Die französische Sängerin Camille wurde für ihr bisheriges Schaffen, besonders in ihrer Heimat, schon mit dem ein oder anderen Preis geehrt. Ihr Debütalbum verkaufte weltweit über 500.000 Einheiten und allerorten gab es anerkennendes Kopfnicken. Die Frau und ihre musikalischen Visionen sind anders als der ihrer Kolleginnen und Kollegen – ein eigener Kopf halt. Am ehesten kann man noch Vergleiche mit Björk heranziehen. Auch wenn die beiden Damen sicherlich eine andere Ausrichtung und einen anderen Ansatz haben ist es doch meist Musik, die auf sämtliche Konventionen pfeift und in keine Schublade zu passen scheint.
Für die ausgehungerten Fanohren gibt es nun endlich Nachschub. Das neue Album „Music Hole“ kann auch direkt mit einer weiteren Neuerung aufwarten, da die Texte meist in englischer Sprache aufgenommen wurden. Ein weiteres Novum also in der Welt von Camille. Keine Angst, es gibt mit „Music Hole“ alles zu hören, aber ganz sicher keine Anbiederung an den Mainstream.
Extravagant und experimentell sind auch die elf Songs des neuen Werkes. Hier passiert so viel, man weiß als Zuhörer überhaupt nicht, in welche Klangwelt man sich zuerst verirren soll. Die Gesangsarrangements strotzen wieder vor lauter Ambitionen. Eine Humanbeatbox trifft hier auf leichte Elektronik und dies alles wird angereichert mit jeder Menge Alltagsgeräuschen. Hinzu kommt die schier unglaubliche Vokalakrobatik von Camille und fertig ist ein Album, welches manchmal vor lauter Ideen und Klangexperimenten droht aus dem Ruder zu laufen. Vieles ist sehr schön und spannend, vom innovativen, leicht hektischen Albumopener „Gospel With No Lord“ mit einer klaren und glockenhellen Stimme, über das spannende „Kfir“ bis hin zum experimentellen „Money Note“. Als Zuhörer sitzt man da und bekommt zum Teil den Mund nicht mehr zu. Staunen, kopfschütteln, sich in den Bann ziehen lassen – ja das alles vermag Camille mit ihrer Stimme und ihrer musikalischen Umsetzung beim Zuhörer auszulösen. Manche Sachen nerven aber auch und sind schlicht schon unhörbar. Wenn wie bei „The Monk“ regelrechte Opernarien in schräg vorgetragen werden ist das nicht mehr unter interessant abzubuchen, sondern nur noch nervig. Aber gut, auch das ist die Welt von Camille und da muss man halt durch. Dafür klingt das Meiste hier sehr frisch und anders als der übliche Popbrei. Man wird von Camille und ihrer Musik gefordert und das ist man in Zeiten der leichten Musikkost einfach nicht mehr gewohnt, jedenfalls nicht über eine ganze Albumdistanz. Man muss schon genau hinhören und sich mit dem Album beschäftigen.
Fazit: Camille ist immer noch anders und weiß auch mit „Music Hole“ zu überraschen und den ein oder anderen zu verschrecken. Die Stimmakrobatin versteht es immer noch Musik jenseits von allen Schubladen aufzunehmen und ihre Zuhörer zu fordern. Wer sich darauf einlässt, der wird reich belohnt werden – aber auch nur dann. Keine leichte Kost und ganz sicher nicht leicht zu verdauen, aber trotzdem sehr schmackhaft.