Carl Carlton And The Songdogs sind in Köln um ihr neustes Album „Songs For The Lost And Brave“ zu promoten und ihm Rahmen eines Clubkonzertes live vorzustellen. Carl Carlton war so nett und nahm sich vorher die Zeit uns Rede und Antwort zu stehen. Wir trafen auf einen sehr sympathischen und authentischen Menschen, der sich nicht hinter den üblichen Worthülsen versteckte. Carl Carlton lebt und liebt Musik und dies merkt man einfach!
Hallo Carl, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für uns nimmst!
Sehr, sehr gerne.
Schon aufgeregt, die neue Platte „Songs For The Lost And Brave“ heute den Fans vorstellen zu dürfen?
Ja, weil die Gigs waren so spontan und es ist doch ein großes Werk, muss ich sagen, um das musikalisch mit so wenigen Probetagen umzusetzen. Ich brock mir dann auch immer noch ein, dass die Texte so extrem lang sind und meine Ethik lässt ja keinen Teleprompter zu. Das ist alles schon eine Herausforderung in der Kürze der Zeit. Aber ich liebe diese Band und ich freue mich richtig mit den Jungs wieder auf der Bühne zu stehen.
Werdet ihr denn viele Songs vom neuen Album spielen?
Schon! Das wird insgesamt eine gute Mischung werden. Das wird, denke, ich auch ziemlich lang werden, schon so zwei Stunden. Hoffentlich sind die Leute dann nicht überfordert, aber wenn man schon die Chance hat, die neuen Songs zu spielen, dann nehmen wir das natürlich auch gerne mit, die richtige Tour ist ja erst nächstes Jahr.
Die neuen Songs scheinen ja wie für die Bühne gemacht zu sein. Habt ihr große Teile der Scheibe direkt live eingespielt?
Ja, ja hier im Booklet sieht man das wunderbar. So haben wir gearbeitet. Es kamen später noch ein paar Chöre oder Mandolinen dazu – wie Robert Palmer gesagt hat „the decoration - aber sonst haben wir live gearbeitet. Dieser Raum hatte unglaublich viel Charakter und es war viel – das klingt jetzt so hippiemäßig – aber da war so viel Liebe und so viel Gastfreundschaft von Levon und Woodstock. Das spielt alles in die Songs mit rein. Zudem haben früher alle so gearbeitet z.B. Orchester und wenn das Gefühl und der Take richtig ist, dann soll es so sein. Kleine Fehler und so haben wir dann auch nicht ausgebessert, sondern die sind jetzt einfach so drin.
Wie kam es dazu, dass ihr ausgerechnet im sagenumwobenen Woodstock Eure Zelte für die Aufnahmen aufgeschlagen habt? War das geplant?
Hmm, geplant? Ja geplant ab dem Moment, wo uns Levon (Helms) eingeladen hat. Levon Helms ist ja nun wirklich eine Ikone und der jungen Generation nicht mehr so bekannt – die Stimme von The Band. Ich darf jetzt allerdings nicht sagen die Begleitband von Dylan, dann würde er ausflippen, weil das immer eine sehr eigenständige Band war. Das war aber auch eine Fügung. Zum Teil auch über Freunde, Freundespropaganda z.B. über Ronnie Wood. So ist das entstanden. Levon sagte auch immer, dass wir eines Tages einfach bei ihm aufnehmen müssten, weil uns das gefallen würde. Ich habe mich komischerweise immer eher im Süden gesehen – New Orleans. Als ich aber anfing die Songs zu schreiben und die ein bestimmtes Bild kriegten – sehr dunkel – durch Trennung, den Tod von Robert (Palmer). Und ich sagte dann, wenn das eher ein dunkles Album wird, dann gehen wir halt nach Woodstock im Winter. Im Grunde ist das einfach ein toller Ort um ein Album aufzunehmen.
Die Scheibe klingt insgesamt sehr, sehr persönlich. „King Of Nothing“, „Mother Hardship“, „Starcrossed“ sind ja alles berührende und tiefgehende Geschichten. Ist dies die emotionalste Arbeit von Dir und wo auch das meiste Herzblut mit eingeflossen ist?
Ja zweifellos. Das Album ist diesmal ja nicht am Reißbrett entstanden. Als ich die Songs geschrieben habe, war das auch eine Therapie für mich. Die Scheidung von Natascha, der Tod von Robert und der Tod von einem anderen Freund zu verarbeiten. Dann gab es noch herbe wirtschaftliche Verluste die ich durch eine Filmgeschichte hatte. Ich habe es zu der Zeit wirklich hart um die Ohren bekommen. Ich fühlte mich viel alleine und habe mich noch mehr abgekapselt. Ich habe dann auch bei Lindenberg aufgehört um mich dann auch wieder selber zu finden. So eine Art Selbstfindung um wirklich auch den Weg zu mir selbst zu finden. Ich hatte mich definitiv verloren. Ich bin zwanzig Jahre durch die Welt gebraust und hab viele Sachen – auch den tragischen Tod meiner Eltern – nicht verarbeitet. Ich bin auch immer mit meinen Gefühlen sehr oberflächlich umgegangen. Ich habe jetzt einfach eine Zäsur mit mir selber gemacht. In den Songs wie „King Of Nothing“ habe ich das dann verarbeitet. Ich singe zwar da immer in der dritten Person, weil ich immer ein bisschen feige bin, aber im Grunde bin ich das. Ich bin dann der, der in den Arm genommen werden muss, also in dem Text dann. So ist das entstanden. Auf einmal war dann ein Zyklus von Songs da und da habe ich gedacht, jetzt treffen die Worte von Robert wieder zu „Carl, wenn Du was zu sagen hast, mach´ ein Album, wenn Du nichts zu sagen hast, dann mach´ eben kein Album“. Ich hatte einfach das Gefühl, ich würde die Songs jetzt gerne mit der Band aufnehmen und dann habe ich mich um einen neuen Deal mit einem Label bemüht. Ich bin jetzt bei dem kleinen Label Ferryhouse. Ich fühle mich da sehr zu Hause und sehr verstanden. Und so ging die Reise dann los.
Also hilft der Prozess des Songwritings beim Loslassen?
Auf jeden Fall. Nicht nur beim Loslassen, sondern auch beim Wiederaufbau.
Fällt Dir es denn schwer jetzt darüber noch zu reden?
Nein überhaupt nicht. Wenn man sich erstmal selbst zugestanden hat mal richtig zu heulen, dann ist man hinterher auch wieder aufgeräumter.
Ist Dein Beruf somit auch Segen und Fluch zugleich? Immerhin ist dieser ja nicht ganz unbeteiligt daran, dass Deine letzte Beziehung in die Brüche gegangen ist?
Sehr, sehr gut ausgedrückt! Wie sagtest Du? Segen und Fluch? Ja das trifft es! Ich frage mich manchmal ob es anderen auch so geht, aber auf mich trifft das total zu. Ich bin dann auch so ein himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt Mensch. Ich kann zwar sehr konsequent in Entscheidungen sein, aber das ist immer ein Kampf und der hört auch nicht auf. Das Künstlerdasein ist manchmal so ein Zwiespalt und man denkt dann, dass man lieber umschulen sollte. Das tolle ist ja, wenn man nicht so in dieser Popschiene drin ist und man künstlerische Freiheit genießt wie ein Maler oder Schriftsteller, dass das alles keine Rolle spielt und man merkt ja, dass man als Handwerker immer besser wird und selbst die Latte immer höher legt und sich nicht mit Oberflächlichkeiten abfindet und das ist dann auch schön und toll.
Hat man da auch Angst, dass man den Leuten auch zu viel von sich Preis gibt?
…auf jeden Fall….
….wenn ich da an „Shadow Of The Wind“ denke, das nicht nur musikalisch sehr berührend ist, sonder auch gerade textlich.
Ja, das Abschiedslied für Natascha. Ich versuche ja immer das in der dritten Person zu schreiben. Ich versuche auch, dass das dann nicht so biografisch wirkt. Klappt aber nicht immer und dann bin das eben ich. Keiner schreibt mir vor, was ich mache. Ich weiß es nicht, ich bin da ein Grenzgänger.
Markiert da „High In A Sweet Release“ so was wie einen Wendepunkt? Die Nummer klingt nicht nur sehr erdig, sondern als wenn Du den Blick wieder nach vorne richtest.
Ja so ist es auch. Der ist auch später entstanden. Ganz kurz vor Woodstock. Ich wollte mich auf meinen Besuch in Amerika vorbereiten und dann bin ich zu Moses Mo nach Atlanta geflogen und habe sie ihm akustisch vorgespielt. Dann kam sein Onkel mit seiner fröhlichen Familie – ganz tolle Menschen – und das war, als wenn wieder Licht durchs Fenster kommt. Ich bin dann nach Los Angeles aufgebrochen und habe da Leona West getroffen – eine tolle Songwriterin – da ist meinn Herz wieder aufgegangen. Ich fühlte mich dann auch wieder wie so ein sechszehnjähriger Junge, der sich verknallt hat. Da dachte ich dann auch „Oh es geht ja noch“ und in dieser Phase ist der Song entstanden. Da kommen dann auch so machomäßige Dinge drin vor und wo ich gemerkt habe, dass ich auch wieder ein bisschen Macho sein kann und darf.
Ist „Keep On Swinging“ dabei Dein Lebensmotto der letzten Jahre gewesen? Und ist der Song von Dylan inspiriert? Ich denke dabei immer an „All Along The Watchtower“.
Echt? Jetzt wo Du es sagst. Ja. Eigentlich ist der überhaupt nicht von Dylan inspiriert. Der ist zu ¾ von Wyzard geschrieben. Aber an Dylan habe ich dabei nicht gedacht. Jetzt wo Du das so siehst, muss ich mal drüber nachdenken.
Ich finde der Einstieg erinnert daran.
Ja, so bambam.
Aber als Lebensmotto geht das auch für Dich durch?
Das stimmt. Das habe ich auch gerne mal unter einen Brief geschrieben – „Keep On Swinging“.
Auf der Platte gibt es mit der Stephen Stills Nummer ja einen Track, an dem auch Dein Sohn Max mitgewirkt hat. Gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Familie eigentlich anders, als mit dem Rest der Bandkollegen?
Mittlerweile nicht mehr. Wir haben auch viel voneinander gelernt. Ich viel Geduld und äh zuhören. Und er hat wohl auch gemerkt, dass er nicht durchs Leben gehen kann mit dem Kopf durch die Wand. Wir haben uns sehr angenähert. Wir sehen uns mittlerweile da als Kollegen an. Wir widmen den Titel ja der Gua Africa-Stiftung des Rappers Emmanuel Jal, der Kindersoldaten im Sudan ins normale Leben zurück hilft. Als ich Eric (Burdon) gefragt habe, ob er den Song mit mir singen möchte, hatte er die Idee, dass Max auch mitmachen soll. Eric kennt Max ja seit Jahren, durch verschiedene Besuche der Familien und Eric ist auch so ein kleiner Philosoph. Der Song kam ja zu Animals-Zeiten raus und er sagte dann zu mir, dass ich die Brücke in die 70er und 80er sei und Max dann für die 90er und heute. So ist es zu der Zusammenarbeit gekommen.
Lässt sich der Sohn denn überhaupt was von Daddy sagen?
Oh ja, mehr denn je. Ich mir allerdings auch von ihm. Das haben wir entwickelt.
Ist man als Vater stolz, dass der Sohn sich auch in dem Haifischbecken Musikgeschäft versucht?
Ich bin stolz auf das was er macht und was er kann. Auch, wenn eben nicht alles so geklappt hat mit DSDS. Er hat nicht so eine Popsängerkarriere, sondern ist auch wirklich ein toller Songwriter und spielt nun mit seiner Band an jeder Milchkanne. Er hat da schon viele Ambitionen. Er arbeitet wirklich und erlernt sein Handwerk. Ich meine, er ist 19 und laß´ ihn noch drei Jahre um die Häuser ziehen mit seiner Band.
Wo Du gerade DSDS erwähnst. Was hast Du denn gedacht, als er mit der Idee ankam dort mitzumachen? Unterstütz man das eher?
Ich habe das nicht unterstützt. Ich konnte da auch nicht anders. Ich habe ihm allerdings auch gesagt, wenn Du das machst, kann man da nicht wie ein Elefant im Porzellanladen andere Leute fertig machen. Du musst konsequent sein, wenn Du aussteigen willst, dann steig aus, aber tritt nicht nach, hau nicht drauf. Du hast Dich immerhin selber entschieden da rein zugehen. Allerdings hat er sich natürlich auch vollkommen naiv – nicht wissend wie die Gesetzmäßigkeiten in dem Geschäft zu dieser Zeit sind – völlig naiv gedacht, dass ihm und der Band das hilft, wenn er da sehr weit kommt. Dass es aber auch Leute gibt, die er eigentlich erreichen will, ihn dann nicht mehr akzeptieren, solche Sachen hat er einfach nicht gesehen. Das ist dann der jugendliche Leichtsinn. Er hat sich dann aber da gut verabschiedet und sich gut rausgelöst und macht jetzt seinen Weg. Auch, wenn manche Leute jetzt zu mir sagen, dass man von ihm nix mehr hört. Ich meine, von Wilco hört man auch nicht jeden Tag was. Er macht jetzt sein zweites Album. Die entwickeln sich und entweder es klappt dann oder es klappt nicht. Das wird schon.
Wo holst Du Dir Deine musikalische Inspiration? Gibt es auch neue Sachen, die Dich kicken?
Ich sag immer, es gibt nur zwei Arten von Musik – gute und schlechte. Ich höre sehr, sehr breit. Jazz z.B. Ich bin ein unglaublicher Fan von The Queens Of The Stone Age. Josh Homme ist für mich ein Genie. Ich habe mich seit ein paar Jahren in die Kings Of Leon verliebt. Arcade Fire hat mich umgehauen. Eine gute Mischung. Da kommen dann auch ganz alte Sachen dazu. Ich habe gerade wieder Little Richard entdeckt, dann ist wieder das neue Album von Elvis Costello da.
Die ultimative Frage, die schon Generationen beschäftigt hat: Beatles oder Stones?
Puh, ich müsste jetzt wohl Stones sagen. Die haben natürlich auch einen großen Einfluss auf mich und später kamen dann die Beatles hinzu. Wenn ich mich aber für drei Alben für die einsame Insel entscheiden müsste, dann wären das wohl „Exile On Main St.“, als zweites die „Greatest Hits Of The Meters“ und als drittes dann das Weiße Album der Beatles.
Sehr gute Wahl! Du Bist ja auch ein gefragter und beliebter Sessionmusiker – Lindenberg und Maffay bezeichneten Dich gerade als Mr. Rock And Roll – gibt es da schon Pläne für weitere Zusammenarbeiten? Als Produzent?
Tabaluga hat sehr viel Spaß gemacht, da konnte man sich so richtig schön austoben. Dann so Geschichten wie mit Rufus Beck. Jetzt werde ich wieder was mit Eric Burdon zusammen machen. Dann werde ich auch wieder mit Jimmy Barnes in Sydney arbeiten.
Tour oder Songs?
Wir wollen erstmal schreiben. Mit einem Zwischenstopp in L.A., damit ich den Winter über nicht alleine bin. Peter (Maffay) hat mich gefragt, ob ich nicht die Tour mit ihm spielen möchte. Ich habe jetzt die Clubtour mit ihm gemacht und das aus einem anderen Blickwinkel gesehen und kennengelernt. Viel lockerer als früher. Das wird mir sicher sehr viel Spaß machen und ich kann auf der Tour auch gut mein eigenes Album promoten, das sind dann so zwei Fliegen mit einer Klappe.
Wie bist Du zur Musik gekommen? Ich habe mal gelesen, Dein Vater hat Dich in so Spelunken geschleppt.
Jaja. Mein Vater hat auf dem Markt seine Tiere verkauft und ich musste dann immer mit – ich war da so 7 oder 8 Jahre – und die Bauern kloppten anschließend in der vernebelten Bude ihren Skat. Jedenfalls, der Typ, der die Kneipe betrieb war nicht aus der Gegend. Irgedein Zigeuner, mit so einem goldenen Zahn. Er sah aus wie ein Gangster oder Pirat, war aber ein ganz lieber Typ. Der hatte da so eine Jukebox stehen und da waren so Sachen wie Otis Redding, Billie Holiday, Ray Charles und John Lee Hooker „Boom Boom“ drin. Ich wusste ja nicht, sind das jetzt Weiße, Schwarze, Gelbe, Grüne die da singen. Ich saß einfach nur auf dem Boden mit meinen Erdnüssen und habe mich in den Sound verliebt wie andere Kinder in ihre Eisenbahnen. Das hat mich beseelt. Daher bin ich dann auch eher mit zwölf in diese englische Musik gegangen. Stones, Small Faces und die ganzen Sachen eher als Beatles und die Popsachen. Ich wollte dann auch ganz schnell selber Musik machen.
Du wohnst ja in Dublin, das ist ja eine sehr lebendige Musikszene. Sind da mal Zusammenarbeiten angedacht?
Oh ja, die ist wirklich sehr lebendig. Ich habe schon mit Liam von den Hothouse Flowers gearbeitet. Ich habe mit Damien Dempsey – einem neuen irischen Sänger gearbeitet – so wie meine Zeit es erlaubt. Auch mit Madness in England hat es sehr viel Spaß gemacht!
Carl, vielen Dank für das Gespräch! Viel Erfolg mit der Platte und viel Spaß auf den Konzerten!
(Soundbase bedankt sich für die freundliche Unterstützung bei Carl Carlton, bei Alexandra Dörrie und Another Dimension Promotion!)