Woran merkt man, dass bald die Weihnachtszeit vor der Tür steht? Weil der Weihnachtsmann anfängt seinen Schlitten zu packen und das Christkind schon mal die Weihnachtsplätzchen vorbereitet? Auch, aber für alle Musikinteressierten bricht nun die Jahreszeit an, wo wieder unzählige „Best Of“ und „Greatest Hits“ Sammlungen die CD-Abteilungen überfluten werden. Manche machen Sinn, andere weniger, viele sind lieblos zusammengeschustert worden, wieder andere lassen das Sammlerherzchen höher schlagen. Celine Dion ist dieses Jahr ebenfalls an der Reihe die Welt mit einem Rückblick ihres Schaffens zu erfreuen.
Dies ist allerdings keine Werkschau. Dafür hat die Frau auch schon eindeutig zu viele Alben aufgenommen. Sie hat sich schon immer als französischsprachige Sängerin gesehen und dementsprechend auch schon mehr Alben in ihrer Muttersprache aufgenommen – ihr Debüt ist bereits im Jahre 81 erschienen. Erst neun Jahre später veröffentlichte sie erstmalig ein englischsprachiges Album. Über 200 Millionen Alben hat sie mittlerweile an die Frau und an den Mann gebracht. Ihre beiden Werke „Falling Into You“ und „Let’s Talk About Love“ konnten jeweils mehr als 30 Millionen Einheiten absetzen – Wahnsinn!
Über die Frau selber muss man vermutlich nicht mehr viel sagen bzw. schreiben. Fakt dürfte sein, dass eine Vielzahl an Menschen eines ihrer Alben zu Hause im Regal stehen hat. Trotzdem scheint es so, dass man sie entweder mag oder nicht. Sicher, die Musik von Celine Dion ist – bei aller gesanglichen Klasse – durchzogen von Schmalz und Kitsch. Vielleicht spricht genau diese Mischung die Leute an. Jedenfalls ist sie immer dann am stärksten, wenn sie eben genau dieses Attribut in die Waagschale schmeißen kann. Die ein oder andere Nummer wird dann noch schnell zum Bombast aufgeblasen und schon sind viele Herzen erobert. Schlimm wird die ganze Kiste allerdings, wenn sie versucht einen auf Dance-Queen zu machen und ihre Songs mit furchtbaren Beats unterlegt sind.
Davon kann man sich nun auf der vorliegenden Doppel-CD überzeugen. 38 Songs zeigen, dass Celine Dion ganz sicher irgendwo eine Ausnahmekünstlerin und –sängerin ist. Man kann es sich natürlich an dieser Stelle einfach machen und ihre Musik komplett in der Luft zerreißen – nur so einfach ist es nicht. Zum einen scheint man so ziemlich jeden Hit von Celine Dion zu kennen, selbst solche, die man nicht unbedingt mit ihr in Verbindung bringt. Zum anderen weiß die ein oder andere Nummer wirklich zu gefallen – ehrlich. Ich muss gestehen, dass ich für meinen Teil überrascht war, was mir von der Frau alles so geläufig ist.
Der Schmachtfetzen „My Heart Will Go On“ aus dem Titanic-Film kann vermutlich keiner mehr hören, aber fehlen darf er auf einer solchen Zusammenstellung natürlich nicht und so eröffnet die Nummer hier das Hitfeuerwerk – anders kann man das Gehörte nämlich nicht bezeichnen. „Think Twice“ aus dem Jahre 92 kennt jeder und zumindest für mich ist das ein Song, der auf ewig in den Giftschrank gehört und mit dem man/ich eben Celine Dion verbinde/t. Dafür passt irgendwie der Bombast von „It´s All Coming Back To Me Now“ aus der Feder von Jim Steinman hervorragend zur Jahreszeit und Meat Loaf hat das auch nicht besser auf die Reihe bekommen. „A New Day Has Come“ hat zwar furchtbar billige Beats im Hintergrund, aber an einem kalten Winterabend verfehlt der Songs sicher nicht seine Wirkung. Kitsch? Schmalz? Ganz sicher sogar! Aber mit dieser Eloquenz muss man das auch erstmal aufnehmen.
Mit „My Love“ darf man dann sogar einem Livesong aus der Feder der Allgegenwärtigen Linda Perry lauschen – aufgenommen in Stockholm im Juni 2008. Überhaupt ist es immer wieder überraschend, wer schon alles mit Celine Dion gearbeitet hat oder sich als Songschreiber verdingt hat. Das nervige „Taking Chances“ hat beispielsweise Dave Stewart zusammen mit Kara DioGuardi geschrieben. „The Power Of Love“ von Jennifer Rush dürfte auch so ziemlich jeder kennen. Dies war zudem die erste Nummer, mit der Celine Dion in englischer Sprache Erfolg hatte. Auch das wunderbare „Because You Loved Me“ aus dem – man sagt dazu auch gerne – Erfolgsalbum „Falling Into You“ fehlt hier ebenso wenig wie das Duett „Tell Him“ mit Barbara Streisand von „Let´s Talk About Love“.
Ganz grausam ist dagegen ihre Interpretation von „I Drove All Night“. Wer auch immer für diesen Kirmesbeat verantwortlich ist, sollte in Zukunft aber einen ganz großen Bogen um die Regler machen. Das gilt auch für das furchtbare „I´m Alive“. Besser sind da die melancholischen Stücke vom Schlage „All By Myself“ oder „Alone“, die sich auch auf jedem Kuschelrocksampler gut machen. Muss man nicht gut finden – darf man aber durchaus! Selbstverständlich darf auch der Megaknaller „Beauty And The Beast“ aus dem gleichnamigen Film nicht fehlen. Wer war seinerzeit davon nicht berührt? Natürlich gibt es auch neues Material, wie z.B. „There Comes A Time“ aus dem Jahre 2008. Der Song kann mit dem übrigen Material allerdings nicht mithalten.
Irgendwer sollte Frau Dion allerdings endlich mal von der ein oder anderen Coverversion abhalten. „River Deep, Mountain High“ ist dann auch entsprechend in die Hose gegangen. War 1996 schon ein Griff ins Klo und ist es heute immer noch. Mit „Pour Que Tu M´Aimes Encore“ gibt es dann auch eine Nummer von ihrem French Album zu hören, für das Mainstreampublikum sicherlich neu – gefällt. Was auffällt - Celine Dion ist die geborene Balladenkönigin. „Have You Ever Been In Love“ gefällt einfach wesentlich besser wie so eine orientalisch angehauchte Bankrotterklärung „Eyes On Me“. Manchmal ist es natürlich auch zu viel des Guten („Seduces Me“). Ihre ersten englischsprachigen Versuche waren zudem recht unscheinbar („Love Can Move Mountains“). Beendet wird die ganze Geschichte mit dem Duett „The Prayer“, wo sie sich mit Andrea Bocelli anschmachten darf.
Fazit: Ein Album von Celine Dion muss man nicht unbedingt im Schrank stehen haben. Auch, wenn man mit ihrer Musik so rein überhaupt nichts anfangen kann, wird es doch den ein oder anderen Song geben, den man von ihr mögen wird. Gut, manch einer wird sich das nur im stillen Kämmerlein eingestehen, aber letztlich hat die Frau schon die ein oder andere – vornehmlich balladeske – Nummer aufgenommen, die wirklich gut ist. Noch nie schien ein „Best Of“ Album so viel Sinn zu machen wie hier!