künstlerischen Anspruch sind da elementare Dinge auf der Strecke geblieben.
Natürlich blitzen hier und da immer noch die großartigen Momente durch, die es besonders auf den ersten beiden Alben gab. In seiner Gesamtheit gesehen klingt „Viva La Vida“ wie der Versuch in die Fußstapfen von Radiohead zu treten, die den Spagat zwischen Weiterentwicklung, künstlerischem Anspruch und großartigen Songs bis hin zu wundervollen Klanglandschaften tatsächlich immer wieder auf ein Neues hinbekommen. Coldplay scheitern daran fast schon kläglich. Zum Teil klingt das dann wie bei „42“ fast schon wie ein schreckliches Plagiat.
Dem Albumopener „Life In Technicolor“ muss man keine weitere Beachtung schenken (so nebenbei gefragt: Was soll so was?). „Cemeteries Of London“ startet das Album dann recht solide und annehmbar, bevor „Lost!“ sich anschließend zu einem der besten Tracks der Scheibe aufschwingt. Hier funktioniert die Experimentierfreudigkeit mit vertrauten Coldplay-Klängen sehr gut und selbst die Kirchenorgel fügt sich wunderbar in den Gesamtsound ein. Chris Martin ist sogar zu einer völlig anderen Klangfarbe seiner Stimme fähig, wie er eindrucksvoll bei „Yes“ unter Beweis stellt. Klingt die Nummer zuerst recht spannend, entwickelt diese sich doch recht schnell zu einem quälend langweiligen Song, da helfen auch die orientalischen Klänge nicht. „Viva La Vida“ und „Violet Hill“ sind im Doppelpack äußerst gelungen. „Strawberry Swing“ und „Death And All His Friends“ lassen das Album anschließend leider quälend langweilig bis einschläfernd ausplätschern.
Was man Coldplay hoch anrechnen muss, dass sie nicht nur über Weiterentwicklung reden, sondern diese auch tatsächlich in Angriff genommen haben. „Viva La Vida“ hat in allen Belangen einen künstlerischen Anspruch, dies reicht sogar bis hin zur Trackliste. Hier bekommt man weitaus mehr als die zehn Songs geboten, die namentlich aufgeführt sind. Die Scheibe dürfte garantiert die Lager spalten. Die Einen werden sich nicht mehr einkriegen und das Teil in den höchsten Tönen loben und den anderen klingt es vermutlich zu bemüht. Die Melodien und gewöhnlichen Songstrukturen sucht man hier zum Teil vergeblich. Vielleicht werde ich erst in ferner Zukunft erkennen, welcher großartige Kunstgriff Coldplay da gelungen ist, bis dahin ist „Viva La Vida“ für mich leider nur überambitionierte Kunstkacke mit einigen wirklich tollen Momenten…

Tja, manchmal hat man Tomaten nicht nur auf den Augen, sondern auch auf den Ohren, denn mittlerweile hat mich der überwiegende Teil der Scheibe mehr als überzeugt. Vielleicht ist es aber auch eines dieser Alben, die mit der Zeit wachsen und reifen. Immer noch Kunstkacke – aber gute!