Keine andere Band hat je die Stimmungen der Wüste besser vertont wie Calexico. Entsprechend stufte man deren Sound auch als Wüstenrock ein. Staubtrocken und flirrend erzeugen die Songs der Band eine Atmosphäre die ihresgleichen sucht. Musik, die im eigenen Kopfkino unweigerlich einen Film startet. Da wären wir auch schon beim zweiten Stichwort angelangt. Calexico und deren Kompositionen sind die absoluten Lieblinge der Filmindustrie. Kaum eine andere Band oder Künstler wurde derart oft für die Hintergrunduntermalung verwendet. Wenn ein Regisseur nicht weiter weiß, verwendet er auch gerne mal eine Nummer aus der Feder dieser Band, weil deren Musik eben manchmal mehr ausdrückt als so mancher überflüssige Dialog. Gerade erst wurde wieder ein Song des Debütalbums „The Black Light“ in einem neuen Wim Wenders Film verwendet. Calexico sind somit vielleicht die bekannteste unbekannte Band der Welt. Ein Widerspruch? Mitnichten, denn durch ihre enorme Präsenz in einer Vielzahl von Filmen hat die Formation sicherlich mit ihrer Musik schon ein sehr großes Publikum erreicht, denen allerdings der Badname alles andere als geläufig ist.
Mit „Carried To Dust“ machen sie sich nun erneut auf ihre ganz eigene Bildsprache zu vertonen. Bilder, die sich wieder im Kopf des geneigten Zuhörers ergeben und zusammensetzen werden. Das Album bietet also wieder jede Menge Nahrung für die eigenen Gehirnwindungen und regt die Synopsen an. Das Cover, übrigens in guter alter Calexico-Tradition gestalten, gibt auch schon vor, wohin die Reise geht – rauf auf die Straße, rauf auf den staubigen Highway.
Aufgenommen wurde die Scheibe wieder im heimischen Tuscon. Herausgekommen ist ein Ritt, der sich abermals aus Versatzstücken von Jazz, Tango und Latin zusammensetzt. Weltmusik, die aus vielen Einzelteilen eine unglaubliche, aber doch sehr schlüssige Mischung ergibt. Die Trompeten sind übrigens auch wieder dabei! Und so kann nur auf einem Calexico Album ein düster und bedrohlich wirkendes (großartiges) Stück wie „Man Made Lake“, welches einem Tarantino-Film entsprungen zu sein scheint, neben kubanisch angehauchten Nummern im Stile von „Inspiracion“ und „House Of Valparaiso“ stehen. Bei „Slowness“ ist der Titel schon Programm. Es gibt allerdings nicht viele Bands, die es schaffen einen Track so lässig und larmoyant aus dem Ärmel zu schütteln. Eines der wenigen Liebeslieder der Scheibe wird im Duett mit der kanadischen Sängerin Pieta Brown vorgetragen. Kitsch? Wer Slidegitarren kitschig findet, bitteschön. Aber mal ehrlich, Calexico kommen doch eigentlich nie in diese Gefahr und umschiffen die Klippe der zuckersüßen Watte immer gekonnt.
Auch der Gesangsvortrag ist nicht einfach 08/15 Reißbrettmasche. Wenn die Textzeilen bei „Bend To Road“ gehaucht werden ist das nicht ein Anflug von Coolness, sondern Mittel zum Zweck – eine Veredelung des Songs. Wer noch schnell einen Track für seinen nächsten Western sucht, wird vielleicht bei „El Gatillo (Trigger Revisited) fündig werden. Wenn die Platte mir dem ruhigen „Contention City“ ausgeklungen ist, drückt man unweigerlich wieder auf Start um die Scheibe wieder bei „Victor Jara´s Hands“ zu beginnen. Diese Nummer steht übrigens nicht nur exemplarisch für den musikalischen Kosmos von Calexico, sondern unterstreicht, dass die Band auch alles andere als seichte Texte vertont. Die Welt von Calexico ist halt sehr vielseitig, nur einfältig ist sie nie. Überraschen können sie auch, oder wer hätte mit japanischen Klänge wie bei „Two Silver Trees“ gerechnet?
Fazit: „Carried To Dust“ ist abermals ein tolles Album von Calexico. Musik dieser Band ist immer wie eine große Wundertüte. Erwartungshaltungen kann man haben, aber bei Calexico kommt es meistens dann doch ganz anders als man denkt. Das vorliegende Album ist da keine Ausnahme. Ein übersprudelndes Quell an Ideen. Calexico beherrschen die ganz große Kunst, trotz allerlei reichhaltiger Instrumentierung und dieser immensen Ansammlung an Ideen, ihr musikalisches Schaffen nie überladen klingen zu lassen. Dies zeichnet auch „Carried To Dust“ wieder aus und hebt das Werk aus der breiten Masse deutlich ab.